Hardcore aus dem Entlebuch erobert sogar Kuba

Insanity aus dem Entlebuch ist eine erfolgreiche Schweizer Hardcore Band. Jetzt erschien ihr viertes Album.

Michael Graber
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Die Entlebucher Band Insanity hat mittlerweile bereits über 250 Konzerte auf der halben Welt gespielt.

Die Entlebucher Band Insanity hat mittlerweile bereits über 250 Konzerte auf der halben Welt gespielt.

Bild: PD

Es gibt nicht viele Bands aus ­Luzern, die von sich behaupten können, sie seien mal durch Kuba getourt. Insanity kann das. Es gibt auch nicht viele Bands aus der Region, die behaupten können, sie hätten in einem Jahr über 50 Konzerte gespielt. ­Insanity kann das. Und es gibt generell nicht viele Bands, die behaupten können, auch nach ­ 15 Bandjahren noch dieselbe Leidenschaft, denselben Hunger wie am ersten Tag zu haben. ­Insanity kann das.

Vier der fünf Jungs, die all das von sich behaupten können, sitzen an einem Dienstagabend im Parterre in Luzern und sinnieren bei Bier über Musik, die Welt und Freundschaft. Diese Freundschaft ist vielleicht das Erstaunlichste an dieser Band, die einst im Entlebuch geboren wurde und mittlerweile nach Luzern ausgezogen ist.

Das Erstaunliche: Sie ist immer noch da. Drei der fünf wohnen sogar zusammen, man spielt teilweise im selben Fussballverein und am Wochenende tourt man dann zusammen. «Wenn man es so aufzählt, dann klingt es tatsächlich nach etwas viel», sagt Gitarrist Yannick Balmer lächelnd. Klar gehe man sich auch mal auf die Nerven, ­sekundiert Michael Portmann, ebenfalls Gitarrist, «aber das geht recht rasch wieder vorbei». Einzige freundschaftserhaltende Massnahme: Geschäftliche Dinge, die die Band betreffen, besprechen sie an speziellen Terminen. «Da haben wir manchmal unterschiedliche Ansichten», sagt Sänger Tobias Küng. Konkret geht es um ­Konzerte, Merchandise, Videodrehs.

Plattentaufe mit vielen weiteren Bands

Musikalisch benötige es dagegen keine langen, mühseligen Diskussionen. Insanity macht Hardcore. Eine brachiale, mit Metal versetzte Spielart des Punks. Treibend, knackig, wütend. Soeben ist ihr neues, ­viertes Album «Moneyfest» erschienen, und bald wird es im Rahmen des «Hardcore United Fest» in der Schüür mit vielen weiteren Bands getauft.

Hardcore mag meist unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit fliegen, hat aber eine sehr aktive und sehr vernetzte Szene. Und wer sich lange genug in einer gut vernetzten Szene bewegt, der spinnt sein Spinnennetz immer grösser und weiter. «Früher haben wir Konzerte organisiert und Bands aus dem Ausland eingeladen. Dabei war es Usus, dass es als Gage eine Gegeneinladung in deren Heimat gab», sagt Schlagzeuger Raphael Renggli. So spielte man rasch in Deutschland, Frankreich, Tschechien. Das Publikum kam zwar mehr wegen der lokalen Hauptband, aber es kam immerhin. Auf über 250 Konzerte in 15 Jahren blickt Insanity bereits zurück.

Kleine Szenen haben noch einen weiteren Vorteil: Sie sind nicht übersättigt. Während man heute in einer halben Stunde Fahrzeit mittlerweile beinahe ­jeden Abend ein Pop-Konzert hören könnte, sind die Hardcore-Konzerte rarer. Spielt irgendwo eine Hardcore-Band, ist zumindest ein Grundstock an Publikum ziemlich sicher. «Es ist aber eigentlich gar nicht wichtig, wie viele kommen», sagt Portmann, «wichtig ist, dass die Energie zwischen Band und Publikum stimmt.» Aber, so fügt Küng an, «das geht schon einfacher, wenn der Raum nicht halb leer ist».

«Wir legen im Moment immerhin nicht drauf»

Und dann eben dieses Kuba. Wiederum über Kontakte gelangen sie an einen Veranstalter, der gerade eine Tour für mehrere Bands durch die sozialistisch regierte Insel in der Karibik organisierte. «Alles mit Genehmigung und Unterstützung durch das entsprechende kubanische Ministerium», so Balmer. Und der Musikmarkt in Kuba ist nicht übersättigt, sondern ausgehungert. «Wir spielten da in grossen Hallen vor komplett euphorisierten Leuten. Es war verrückt», sagt Renggli. Eigentlich, ergänzt er, hätte man da nachher aufhören können, «besser wird es nicht mehr. Grösser sowieso nicht.»

Damit sind wir elegant bei den Nachteilen von kleinen Szenen gelandet: Insanity mag sich zwar dort einen soliden Ruf erspielt haben, aber um voll auf die Karte Musik zu setzen, springt dann doch zu wenig raus. Vier arbeiten als Lehrer, die Musik dominiert Ferien und Wochenenden. «Wir legen im Moment immerhin nicht drauf», sagt Portmann. Einzelne Bandmitglieder haben Sponsoringverträge mit Equipment-Herstellern abgeschlossen, das Merchandise wirft auch etwas ab.

Alle Bandmitglieder befinden sich an der Schwelle um die 30 Jahre. Es ist dieses Alter, in dem sich plötzlich Prioritäten zu verschieben beginnen. Wo man häuslicher und ruhiger wird. «Natürlich. Das ist uns auch bewusst», sagt Küng. Sie tüfteln aber bereits wieder an einem nächsten grösseren Auslandabenteuer, «es ist aber noch nicht spruchreif». Sie seien «selektiver» geworden bei der Wahl von Konzerten, sagt Balmer, «aber die Freude an jedem einzelnen Gig ist immer noch gleich wie am Anfang».

Insanity: Moneyfest (Bastarized Records). Live: Sa., 28. Dezember, 17.45 Uhr, Schüür, Luzern.