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BESTSELLER: Schmutziges Zeug

Elena Ferrante verwandelt im dritten Band ihres Neapel-Epos die grossen Themen der 1970er-Jahre in mitreissende Literatur.
Anne-Sophie Scholl
Bild: PD

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Wer die besseren Karten gezogen hat, scheint klar: Lina arbeitet unter entwürdigenden Umständen in einer Wurstfabrik und ist alleinerziehende Mutter. Elena hat den Schritt in den Norden Italiens geschafft, ist mit dem Sohn einer angesehenen Familie verlobt und hat soeben ihren ersten Roman publiziert. Das Echo darauf ist gross, aber gespalten. Zustimmung und Widerspruch entzünden sich an Passagen, die als «heikel» beschrieben werden. Mit den Reaktionen auf das Buch setzt Elena Ferrante den Ton: Die Frauenfrage wird sich im dritten Band ihrer Neapel-Tetralogie als drängendes Thema hervortun. Lina sagt zu Elena: «Du hast schmutziges Zeug geschrieben. So was, was Männer nicht hören wollen und Frauen zwar wissen, aber aus Angst nicht sagen». Dass dies ein politisches Thema sein könnte, war sich Elena noch gar nicht bewusst.

Sozialer Kampf der 70er-Jahre

Man schreibt das Jahr 1969. Politische Themen der Stunde sind der Klassenkampf, die Gewerkschaftsbewegung, die Studentenunruhen, der Faschismus und später der Linksterrorismus. Lauter als in den vorherigen Bänden dröhnt der soziale Kampf. Auch die beiden Freundinnen werden in den Aufruhr hineingezogen. Lina, weil die Aktivisten in ihr eine fähige Vertreterin ihrer Ideen in der Arbeiterschaft sehen. Elena, weil sie sich das Vokabular der Studenten aneignet um in der Männerrunde mitzureden. Aber ist der Klassenkampf wirklich das Thema der beiden? Lina erleidet unter dem Druck einen Zusammenbruch. Und dann ist es Elena, die ihr beisteht.

Die Rollen haben sich verkehrt. War es im zweiten Band noch Lina, die durch eine unglückliche Heirat zu Ansehen und Reichtum gekommen, Elena half, ist es nun Elena, die der Freundin zu Hilfe eilt – dank dem Schutz ihrer künftigen Schwiegerfamilie. Und auch wenn Elenas Mann, ein Professor an der Uni, so ganz anders zu sein scheint, als der Ex-Mann von Lina, so steht doch auch diese Ehe unter einem schlechten Stern: Pietro ist ein Langweiler. Er interessiert sich nicht für Elena und nicht für ihre Ideen. Und: Er will zwar nicht kirchlich heiraten, ist aber gegen die neu aufgekommene Pille. So wird Elena ungewollt schwanger. Lina hatte gewarnt: «Das Leben eines anderen Menschen klammert sich im Bauch erst an dir fest, und wenn es endlich rauskommt, nimmt es dich gefangen, hält dich an der Leine, und du bestimmst nicht mehr über dich.»

Schwierige Selbstbehauptung

Selbst im Kreis der «kulturvollsten» Familie im Italien der 1970er-Jahre ist die Selbstbehauptung schwierig: «Ich war Signora Airota, eine durch ihre Fügsamkeit verkümmerte Frau», erkennt Elena. Macht es Lina am Ende besser? Mit Enzo, der sie respektvoll liebt, lebt sie in «wilder Ehe» und erarbeitet sich Computerwissen. «Ich hatte den Eindruck, dass sie zwischen Rückständigkeit und modernem Leben mehr Geschichte hatte als ich. Wie vieles war mir entgangen, weil ich in dem Glauben weggezogen war, zu wer weiss was für einem Leben bestimmt zu sein.» Die Freundinnen verlieren sich aus den Augen. Es sind die Themen der 1970er-Jahre, die Ferrante in eine mitreissende Erzählung verwandelt: das Politische im Privaten, die feministischen Ideen, die fehlende Solidarität unter den Frauen. «Manchmal stellte ich mir vor, was aus meinem und Linas Leben geworden wäre, hätten wir beide das ganze Studium bis zum Di­plom absolviert, Seite an Seite, aufeinander eingespielt, ein perfektes Paar, vereint durch die Kraft des Intellekts und die Freude am Verstehen und am Erfinden. Die Einsamkeit des weiblichen Denkens ist bedauerlich.» Mit wechselndem Erfolg versucht Elena sich durch ihr Schreiben ihre eigene Identität zu erschaffen — es ist das Grundthema der Autorin, die unter einem Pseudonym schreibt.

Anne-Sophie Scholl

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege. Suhrkamp, 540 S., Fr. 28.–

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