Bestseller oder Experiment? Noch fünf Titel sind im Rennen um den Schweizer Buchpreis – Favoriten sind Elmiger und Lewinsky

83 Titel aus 54 Verlagen waren eingereicht worden. Die Fachjury hat Dorothee Elmigers «Aus der Zuckerfabrik», Charles Lewinskys «Der Halbbart», Tom Kummers «Von schlechten Eltern», Karl Rühmanns «Der Held» und Anna Sterns «Das alles, hier» nominiert. Am 8. November wird der Siegertitel bekannt gegeben.

Hansruedi Kugler
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Dorothee Elmiger.

Dorothee Elmiger.

Peter Hassiepen | Munich

Wenn man Literatur mit einem Zahlenspiel auf ihre Preischancen beurteilen will, läuft der diesjährige Schweizer Buchpreis auf ein Duell hinaus. Alle guten Dinge sind drei – das gilt sowohl für Dorothee Elmiger wie für Charles Lewinsky. Denn beide waren schon zwei Mal nominiert: Elmiger 2010 mit «Einladung an die Waghalsigen» und 2014 mit «Schlafgänger», Lewinsky 2011 mit «Gerron» und 2016 mit «Andersen».

Für beide müsste die dritte Nomination nun eigentlich zum Hauptpreis führen. Aber eben: Am 8. November wird nur eine Autorin oder ein Autor gewinnen. Vergleichen kann man ihre Werke stilistisch ohnehin nicht. Da ist Lewinskys von Erzählfreude übersprudelnde, ironische Umschreibung der Frühgeschichte der Eidgenossenschaft mit der Erfindung der Hellebarde, der Plünderung des Klosters Einsiedeln durch die Schwyzer und am Ende der Schlacht am Morgarten.

Und da ist Elmigers poetisch-essayistisch-politisches Recherchetagebuch über den Zusammenhang von Begehren, Kapitalismus und Kolonialismus, in dem sie vom ersten Schweizer Lottokönig, von der Revolution auf Haiti und vielem mehr berichtet.

Charles Lewinsky.

Charles Lewinsky.

Claudio Thoma

Auf der Bestsellerliste hat Lewinsky die Nase vorn

Schaut man sich die Schweizer Bestsellerliste an, hat Charles Lewinsky die Nase vorne: Vor zwei Wochen gleich auf Rang 1 eingestiegen, steht «Der Halbbart» aktuell auf Rang 2, verdrängt nur vom neuen Roman von Elena Ferrante. Dorothee Elmigers poetisch-essayistisch-politisches Rechercheskizzenbuch «Aus der Zuckerfabrik» stieg vor drei Wochen auf Rang 10 ein, rutschte dann auf Rang 15 und steht derzeit auf Rang 19.

Auf der Bestsellerliste des «Spiegel» hingegen steht derzeit kein einziger Schweizer Titel. Anderseits müsste man Dorothee Elmiger favorisieren, weil sie, anders als Lewinsky, den Sprung von der Longlist auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat und auch noch für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist, sie also im gesamten deutschsprachigen Literaturkritikbetrieb höher gehandelt wird.

Zudem muss man einräumen: Wenn die Bestsellerlisten der Massstab für die Nomination wären, dann müssten zum Beispiel Pascal Mercier mit «Das Gewicht der Worte», Hansjörg Schneider mit «Hunkeler in der Wildnis» oder Arno Camenischs «Goldene Jahre» zu den fünf Auserwählten gehören.

Schweizer Buchpreis

Ziel: Aufmerksamkeit verschaffen

Neben den eidgenössischen Literaturpreisen ist der Schweizer Buchpreis die wichtigste Auszeichnung für literarisches Schaffen in der Schweiz. Der Preis wird seit 2008 von LiteraturBasel und vom Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV ausgerichtet und soll das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk von Schweizerinnen oder Schweizern oder seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz lebenden Autorinnen und Autoren auszeichnen. Eine fünfköpfige Fachjury entscheidet.

Ziel ist es, jährlich fünf herausragenden Büchern grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Dazu dienen auch die Lesereisen mit den Nominierten. Die Auszeichnung ist mit 42‘000 Franken dotiert. Der Gewinner oder die Gewinnerin erhält 30‘000 Franken, die vier anderen Finalisten erhalten jeweils 3000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 8. November 2020, im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel im Theater Basel statt.

Dass der Schweizer Buchpreis eine Werbeveranstaltung für die Schweizer Buchbranche ist, legen die Organisatoren freimütig offen. Die Fachjury mit Personen aus dem Buchhandel, der Literaturkritik und der Universität ist allerdings unabhängig. Lesenswert sind zweifellos alle nominierten Bücher, ein Vergleich unter ihnen ist eigentlich unmöglich.

Das tönt auch in der Pressemitteilung von Jurysprecher Daniel Graf, der Kulturredaktor beim Online-Magazin «Republik» ist, an: «Neben hoher Qualität darf man der Deutschschweizer Prosa 2020 eine grosse stilistische Vielfalt attestieren. Diese spiegelt sich auch in der Shortlist: fünf sehr unterschiedliche Bücher, jedes davon ästhetisch eigensinnig und formbewusst.»

Ein Geheimtipp unter bekannten Namen

Karl Rühmann

Karl Rühmann

Bild: Franz Noser

Als komplette Überraschung findet man unter den Nominierten einen bisher Unbekannten, einen Geheimtipp: Karl Rühmann, 1959 im damaligen Jugoslawien geboren, heute in Zürich als Übersetzer und Dozent an der Story Academy SAL tätig.

In seinem Roman «Der Held», der im Mai im kleinen Zürcher Verlag rüffer & rub herausgekommen ist, lässt er zwei hohe Offiziere von verfeindeten Armeen, die in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagt sind, zu Freunden werden. So liest man denn im Pressetext zum Buchpreis: «Statt vermeintlich klarer Fronten gibt es immer mehr Fragen danach, wie man unter extremen Umständen richtig handelt, nach Schuld und Gerechtigkeit.» Besprechungen finden sich bis anhin keine.

Anna Stern

Anna Stern

Bild: Gianni Bombèn

Dasselbe gilt für Anna Sterns neuen Roman «Das alles hier.jetzt». Allerdings ist ihr Buch gerade erst erschienen.

Die Autorin hat aber für einen Textausschnitt ihres Vorgängerromans den 3sat-Preis beim Bachmannpreis erhalten, wurde mehrfach porträtiert und auch in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» lobend besprochen.

Tom Kummer

Tom Kummer

Bild: Alessandro Della Valle / Keystone

Dass der ehemalige Star-Journalist Tom Kummer mit seinem neuen Roman «Von schlechten Eltern» zu den Nominierten zählt, ist hochverdient.

Sein originelles Roadmovie durch die nächtliche Schweiz ist geprägt von furios-surrealer Atmosphäre, lakonischen Dialogen und einem obsessiven Thema: die unstillbare Trauer über die an Krebs verlorene Frau des Erzählers.