BEZIEHUNG: Sarah: Warum klappt das nicht bei mir?

Sarah (40) findet keinen Mann, mit dem sie ihren sehnlichen Wunsch nach einem Kind erfüllen kann. Irgend etwas läuft schief. Was, weiss Sarah nicht. Sie erzählt ihre Geschichte im neuen Buch «Bye, bye Baby?».

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Herbstspaziergänge am Sonntagnachmittag meidet die kinderlose Singlefrau Sarah. Um sich den Anblick glücklicher Familien zu ersparen. (Bild: Getty)

Herbstspaziergänge am Sonntagnachmittag meidet die kinderlose Singlefrau Sarah. Um sich den Anblick glücklicher Familien zu ersparen. (Bild: Getty)

Annette Wirthlin

Irgendwann Mitte Januar, als ich gerade meinen Eisprung hatte, kam mir der skurrile Gedanke: Das wär sie jetzt gewesen, deine allerletzte Gelegenheit, Mutter zu werden, bevor du 40 wirst. Die habe ich jetzt natürlich längst verpasst. Kein Wunder! Ist ja auch weit und breit kein Mann da, der mit mir – und ich mit ihm – ein Kind würde haben wollen. Ich habe es so was von satt, immer der Sonderfall zu sein, diejenige, die zu jedem Fest auch dann allein antrabt, wenn es heisst: «Anhang willkommen». Sarah, die Einzelpackung. Sarah, der ewige Single. Wenn ich mir vorstelle, dass das jetzt für immer so bleibt – grauenhaft.

Das letzte Mal, dass ich richtig mit jemandem zusammen war, liegt schon ewige Zeiten zurück – genauer gesagt: elf Jahre. Er hiess Patrick und war ein herzensguter Mensch. Wir lebten während des Studiums mehrere Jahre zusammen, ich studierte Journalistik, er Wirtschaft. Wir kannten unsere jeweiligen Familien, machten gemeinsam Ferien – das volle Beziehungsprogramm eben. Wir hatten uns sehr gern, aber irgendwann kam uns die Leidenschaft abhanden. Unser Zusammensein war bequem geworden, und es schien mir zu früh dafür, sich dieser Bequemlichkeit zu ergeben. Ich wollte mehr erleben – auch sexuell. Patrick und ich waren wie Bruder und Schwester. Vielleicht war ich – oder waren wir – auch einfach noch zu jung?

Seit Jahren kein «Ich liebe dich»

Patrick war übrigens der einzige Mann in meinem ganzen Leben, der zu mir die Worte «Ich liebe dich» gesagt hat. Wenn ich mir das vor Augen halte, könnte ich heulen. Nur ein einziger Mensch hat mir das je gesagt. Nach ihm, also seit ich ungefähr 28 war, hat es mit den Beziehungen irgendwie nicht mehr geklappt. Ich habe zwar in den vergangenen elf Jahren immer wieder Männer kennen gelernt, mich auch durchaus in sie verliebt und so etwas wie Beziehungen mit ihnen angefangen, aber irgendwann stellte sich immer heraus, dass diese Männer es anders sahen, dass sie sich nie wirklich zu mir bekennen wollten. So wurden immer bloss flüchtige, halbe Sachen daraus.

Die Männer, in die ich mich in all diesen Jahren verliebt habe, waren typischerweise glitschig wie Fische – man konnte sie nie ganz fassen. Sie entsprachen meist dem Typus Lonely Cowboy – etwas verwegen, tendenziell fremdgehend, sehr charmant, aber nie da, wenn man sie brauchte. Dass dies nicht das Idealprofil eines Kindsvaters ist, ist mir sonnenklar. Aber ich kann doch nicht steuern, in wen ich mich verliebe! Mich faszinieren Männer, die alles andere als durchschnittlich sind. Einer beispielsweise hielt gefährliche Giftschlangen in einem Terrarium. Ein anderer war Kameramann und begab sich auf allerlei extreme Wildnisexpeditionen. Einer war sogar mal im Knast – wobei das nun wirklich nicht vertrauenserweckend ist. Ein Psychologe würde wohl sagen, ich hätte das falsche Beuteschema, und ich würde mich damit selbst boykottieren. Wobei, das Fiese an der Sache ist ja, dass einige dieser Männer später jeweils sehr wohl Familienväter wurden – einfach halt mit anderen Frauen.

