BIOGRAFIE: Jörg Schneider ist viel mehr als der Kasperli

Für Rollen als Liebhaber war er zu klein und zu rund. So wurde er Komiker. Und Kasperli. Doch im Leben von Jörg Schneider gab es auch viel Ernstes. Nicht zuletzt privat.

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Auftritt 1946 im Stadttheater Zürich mit 11 Jahren, Die Komödie ist sein Hauptfach: 1960 als Clown, Jörg Schneider (80) heute,
mit Hündin Mara, sowie die unsterbliche Erfolgsgeschichte:
das Kasperli-Trio Paul Bühlmann, Ines Torelli und Jörg Schneide (von links oben im Uhrzeigersinn).

Auftritt 1946 im Stadttheater Zürich mit 11 Jahren, Die Komödie ist sein Hauptfach: 1960 als Clown, Jörg Schneider (80) heute, mit Hündin Mara, sowie die unsterbliche Erfolgsgeschichte: das Kasperli-Trio Paul Bühlmann, Ines Torelli und Jörg Schneide (von links oben im Uhrzeigersinn).

Arno Renggli

Für Millionen Schweizer Mädchen und Buben war und ist er der Kasperli. Damals und heute immer noch, wenn auch die neuste Generation diesen Klassiker entdeckt und lieben lernt. Fluch oder Segen für Jörg Schneider? Er selber sagte immer, dass er dem Kasperli viel verdanke. Dass er gerne an die Zeit zurückdenke, als er mit Ines Torelli und Paul Bühlmann die legendären Aufnahmen machte. Dass er aber nicht auf den Kasperli reduziert werden möchte.

Darum ist dieser und seine «Holzöpfelkollegen» ein einziges Kapitel in der Biografie Jörg Schneiders. Nicht mehr und nicht weniger. In einer Biografie übrigens so viel vorweg – die bestens unterhält und auch oft sehr berührt.

«Rampensau schon im Chindsgi»

Jörg Schneider war für die Bühne geboren. Von klein auf, so schreibt er, habe ihn nichts anderes interessiert. Dass er im Kindergartenstück nicht die Rolle des Prinz Frühling bekam, sondern eines der acht Schneeglöggli spielen musste, war bereits ein Fingerzeig auf seine ganze Karriere: Für Heldenrollen war er nicht gemacht. Doch typisch, dass er sogar als Schnee­glöggli eine Riesenshow abzog. «Ich war schon im Chindsgi eine richtige Rampensau.»

Keine Heldenrollen also, aber Klein-Jörg machte auch aus kleinen Rollen etwas. Besonders, wenn sie komisch waren. Kein Zufall also, dass er als Jüngling beim Cabaret landete. Die Gruppe ­«Äxgüsi» so auch der Titel seines Bu­ches – gründete er mit, dabei war auch ein gewisser Jürg Randegger, der später mit dem Cabaret Rotstift zum Evergreen werden sollte (und jetzt mit «Rotstift Reloaded» wieder auftritt).

Die ganz Grossen des Volkstheaters

In der Folge lesen sich Jörg Schneiders Erinnerungen wie ein «Who is Who» der grossen Schweizer Volkstheaterzeit: Margrit Rainer, Vincenzo Biagi (der ihm eine Rolle wegschnappte und später sein Freund wurde), Elisabeth Schnell, Rudolf Bernhard (der exzentrische Basler Schauspieler und Gründer des Bernhard-Theaters), Schaggi Streuli, Hans Gmür, Inigo Gallo, Lilo Pulver, natürlich Ruedi Walter. Und vor allem, nicht nur wegen des Kasperli, Ines Torelli und Paul Bühlmann, beiden ist ein eigenes Buchkapitel gewidmet.

Gleich zwei Opfer des Alkohols

«Bühli» war sein genialer Kompagnon, den der Alkohol dann zu früh ins Grab brachte. «Manchmal habe ich heimlich geweint in meiner Ohnmacht, ihn nicht vom Alkohol abhalten zu können», schreibt Schneider. Wie schlimm muss es für ihn gewesen sein, dass auch sein Sohn Urs am Alkohol zu Grunde ging. Diese persönliche Tragödie seines Lebens ist das berührendste Kapitel. Zu den schönsten Episoden gehören dafür diejenigen mit seiner Frau Romy, mit der er seit 52 Jahren verheiratet ist. Und der er, in grossmütiger Liebe, einmal sogar eine kleine Eskapade mit dem deutschen Autor Michael Ende zutraut.

Humor und Emotion

Er lässt nichts aus, Jörg Schneider. Viele Player im Showbiz beschreibt er positiv, manch einer aber kriegt sein Fett ab. Sehr unterhaltsam ist etwa das Kapitel über den legendären Kulturveranstalter Eynar Grabowsky, einen Mann mit ungeheurem Tatendrang und einem desaströs chaotischen Umgang mit Geld.

In Jörg Schneiders eigener Karriere gab es zum einen viele Erfolgsgeschichten. Darunter die Kinderproduktionen wie «Ringgi und Zofi» oder «Jim Knopf». Für schwierigere Momente sorgte zum anderen etwa die öffentlich stark angefeindete TV-Serie «Motel» (40 Folgen ab 1984), in welcher er die Hauptfigur des Kochs Koni Frei spielte.

Höhen und Tiefen hat Jörg Schneider erlebt, entsprechend kann er aus dem Vollen schöpfen. In meist kurzen Kapiteln erzählt er voller Humor, aber auch mit ehrlicher Emotion. Es ist eine der interessantesten und schönsten Schweizer Biografien der letzten Jahre.

Jörg Schneider: «Äxgüsi». Tudor, 176 Seiten, Fr. 34.90.