Berufsrevolutionär ermöglicht ein grosses Finale

Das letzte Piano-Festival ist ein hochkarätiges «Prélude» zum Beethoven-Jahr 2020. Abschiedswehmut schafft auch eine Neuerung zum Schluss.

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Igor Levit spielt die «Appassionata», aber auch «namenlose» Sonaten von Beethoven.Bild: Felix Broede/PD

Igor Levit spielt die «Appassionata», aber auch «namenlose» Sonaten von Beethoven.Bild: Felix Broede/PD

Am 24.November, wenn das Piano-Festival zu Ende geht, ist Schluss. Danach werden die Nebenfestivals von Lucerne Festival an Ostern und am Piano eingestellt. Beim in den letzten Jahren immer beliebiger programmierten Osterfestival gab es gute Gründe für den Entscheid. Zudem hat das Wochenende, das Lucerne Festival im nächsten Frühling als Ersatz durchführt, mit dem Fokus auf Teodor Currentzis mehr Festivalprofil, als Ostern je hatte.

Revolutionär als Programm

Beim Piano-Festival liegt der Fall anders. Als Pianistenparade war und ist es jetzt noch einmal weitherum einzigartig. Wir machen deshalb anhand des diesjährigen Programms die Probe aufs Exempel: Inwieweit wäre das Piano-Festival ein Modell mit Zukunft gewesen?

Programmatisch gehört der letzte Jahrgang zu den profiliertesten der letzten Jahre. Hier gilt nicht nur die Grundidee des Piano-Festivals, dass die Ansammlung von lauter Individualisten am Flügel selber schon Programm ist. Vielmehr hat das «Prélude» zum Beethoven-Jahr 2020 (zum 250.Geburtstag) einen markanten thematischen Faden.

Selbst die Aufführung aller Klavierkonzerte von Beethoven ist etwas Besonderes, obwohl diese in Luzern in den letzten Jahren dreimal zyklisch gespielt wurden – einmal auch mit dem Beethoven-Spezialisten Rudolf Buchbinder und den Festival Strings Lucerne, die jetzt das Piano-Festival eröffnen. Denn der Schulterschluss zwischen internationalem Solisten und einem lokalen Orchester ist ein Beispiel dafür, wie man das Festival durch Kooperationen breiter hätte abstützen können.

Bemerkenswert ist, dass sich ins Beethoven-Thema praktisch alle Rezitals einfügen. Den äusseren Rahmen steckt der isländische Pianist Vikingur Olafsson ab mit der spielfreudigen ersten und der mystisch verrätselten letzten Klaviersonate von Beethoven. Wie dieser Berufsrevolutionär unter den klassischen Komponisten zwischen diesen beiden Sonaten den Individualismus auf die Spitze trieb, zeigen Evgeny Kissin (Titelbild: Johann Sebastian Hänel/Deutsche Grammophon) und Igor Levit. Da stehen nicht nur Meilensteine wie die «Waldstein»-Sonate (bei Kissin) oder die «Appassionata» (bei Levit) auf dem Programm. «Auch ‹namenlose› Sonaten (im zweiten Rezital von Levit) öffnen ein Fenster in eine neue Welt», wie es der deutsch-russische Pianist im Gespräch über seine Aufführung aller Beethoven-Sonaten bis Sommer 2020 sagte.

Gegensätze und Spätfolgen

Damit kommt dieses Piano-Festival der Idee eines gemeinsam mit den Künstlern kuratierten Programms, wie es die Ersatzwochenenden realisieren sollen, ziemlich nahe. Selbst die Rezitals, in denen Beethoven nicht auf dem Programm steht, fügen sich da sinnig ein.

Die Sonaten, die Mitsuko Uchida vom Beethoven-Bewunderer Franz Schubert spielt, bilden mit den endlosen Wanderungen in der letzten Sonate eine extreme Gegenwelt zu Beethovens Dramatik. Vikingur Olafsson verweist mit Bach auf dessen Einfluss auf Beethoven. Arcadi Volodos zeigt umgekehrt die Spätfolgen von Beethoven: Schumanns «Kreisleriana» führt die Individualisierung der Satzcharaktere in Beethovens Spätwerk weiter zu einem Zyklus von Charakterstücken, kombiniert mit Werken von Franz Liszt, dessen Pianistik jene von Beet­hoven radikal weiterführt.

Damit wird mit Beethoven die Individualisierung, die für dieses Festival programmatisch war, zeitgemäss auf die Spitze getrieben. Und da reihen sich natürlich auch die Debütkonzerte ein, die mal mit Domenico Scarlatti (Claire Huangci), früher Moderne (Danae Dörken) und Transkriptionen (Alexander Ullmann) eigene Akzente setzen.

Eine Neuerung zum Schluss

Im Rahmenprogramm bestätigt sich, dass das Piano-Festival punkto Innovation weit hinter dem Sommer zurückblieb. Ohne Verlust gestrichen wird bei dieser Derniere der «Tastentag», der nie das Profil des Erlebnistags im Sommer erreichte – die «Piano Lectures» von Martin Meyer werden einfach wieder separat am letzten Wochenende geführt.