Was stimmt nicht mit mir?

Tja, was stimmt nicht mit mir – abgesehen davon, dass ich mich offenbar in die Falschen verliebe? Wenn mir jemand von einem Menschen erzählen würde, der seit elf Jahren allein ist, würde ich wahrscheinlich denken, der hat eine Schraube locker oder ist furchtbar unsympathisch oder hässlich. Bei mir trifft nichts von all dem zu. Ich halte mich überhaupt nicht für seltsam, eigenbrötlerisch oder menschenscheu, im Gegenteil: Ich kann es eigentlich ganz gut mit anderen Menschen. Ich gehe gerne unter die Leute. Ich sage auch fast immer ja, wenn mich jemand zu etwas einlädt. Denn wer weiss, was daraus entsteht?

Es nagt an mir

Bei der Arbeit weiss übrigens kein Mensch von meinem Kinderwunsch, sonst würden mir womöglich noch gewisse Karriereschritte prophylaktisch verunmöglicht. Ich will nicht, dass man mir den Stempel der Enddreissigerin mit Torschlusspanik aufdrückt – obwohl ich leider genau in diese Kategorie falle. Im privaten Umfeld hingegen bin ich ausgesprochen offen. Meine Freunde und Familienangehörige wissen, wie sehr das Thema an mir nagt. Jedes Mal, wenn sich an der Dating-Front etwas Vielversprechendes abzeichnet, freuen sie sich mit mir. Und wenn mal wieder nichts daraus geworden ist, bauen sie mich auf. Es ist verrückt, wie oft ich schon Sätze gehört habe, wie: «Wo schauen die Männer bloss hin? Du siehst doch so gut aus.» Oder: «Du bist doch so eine liebenswerte, humorvolle Frau.» Das tut gut – aber es sind halt nie die potenziellen Ehemänner, die das sagen, sondern immer Freundinnen, Schwule, Onkel und Tanten, verheiratete Kollegen.

Ich bin nicht zu «wählerisch»

Manchmal muss ich mir tatsächlich anhören, ich sei zu wählerisch. Das macht mich echt wütend. Natürlich gab es immer mal wieder Männer, die ernsthafte Absichten hatten und mich näher kennen lernen wollten, aber bisher war keiner darunter, mit dem ich es mir hätte vorstellen können. Wenn sich ein Mann für mich zu verbiegen beginnt, und das haben manche getan, dann verliert er für mich den Reiz.

Meine Freundinnen gaben sich ja auch nicht mit dem hinterletzten Trostpreis-Mann zufrieden, sondern sie haben gewartet, bis sie jemanden fanden, der ihnen gefällt. Ich kann doch nicht mit jemandem zusammen sein, in den ich nicht mal ein Fünkchen verknallt bin! Und was heisst überhaupt wählerisch? Ich warte ja nicht auf den Traumprinzen, der mit mir in den Sonnenuntergang reitet. Er muss weder in Sachen Aussehen noch in Sachen Ausbildung ein Lotto-Sechser sein.

Aber ja, er soll mir gefallen, und ich möchte mit ihm ein Gespräch auf Augenhöhe führen können. Er dürfte von mir aus auch schon Kinder haben. Ich bin nicht abgeneigt, das Patchworkmodell zu leben. In meinem Alter hat schliesslich jeder ein Vorleben. Dass ich meine bessere Hälfte noch nicht gefunden habe, liegt meiner Meinung nach weder an meinen Ansprüchen, noch an meiner Karriere, noch an mir als Person – es ist ganz einfach Pech. Oder soll man es Schicksal nennen?

