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BIOGRAFIE: Glaube, Hoffnung, Schaffenskraft

Zum 100. Geburtstag des Schweizer Komponisten Paul Huber erscheint erstmals ein umfassendes Werkverzeichnis. Hanspeter Spörri zeichnet einleitend ein lebendiges Porträt des tiefgläubigen Musikers.
Bettina Kugler
Paul Huber 1998 in der Tonhalle St. Gallen während einer Probe zu seinem Cellokonzert. (Bild: Philipp Baer)

Paul Huber 1998 in der Tonhalle St. Gallen während einer Probe zu seinem Cellokonzert. (Bild: Philipp Baer)

Bettina Kugler

kultur@luzernerzeitung.ch

Freundlich und zuversichtlich blickt der Bub in die Kamera. Das erstaunt angesichts der Umstände im Jahr 1928, in welchem das Foto entstand. Gerade erst waren beide Eltern, Bauern in Kirchberg im Alttoggenburg, hintereinander an den Folgen einer Fleischvergiftung gestorben und hatten sieben Waisen hinterlassen. Aufgereiht wie Orgelpfeifen sieht man die Geschwister Huber; ein Kind fasst das nächstgrössere am Arm. Rechts im Bild steht Paul, zu diesem Zeitpunkt als Zehnjähriger der Älteste. Emil, der Erstgeborene, lebt schon nicht mehr, Adolf, der Jüngste, kam als Totgeburt zur Welt.

Eine Familienkatastrophe liegt unmittelbar hinter den Kindern; gleichwohl sieht man dem Knaben Paul Huber an, dass er daran nicht zerbricht, sondern im Unglück «ein unwahrscheinliches Glück» erfahren wird, wie Hanspeter Spörri in seinen biografischen Skizzen zum 100. Geburtstag des Musikers und Komponisten schreibt.

Hubers Kindheit und Jugend bei den Pflegeeltern, die ihn annehmen und wohlwollend fördern, widmet sich Spörri denn auch zu Recht ausgiebig. Ebenso den prägenden musikalischen Erlebnissen und dem Einfluss des Kirchberger Dorfschullehrers und Chorleiters Josef Heinrich Dietrich. Hier liegen die Wurzeln zum Verständnis des Schaffens und der Persönlichkeit Paul Hubers.

Die Musik wirkt tief auf seine Seele

Erhellend, in seinem Tagebuch zu lesen, wie selbstverständlich er als Jugendlicher zur Messe geht und wichtige Entscheidungen ins Gebet nimmt, wie tief Musik auf seine Seele wirkt und bald zu seiner stärksten Sprache wird. Den Ertrag bestaunt man im umfangreichen Werkverzeichnis, dem ersten vollständigen – denn Huber komponierte bis kurz vor seinem Tod 2001 in anhaltender Schaffenskraft. Zwei Drittel des schön gestalteten Buches nimmt es ein. 460 ausgearbeitete Werke bilden das Œuvre, dominierender Block ist die Sakralmusik: Huber verstand sein Tun «als einen unaufhörlichen Dank an den Geber der Gaben». «Deo gratias», schrieb er unter jede seiner Kompositionen.

Pflichtbewusst und mit «vertschudelter» Mähne

Neben geistlicher Musik für Liturgie und Konzertsaal schuf er grosse Orchesterwerke, Kammermusik – und, auch hier seinen ländlichen Wurzeln treu, Blasmusik. Dabei gelang ihm, sowohl Kenner wie auch einfache Musikanten anzusprechen und zu begeistern. Den Künstler Paul Huber und seinen Weg vom Bauernkind zum Musikstudenten (der abschliessend nach Paris ging und in der Kompositionsklasse von Nadia Boulanger entscheidende Impulse erhielt), zum Komponisten und Hauptlehrer an der St. Galler Kantonsschule zeichnet Hanspeter Spörri tatsächlich nur skizzenhaft. Umso lesenswerter ist der Text. Lebhaft und plastisch stellt er den Lehrer und Musiker, den Familienvater und Spaziergänger vor Augen, mit «vertschudelter» Mähne und Fliege, «sinnierend mit einer Zigarette». Höchstens zwei oder drei davon paffte Huber pro Tag auf dem Fussweg zur Kanti, Marke Turmac, Sinnbild seiner «fröhlich»-katholischen Lebensart. Später nahm er mit Marlboro vorlieb – ein Hauch von Abenteuer in seinem der gewissenhaften «Pflichterfüllung» gewidmeten Dasein.

Mit behutsamer Neugier nähert sich Spörri dem Musiker, besonders wenn er privateste Dokumente in Händen hält: etwa Hubers Liebesbriefe an seine Braut Hedi Gähwiler. So gelingt ihm, die Leser an inneren Bewegungen und Erschütterungen beinahe so ahnungsvoll teil­haben zu lassen wie in Paul Hubers Musik.

Hinweis

Paul Huber. Der Komponist und sein Werk. Hrsg. von Bernhard Hangartner, Eva Martina Hanke und Hanspeter Spörri. VGS Verlagsgenossenschaft, 234 Seiten, Fr. 29.50 .

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