Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

BELLETRISTIK: Die dunkle Seite des Mondes

Ein Roman, der tut, als wäre er Autobiografie: Mit «Moonglow» bringt der amerikanische Bestsellerautor und Pulitzerpreis-Träger Michael Chabon «seinen» Grossvater mit Wernher von Braun zusammen.
Valeria Heintges
Virtuoser Erzähler: der in Berkeley lebende Michael Chabon. (Bild: Oded Balilty/AP (Jerusalem, 18. Juni 2017))

Virtuoser Erzähler: der in Berkeley lebende Michael Chabon. (Bild: Oded Balilty/AP (Jerusalem, 18. Juni 2017))

Valeria Heintges

512 Seiten lang geriert sich Michael Chabons «Moonglow» als Autobiografie. Ganz unschuldig schleicht sich die «Anmerkung des Autors» vor das Werk. «Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich ganz an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie verstehe, beugen.» Wo immer er sich Freiheiten genommen habe, «sei dem Leser versichert, dass es mit der entsprechenden Hemmungslosigkeit geschah». «Hemmungslosigkeit» ist eine drastische Übersetzung des englischen «abandon», das eher Hingabe oder Selbstaufgabe bedeutet.

Aber Michael Chabons langjährige Übersetzerin Andrea Fischer hat recht: Chabon steht hemmungslos zu seiner «Fake-Memoir», wie der 55-Jährige am Montagabend im Zürcher Kaufleuten sein Werk nannte. Es gab einen Grossvater, aber der starb zu früh. Ein Schmerz, der bleibt. «Aus diesem Verlustgefühl heraus habe ich mir selbst ein paar Grosseltern erfunden.»

Die Lückenhaftigkeit der Erinnerung

Krebs im Endstadium löst dem Grossvater die Zunge, und er erzählt dem Ich-Erzähler-Enkel, der Schriftsteller ist, sein Leben. Diese Episode ist authentisch, auch der «echte» Grossvater erzählte auf dem Totenbett Unglaubliches. «Und ich fragte mich die ganze Zeit», so Chabon in Zürich, «wo waren all diese Geschichten, als mein Grossvater lebte und so wenig sprach?» Die Lückenhaftigkeit der Erinnerung ist eines der Themen in «Moonglow». «Ein hochgradig fehlerhaftes Instrument», sagt Chabon, «es lässt aus, bringt in eine andere Reihenfolge. Aber uns bleibt nichts anderes übrig, als uns darauf zu verlassen.»

Als Junge ist der Grossvater ein Tunichtgut. In der Armee sprengt er aus Übermut fast eine Brücke weg. Im Zweiten Weltkrieg hat er einen Einsatz in der «Operation Paperclip», die Wissenschafter des Dritten Reichs aufspüren und in die USA holen soll. Ganz oben auf der «schwarzen Liste»: Wernher von Braun, Vater der V2-Rakete und Kopf der Mittelwerk GmbH, in der die Raketen der Nazis entwickelt und von KZ-Häftlingen unter grauenhaften Bedingungen zusammengesetzt werden. Ein Höhepunkt der Chabon’schen Erzählkunst, wie der Grossvater einen deutschen Priester kennen lernt, wie sie sich beäugen und vorsichtig so etwas wie Vertrauen entsteht.

Nach dem Krieg hat der Grossvater Gelegenheitsjobs, wird gekündigt, erdrosselt seinen Chef beinahe mit der Telefonschnur, landet im Gefängnis, wird frühzeitig entlassen und Mitinhaber einer Firma für Modellflugzeuge. Unter abstrusesten Umständen lernt er doch noch den Hassgeliebten kennen, der ihn als Modellbauer für das Raketenprogramm der Nasa engagiert. Der Grossvater heiratet eine Französin mit tätowierter Nummer auf dem Arm.

Von einem gehäuteten Pferd verfolgt

Ein Leben lang arbeitet sich der Grossvater an Wernher von Braun ab, an dessen Genialität und Verlogenheit, am Nationalsozialismus und an der scheinbar moralischen Überlegenheit der Amerikaner. Die Grossmutter hingegen arbeitet sich an ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer eigenen Lüge ab. Sie wird von einem gehäuteten Pferd verfolgt, das zu ihr spricht und sie quält.

In einem «BuzzFeed»-Artikel besucht Doree Shafrir das Schriftstellerpaar Ayelet Waldman und Michael Chabon in Berkeley, Kalifornien, und diskutiert mit ihnen eine weitere Lesart: Chabon habe mit dem Grossvater sich selbst und seine Ehe mit Waldman beschrieben, die erst kürzlich ihre bipolare Störung öffentlich gemacht hat.

Michael Chabons Werk lädt zu vielen Deutungen ein, es ist voller Details, Geschichten, die so akkurat wie reich an Metaphern erzählt werden. Winzige Motive tauchen mal hier auf, mal dort. Etwa der Mond, titelgebend im Stück «Moonglow» von Glenn Miller, aber auch im Wernher von Braun zugeschriebenen Motto: «Eigentlich gibt es keine dunkle Seite des Mondes. In Wirklichkeit ist dort alles dunkel.»

Der Mond ist auch Zeichen für den Grossvater selbst, dessen Leben ihn durch Höhen und Tiefen führt und der nicht nur eine liebenswürdige, zupackende, ein wenig schlitzohrige Seite hat, sondern auch eine ungeduldige, cholerische. Natürlich ist der Mond auch: Raketen, Raumfahrtechnik, Nasa und Wernher von Braun. Und der ewige Griff zu den Sternen, der Wunsch, ins All fliegen zu können und die Fesseln der Schwerkraft zu überwinden. Die Fesseln der Realität hat Michael Chabon mit «Moonglow» einmal mehr gekonnt abgestreift.

Michael Chabon

Moonglow, Kiepenheuer & Witsch Verlag 2018, 512 S. Fr. 35.90

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.