«Katze im Sack» will ich nicht

Nicht, dass ich es nicht versuchen würde, diesem Schicksal auszuweichen. Oh, nein! Ich habe unzählige Versuche mit Männern gestartet. Ich habe auch schon überlegt, ob ich darum nie eine seriöse Beziehung finde, weil ich mit meinen Dates zu schnell im Bett lande. Lehrbücher würden wohl davon abraten. Aber ich kaufe nicht gerne die Katze im Sack. Wenn die Chemie so weit stimmt, möchte ich herausfinden, ob es – pardon – auch in der Kiste funktioniert. Ich lasse mich auch wirklich nur dann beim ersten Date auf Sex mit jemandem ein, wenn ich daran glaube, dass aus uns etwas werden könnte. Ein paarmal habe ich mich jetzt aber bewusst zurückgehalten, um zu sehen, ob es einen Unterschied macht.

Ein Beispiel: Bei einer Grillparty lernte ich kürzlich David kennen, einen Lehrer. Er bemühte sich, lud mich zu sich nach Hause zum Essen ein. Er hatte eine richtig coole Dachwohnung, mit Vintage-Möbeln sehr geschmackvoll eingerichtet, und er hatte etwas Leckeres gekocht. Bis spät in die Nacht sassen wir auf seinem Balkon, tranken Wein und redeten über Gott und die Welt. Es war ein wunderschöner Abend, jedenfalls für mich. Als ich ihm in der Woche darauf eine SMS schrieb mit der Frage, ob er mal auf ein Feierabendbier mit mir kommen möchte, antwortete er: Nein, danke, er wolle sich den Abend lieber frei halten. Wie schlimm ist das denn? Er hat lieber gar keine Verabredung als eine mit mir. Und was hat es mir genützt, dass ich mit ihm nicht ins Bett gegangen bin? Nichts. Er hat mich ja gleichwohl abblitzen lassen.

Seit einigen Monaten versuche ich es wieder einmal mit Internet-Dating. Ich habe auf diesem Weg schon früher einige ganz nette Männer kennen gelernt, gefunkt hat es jedoch nie gegenseitig. Leider ist die Ausbeute jetzt noch massiv schlechter als beim letzten Versuch vor fünf Jahren. Manche Zuschriften sind völlig unrealistisch. Ich fliege doch nicht für ein Date nach Norddeutschland! Zudem werde ich praktisch nur noch von Männern angeschrieben, die meine Väter sein könnten. Man könnte echt auf die Idee kommen, beim eigenen Alter zu mogeln. Aber früher oder später würde er es ja doch erfahren.

Botox gegen Sorgenfalten

Von wegen mogeln: Zu den Bemühungen, meine Partnersuche aktiv zu beeinflussen und meinen Marktwert zu steigern, gehört neuerdings auch, dass ich mir meine Sorgenfalte über der Nase mit Botox wegspritzen lasse. Niemand würde mir so etwas zutrauen, und nicht einmal meiner besten Freundin habe ich davon erzählt. Ich weiss, es ist bescheuert und passt eigentlich hinten und vorne nicht zu meiner Einstellung. Aber man muss sich da gar nichts vormachen: Beim ersten Date sind Äusserlichkeiten leider Gottes nicht unwichtig. Wäre ich nicht auf der Suche und davon überzeugt, dass jugendliches Aussehen zuträglich ist, würde ich so etwas nie machen.

Derzeit führe ich wieder einmal eine Beziehung, von der ich weiss, dass sie keine Zukunft hat. Ich spiele darin die unrühmliche Rolle der «anderen Frau». Der Mann ist gebunden und betrügt mit mir seine Frau. Er betont immer wieder, dass er sie nicht verlassen will. Nichtsdestotrotz trifft er mich wöchentlich für ein paar schöne Stunden im Bett. Ich versuche, mir einzureden, dass ich keinerlei Gefühle für ihn habe, doch vergebens. Und das spürt er ganz offensichtlich. Jedenfalls liegen nach seinen Besuchen jeweils im Bad keine gebrauchten Kondome im Abfalleimer. Ich schliesse daraus, dass er sie einpackt und mitnimmt, aus Angst, ich könnte ihm eine Schwangerschaft unterjubeln. Dass er mir so misstraut, tut weh. Solche Ideen sind mir zwar in der Verzweiflung schon durch den Kopf gegangen, aber ich könnte sie niemals in die Realität umsetzen.