Gemessen an der Kreativität, die man mit musikalischer Improvisation verbindet, bleibt auch das «Off-Stage!» seinem Erfolgsrezept erstaunlich treu. Unter den Jazzpianisten, die in Bars und Hotels auftreten, findet man vertraute Namen, aber nicht etwa jenen von Rudolf Buchbinder, der selber in früheren Jahren Jazz spielte.

Umso bemerkenswerter ist, dass dieses letzte «Piano» mit Workshops für Kinder auch neue Wege geht. Dass sie im Rahmen von «Kultissimo» von Pro Juventute stattfinden, die Kindern die Türen zu Kunst und Kultur öffnen will, stimmt dann doch wieder wehmütig. Denn welches Instrument wäre dafür geeigneter als das nach wie vor populärste Hausinstrument – das Klavier?

Urs Mattenberger

Samstag, 16., bis Sonntag, 24. November 2019. Luzern, verschiedene Lokale. Infos/VV: www.lucernefestival.ch

Das Programm: von Rezitals übers Bar-Piano bis zu Kinderworkshops

Beethovens Klavierkonzerte

Lucerne Festival beginnt am Piano das Beethoven-Jahr 2020. Rudolf Buchbinder leitet vom Flügel aus die Festival Strings Lucerne in zwei Konzerten mit allen fünf Klavierkonzerten von Beethoven. Die Nummern 2 bis 4 erklingen im Eröffnungskonzert (Samstag, 16. Nov., 18.30), das erste und das fünfte am Sonntag, 17. Nov., 18.30.

Schuberts Gegenwelt

Als Kontrapunkt zu Beethoven spielt Mitsuko Uchida ein Schubert-Programm – von der stürmischen Sonate in a-Moll D 537 bis zur letzten Klaviersonate in B-Dur (Montag, 18. Nov., 19.30).

Beethovens Klaviersonaten

Drei Pianisten rücken Sonaten von Beethoven ins Zentrum. Ausgesprochene Schwergewichte spielt Evgeny Kissin in seinem Beethoven-Rezital, darunter die «Pathétique»- und die «Waldstein»-Sonate (Mittwoch, 20. Nov.). Auch Igor Levit führt seinen Beethoven-Zyklus mit einem Meilenstein weiter («Appassionata», Freitag, 22. Nov.). Aber auch unter den «namenlosen» Sonaten in seinem zweiten Rezital findet sich eine seiner Lieblingssonaten: die D-Dur-Sonate op. 10, 3, deren langsamer Satz «in die Tiefe schürft» wie kein anderer (Sonntag, 24. Nov., 17.00). Vikingur Olafsson setzt das Wort Busonis frei um, wonach Bachs Wohltemperiertes Klavier das «alte Testament» und Beethovens Klaviersonaten das «neue Testament» der Klaviermusik sind: Nach Inventionen, Fantasien und Fugen von Bach spielt er Beethovens erste und letzte Klaviersonate (Samstag, 23. Nov., 18.30).

Der Rückkehrer

Nach Jahren als gefeierter Hochleistungsvirtuose entschleunigte Arcadi Volodos seine Karriere. So spielt er bei seinem ersten Auftritt nach 14 Jahren am Lucerne Festival kein Virtuosenprogramm: Von Liszt erklingt unter anderem das visionäre Spätwerk «La lugubre gondola», von Schumann die «Kreisleriana» (Donnerstag, 21. Nov.).

Die Debüts

Drei Pianisten geben ihr Debüt jeweils um 12.15 in der Lukaskirche: Claire Huangci, Gewinnerin des Concours Géza Anda 2018, zeigt ein breites Repertoire von Scarlatti bis Rachmaninow (Mittwoch, 20. Nov.); Danae Dörken spielt sich von Chopin (Sonate Nr. 3) bis zu Debussy, Bartók und Poulenc (Donnerstag, 21. Nov.); Alexander Ullmann kombiniert Liszt mit virtuosen Transkriptionen von Tschaikowsky und Strawinsky (Freitag, 22. Nov.).

Piano «Off-Stage»

Unter den acht Jazzpianisten, die in Luzerner Bars und Restaurants spielen, finden sich altbekannte Boogie-Woogie- und Stride-Pianisten sowie neue Gesichter wie die virtuos groovende Béatrice Kahl («Off-Stage»-Opening im KKL: Dienstag, 19. Nov., 19.30). Neben den «Piano Lectures» von Martin Meyer (Samstag, 23. Nov., 14.00/16.00) und einem Meisterkurs gibt es im Rahmen­programm erstmals Workshops für Kinder ab sieben Jahren. Igor Levit sowie die Jazzpianisten Chris Conz und Bernd Lhotzky führen ihnen ihr Instrument vor (Samstag/Sonntag, 23./24. Nov., www.kultissimo.ch). (mat)