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BIOGRAFIE: John Le Carré – nachts rief Kurt Furgler an

Der britische Schriftsteller und Ex-Agent John Le Carré erinnert sich an sein bewegtes Leben – und auch an die Schweiz.
Rolf App
Spionage ist seine Passion. Autor John Le Carré in seinem Haus in London. (Bild: Keystone)

Spionage ist seine Passion. Autor John Le Carré in seinem Haus in London. (Bild: Keystone)

Rolf App

In der Schweiz beginnt sein Abenteuer, hier endet es – vorläufig. Denn David Cornwell, besser bekannt unter seinem Schriftstellernamen John Le Carré, feiert zwar nächsten Monat seinen 85. Geburtstag, ist aber geistig bei vollen Kräften. Davon zeugen seine Erinnerungen, die soeben auch auf Deutsch unter dem Titel «Der Taubentunnel» erschienen sind. Er hat sie mit blitzendem Humor und grosser Lust an der Pointe geschrieben. Ihr Untertitel «Geschichten aus meinem Leben» macht klar, worum es geht: Le Carré schreibt keine klassische Autobiografie, denn dazu ist er viel zu diskret. Wie Engländer halt so sind.

Aber der Schweiz verbunden, das fühlt er sich seit langer Zeit. Und schon im ersten Satz seines Buches: «Ich sitze an meinem Schreibtisch im Souterrain des kleinen Chalets, das ich mir mit den Erlösen aus meinem Buch ‹Der Spion, der aus der Kälte kam› in einem Bergdorf der Schweiz gebaut habe», fängt es an. Und weiter: «Es liegt neunzig Zugminuten entfernt von Bern, jener Stadt, in die ich mit sechzehn aus meiner englischen Privatschule floh und wo ich mich an der Universität einschrieb.»

Hier studiert er 1948/49 deutsche Literatur – ein Anachronismus so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier tritt der britische Geheimdienst an ihn heran und wirbt ihn an. Es ist ein Schritt mit lebenslangen Folgen. «Wäre ich an einem anderen Ort als Bern jemals vom britischen Geheimdienst angeworben worden, um als Botenjunge das zu tun, was man in der Branche ‹alles Mögliche› nennt?», fragt er sich heute zu Recht.

Fanpost von Möchtegernspionen

Später wird er dank seiner exzellenten Deutschkenntnisse unter dem Deckmantel eines angehenden Diplomaten an die britische Botschaft in Bonn versetzt werden und dort jene Erfahrungen sammeln, die in seine ersten Spionageromane einfliessen – Bücher wie «Schatten von gestern» (1961), «Ein Mord erster Klasse» (1962), «Der Spion, der aus der Kälte kam» (1963) und «Krieg im Spiegel» (1965), in dessen Zentrum der Geheimagent George Smiley steht. Mit ihnen hat er so grossen Erfolg, dass er 1964 den Dienst beim Geheimdienst Ihrer Majestät quittieren und sich ganz dem Schreiben widmen kann.

Allerdings: Spezialist für die Geheimdienste und allerhand heikle Operationen bleibt er weiter – selbst wenn er sich selber gern darüber lustig macht. «Möchtegernspione machen den grössten Teil meiner Fanpostschreiber aus», erzählt er, «dicht gefolgt von denjenigen, die sich als Verfolgungsopfer der Geheimdienste sahen.»

Dann und wann rächt sich seine «falsche Identität»: 1982 klingelt mitten in der Nacht in Le Carrés Londoner Wohnung das Telefon. «Der Anrufer war ein berühmter Schweizer Politiker, den ich zufällig kennen gelernt hatte.» Der Mann ist in der Bredouille: Eine Gruppe jugendlicher polnischer Dissidenten hat die polnische Botschaft in Bern besetzt. «Ob ich wohl bitte kommen und sie entfernen könnte, da ich mich ja in solchen Dingen auskennen würde.»

Kurt Furgler erklärt den Vorfall zum Scherz

John Le Carré schwört, er habe keinerlei Erfahrung in «solchen Dingen» und könne überdies kein Wort Polnisch. Dann hört er nichts mehr vom nächtlichen Anrufer, hinter dem sich Bundesrat Kurt Furgler verbirgt, erfährt aber aus den Medien, dass er die Botschaft habe stürmen lassen. Und als er Furgler ein halbes Jahr später auf einer Skipiste begegnet, «erklärte er leichthin alles zu einem harmlosen Scherz».