Samenbank – nein danke!

Mit dem Gedanken, auf anderen unkonventionellen Wegen Mutter zu werden, spiele ich gelegentlich schon. Das ging einmal so weit, dass ich auf der Website einer Klinik in Dänemark herumsurfte, wo man sich durch Samenspenden schwängern lassen kann. Aber schwanger werden von einem anonymen Spender, und das gegen Geld – ich kann es mir nicht vorstellen.

Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr glaube ich, dass es bei meinem Kinderwunsch nicht per se um den Drang geht, ein Baby zu haben. Das Baby wäre vielmehr die logische Folge aus der Partnerschaft, die ich mir so sehr wünsche, etwas, das dann einfach dazugehören würde.

Ich bin nicht die, die Kinder a priori vergöttert. Ich liebe meine zwei Patenkinder, dennoch krieche ich nicht stundenlang mit ihnen auf dem Boden herum und spiele mit verstellter Stimme Playmobil oder Prinzessin Lillifee. Als Kindergärtnerin wäre ich die grösste Fehlbesetzung. Und doch möchte ich, wenn irgend möglich, ein Kind in meinem Leben haben. Ich könnte trotzdem eine gute Mutter sein, das weiss ich. Irgendwie gehört es doch zum Leben einer Frau, diese Erfahrung machen zu können. Ich möchte meine Gene weitergeben. Ich bin neugierig, wie es denn wäre, dieses Kind, mein eigen Fleisch und Blut. Aber ich möchte dieses Kind gemeinsam mit einem Partner aufwachsen sehen und mir sowohl die Freude als auch die Erziehungsaufgaben mit jemandem teilen, den ich liebe und der mich liebt. Ich mag eine selbstbestimmte, berufstätige, modern denkende Frau sein, aber das traditionelle Bild von Familie hat mich dennoch geprägt.

Ich habe mein «wildes» Single-Leben zur Genüge gelebt – gezwungenermassen. Ich sehne mich danach, endlich anzukommen, mich zu binden und niederzulassen – und ja, meinetwegen auch Händchen haltend auf dem Flussuferweg spazieren zu gehen am Sonntag. Einen Partner und Kinder zu haben, würde für mich bedeuten, die Gewissheit zu haben, wer zu mir gehört und wohin ich gehöre. Es wäre wie ein entspanntes Ausatmen am Ende einer langen, emotionalen Achterbahnfahrt.

Hinweis
* Annette Wirthlin ist Redaktorin unserer Zeitung. Die hier abgedruckte Geschichte von Sarah ist ein stark gekürztes Porträt aus ihrem soeben erschienenen Buch «Bye Bye, Baby?» (siehe Kasten).

 

Wenn die Uhr tickt

Buch red. In unserer modernen Gesellschaft, wo Geburtenkontrolle und berufliche Verwirklichung von Frauen längst eine Selbstverständlichkeit sind, werden Frauen immer später in ihrem Leben zum ersten Mal Mutter. Allen Fortschritten der Reproduktionsmedizin zum Trotz bleibt das Zeitfenster, in dem sich Frauen fortpflanzen können, aber begrenzt. Für immer mehr Frauen kommt daher irgendwann nach 35 der Wunsch nach Kindern mit den Fakten der Biologie in Konflikt.

In «Bye Bye, Baby? Frauen im Wettlauf gegen ihre biologische Uhr» berichten betroffene Frauen aus ihrem Leben zwischen Hoffnung, Selbstvorwürfen und Torschlusspanik. Zudem vermitteln verschiedene Fachleute in Gesprächen mit der Autorin interessante Fakten über das Phänomen Kinderwunsch und philosophieren über dessen Hintergründe. Das Buch erscheint dieser Tage im Werd Verlag. Unsere Abonnenten können es für 22 statt 29 Franken über www.abopassshop.ch beziehen.