BILANZ: Eine Öffnung bis hoch zum «Orchestergipfel»

Orchesterjuwelen ohne Abbado und Stars in lockerem Rahmen: Das Lucerne Festival, das morgen zu Ende geht, verzeichnet eine Rekordauslastung.

Urs Mattenberger
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Strassenmusik: Guappecarto in der Buvette am Inseli (21. 8). (Bild Corinne Glanzmann)

Strassenmusik: Guappecarto in der Buvette am Inseli (21. 8). (Bild Corinne Glanzmann)

Die Konzentration auf vier (statt fünfeinhalb) Wochen hat den Lucerne-Festival-Sommer nicht nur verkürzt, sondern intensiviert. Das bestätigt die gestern präsentierte Bilanz von Intendant Michael Haefliger. In den grossen Verkaufsveranstaltungen gab es nicht nur mehr Publikum als 2013 (66 500, plus 1,8 Prozent), sondern eine sensationelle Rekordauslastung von 95 Prozent.

Öffnung bis ins Zentrum hinein

Obwohl 20 dieser 56 Konzerte ausverkauft waren, zeigt das, so Haefliger, eine «perfekte Balance zwischen Angebot und Nachfrage». Das galt selbst für die gleichmässig gut verkauften Sinfoniekonzerte (98 Prozent; Debüts 93, Moderne: 73 Prozent). Das Total der Besucher (80 000) bleibt nur unter dem der letztjährigen Jubiläumsausgabe, weil Veranstaltungen im Freien (13 500) wetterbedingt weniger gut besucht waren.

Mit der Verdichtung zeichnete sich auch die Entwicklung hin zu künftigen «Erlebnistagen» (Haefliger) ab. Dafür braucht es zwar noch mehr Mut zu unkonventionellen Konzertzeiten an den Wochenenden. Aber dass das funktioniert, zeigten der ausverkaufte Auftritt von Lang Lang mitten am Nachmittag oder die gut besuchten, erstmals starbesetzten Lounges und Late Nights im Bourbaki und im KKL.

Mit den «Young»-Projekten und den Gratiskonzerten der «40min» (im Schnitt 500 und damit 100 Besucher mehr als im Vorjahr) führte das die Öffnung des Festivals auf hohem Niveau weiter. Die Sitzkissen für Kinder und die Warteschlange, die sich für das «40min» mit Simon Rattle bis zur Strasse bildete, waren dafür ein starkes Symbol.

Die wichtigsten Standbeine bleiben aber das Lucerne Festival Orchestra und die Festival Academy, für die dieser Sommer Zäsuren markierte. Klar ist die Bilanz im Fall der im Hintergrund weiterhin von Boulez geleiteten Academy: Hier standen orchestrale Grossprojekte unter Rattle und Heinz Holliger für eine so ambitionierte wie für das Publikum attraktive Öffnung der Moderne.

Schwieriger ist nach 26 Sinfoniekonzerten die Bilanz im Fall des Festivalorchesters (LFO), das nach Abbados Tod im «durchgehend hohen Orchestergipfel» (Haefliger) seinen Sonderstatus auch in der Auslastung einbüsste. Das aber lag nicht an Andris Nelsons als Dirigent. Das Orchester nämlich verdankte seine Reputation unter Abbado den Sinfonien von Mahler und Bruckner, woran zuletzt bereits Abbados Klassikerdirigate nicht anschliessen konnten.

«Humor»: Nelsons dirigiert Mahler

Umso bemerkenswerter war, dass der Lette Nelsons mit einzelnen Werken von Brahms dessen Qualitäten mit eigenen Vorstellungen zu verbinden vermochte. Das war ein Versprechen auf eine neue Zukunft. Und erst recht müsste das der Fall sein, wenn er Werke eigener Wahl dirigiert – zum Beispiel einen durchaus «neuen» Mahler-Zyklus oder Wagner, mit dem er in Bayreuth gefeiert wird.

Tatsächlich dirigiert Nelsons nächstes Jahr Mahlers Fünfte, wie der Ausblick auf den Sommer 2015 zeigt. Dass das LFO im anderen Programm von Bernard Haitink dirigiert wird, ist kein Hinweis auf ein weiteres Probejahr: Der neue Leiter soll dieses Jahr bestimmt werden. Die Chance, dass es Nelsons ist, ist hoch, auch weil er «beim Orchester wie beim Publikum gut angekommen ist».

Die Mahler-Sinfonien des Festival-Orchesters passen zum Thema des nächsten Sommers, «Humor». Dazu gehören etwa Verdis «Falstaff» (unter Jonathan Nott) oder die Gastkomponisten Jürg Wyttenbach und Tod Machover: Dessen «Sinfonie für Luzern», zu der jeder Klänge beisteuern kann, führt als Grossprojekt der Academy die Öffnung nochmals weit in die Stadt hinaus.