Die Figur von George Smiley macht ihn reich, aber auch etwas bequem. Das erfährt John Le Carré, als er 1974 in Hongkong eintrifft, das er zum Schauplatz seines gerade abgeschlossenen Romans «Dame, König, As, Spion» gemacht hat. Entsetzt stellt er fest, dass er in seinem Haus an den Steilklippen von Cornwall zu sehr den Ortsbeschreibungen eines veralteten Reiseführers gefolgt ist, und kommt zum Schluss: «Es war an der Zeit, mich unbekannten Welten zu stellen.» Er schnürt sein Bündel und bricht auf nach Kambodscha und Vietnam, nach Israel und Palästina, nach Russland, Mittelamerika, Kenia und in den östlichen Kongo.

Wochenlang harrt er aus, bis ihn Jasser Arafat in seine Nähe lässt. Er vertraut sich dem Kriegsberichterstatter David Greenway an, der ihn, den Ängstlichen, in die Schützengräben von Fernost mitnimmt, wo er Menschen kennen lernt, denen er in seinen Erinnerungen ein Denkmal setzt. Menschen wie Yvette Pierpaoli und ihren Mann, den Schweizer Kurt, einen ehemaligen Kapitän. In Phnom Penh hat sie ihre Lebensaufgabe entdeckt: Kinder zu retten, auch wenn rundherum geschossen wird. Yvette ist schlau, doch 1999 stirbt sie im Kosovo, als ihr Wagen in die Tiefe stürzt. Sie lebt weiter in Le Carrés «Der ewige Gärtner».

«Ich hatte mehrmals Fünflinge, Sie Idiot!»

Seine Lieblingsgeschichte von ­Yvette handelt vom Auftritt der Beherzten mit einer Gruppe von kambodschanischen Waisenkindern. Sie gibt sie auf dem französischen Konsulat als ihren eigenen Nachwuchs aus, um Pässe für sie zu bekommen. Der Beamte zweifelt: «Aber diese Kinder sind alle gleich alt!» Sie antwortet: «Ich hatte mehrmals Fünflinge, Sie Idiot!» Der Konsul gibt sich geschlagen, fragt nach den Namen der Kleinen. Yvette zählt auf: «Lundi, Mardi, Mercredi, Jeudi, Vendredi ...»

Die Wahrheit verbirgt sich in den Nuancen. Und manchmal sind die Bösen kultivierte Menschen: wie Thomas, dem Le Carré im Osten des Kongo begegnet, als er für «Geheime Melodie» recherchiert. Thomas ist gross und charmant, trägt einen perfekt geschnittenen blauen Anzug und ist Warlord. Sein Volk, die Banyamulenge, führt seit Jahrzehnten Krieg, weil es von allen verfolgt wird. Vor allem von den Mai-Mai, die das «heilige kongolesische Land» schützen wollen.

Das kann leicht trübsinnig stimmen. Doch am Ende seines Besuchs im Kongo landet John Le Carré während der Ausgangssperre in einem Club. Draussen herrscht Totenstille, drinnen spielen Männer Billard und sitzen hübsche Mädchen an der Bar. Eines von ihnen sagt: «Der Kongo hat ja jede Menge Probleme, aber auf den Strassen von Bukavu begegnet man weniger deprimierten Leuten als in New York.»

Scotland Yard muss warten

Das Guthaben eines Schriftstellers sei seine Kindheit, zitiert John Le Carré den Autorenkollegen Graham Greene und fügt bei: «Nach dieser Rechnung bin ich als Millionär zur Welt gekommen.» Sein Vater Ronnie war ein Hochstapler mit wechselndem Glück, aber Stil. Ein Empfang im Claridge’s muss unterbrochen werden, weil zwei Beamte von Scotland Yard Ronnie verhaften wollen. Er überredet sie, bis zum Ende der Party zu warten, und bittet sie herein.

Während er bis heute keine Ahnung hat, was für eine Art Mensch die Mutter war, bleibt der Vater stets gegenwärtig. «Manchmal verdränge ich den Gedanken an ihn, manchmal ist er noch immer der Berg, den es zu bezwingen gilt.»

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