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BIOGRAFIE: Der Pioniergeist des Free Jazz wird zugedeckt

Die grosse Pianistin Irène Schweizer wird 75-jährig. Zu diesem Anlass erscheint eine voluminöse, aber insgesamt eher enttäuschende Biografie.
Irène Schweizer bei einem Auftritt im Casino Luzern (2011). (Bild: Corinne Glanzmann)

Irène Schweizer bei einem Auftritt im Casino Luzern (2011). (Bild: Corinne Glanzmann)

Zu ihrem 70. Geburtstag trat die Pianistin Irene Schweizer 2011 in der Zürcher Tonhalle auf; sechs Jahre zuvor war sie bereits in einem anderen Tempel des Kulturbürgertums, dem KKL in Luzern, umjubelt worden (beide Konzerte gibt es auf CD). Und so wurde die Jazzpianistin vom «Tages-Anzeiger» mit einem leicht maliziösen Unterton gefragt, ob sie zum 75. Geburtstag im Opernhaus Zürich spielen werde, worauf diese unmissverständlich antwortete: «Nein, bestimmt nicht. Diese Hochkultur brauche ich nicht, schon gar nicht die Oper, die ist der Horror.»

Tochter eines Wirtepaars

Tatsächlich kehrte Irene Schweizer zu ihrem 75. Geburtstag an den Ort zurück, wo sie als Tochter eines hart arbeitenden Wirtepaars auf die Welt gekommen ist. In Schaffhausen findet alljährlich ein Festival statt, dessen Fokus auf den Schweizer Jazz gerichtet ist und dessen aktuelle Ausgabe gestern zu Ende ging. Heuer traten auf der Hauptbühne mit einer einzigen Ausnahme ausschliesslich Bands auf, die von Frauen geleitet werden. Da durfte die lesbische Feministin Schweizer natürlich nicht fehlen.

Am Festival wurde auch die voluminöse Schweizer Biografie des Berliner Autors Christian Broecking präsentiert. Vom Visionär Ornette Coleman, der zu Schweizers Lieblingsmusikern zählt, stammt das Bonmot: «Alles ist miteinander verbunden. Wir brauchen nur die richtige Nadel für den Faden zu finden.» Broecking hat diese Nadel nicht gefunden.

Die Lektüre gestaltet sich ziemlich frustrierend, weil man narrative Süffigkeit wie auch analytische Stringenz vermisst. Dass es anders geht, zeigen Olivier Senn und Toni Berchtold im selben Buch mit ihren aufschlussreichen, aber leider viel zu kurzen «Beobachtungen und Gedanken zur Musik von Irene Schweizer». Während Broecking seiner Zitierwut auf über 370 Seiten nach Lust und Laune frönen kann, müssen sie sich mit mageren 11 Seiten begnügen.

Collage mit vielen Zitaten

Broecking hat keinen Text abgeliefert, sondern eine Collage. Man hat es mit einem Zitatensalat ohne Sauce respektive mit einem Text ohne Reflexion zu tun. Patrik Landolt zum Beispiel, der Schweizers OEuvre auf Intakt Records auf exemplarische Weise kuratiert, reiste mit der Pianistin in den 1980er-Jahren durch die DDR, wo es manch brenzlige Situation mit Humor oder Hartnäckigkeit zu meistern galt: «Wir haben über die Reisesituationen und die kulinarischen Höhepunkte, die wir erlebten, viel gelacht. Vor allem nach den Konzerten irgendwo eine abgefuckte Hotelbar aufgesucht, wo man noch einen süssen Sekt trinken konnte. Das waren spannende Zeiten.»

Unpolierte Perlen

Broecking verzichtet durchgehend darauf, aufschlussreiche Zitatpassagen vertiefend zu kommentieren. So vergleicht die Saxofonistin Co Streiff Irene Schweizer mit dem Maler Mondrian: «Ihre Harmonik ist wie ein Bild von Mondrian, sie hat Farben, die klar und leuchtend sind, und sie spielt fast wie ein Bild von Mondrian, die Linien sind so klar, präzise und rhythmisch.»

Für viele Aufnahmen Schweizers leuchtet dieser wunderbare Vergleich ein, insbesondere für diejenigen, für die Thelonious Monk Pate stand. Doch wie sieht es mit dem Frühwerk aus den Sturm-und-Drang-Jahren des europäischen Free Jazz aus, den Irene Schweizer mitbegründete? Wäre dafür nicht eher der Vergleich mit dem Action-Painter Jackson Pollock angebracht? Schade, dass Broecking die raren Perlen nicht poliert, sondern mit Textmasse zudeckt.

Tom Gsteiger

Hinweis

Christian Broecking: Irene Schweizer – Dieses unbändige Gefühl der Freiheit. Broecking Verlag, 480 Seiten, ca. Fr. 48.–.

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