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BIOGRAFIE: Tausend Leben zwischen London und Luzern

Die Mäzenin Ursula Jones-Strebi (85) ist im Luzerner Musikleben präsent wie eh und je. Der Schriftsteller Heinz Stalder zeichnet, ausgehend vom wilden «Living London», ihr Leben lebensnah nach.
Fritz Schaub

Der Schriftsteller Heinz Stalder hat ein Buch über die Mäzenin Ursula Jones-Strebi geschrieben, die mit 85 Jahren noch immer mitten im Leben steht und mit unerschöpflicher Energie ihrer Fördertätigkeit nachgeht. Der ­Titel «Die tausend Leben der Ursula Jones» wirkt dennoch auf den ersten Blick übertrieben. Aber liest man das Buch, wird es einem schwindlig ob all der Aktivitäten, welche die gut gelaunte Frau «zwischen Luzern und London, Musik und Archäologie» (Untertitel) an den Tag legt.

In ihrem schmucken Londoner Haus logierte zeitweise als Untermieter auch der Autor, um journalistischer Tätigkeit nachgehen zu können (u. a. für die Sportredaktion der NZZ). Nur so lässt sich erklären, weshalb man alle Begebnisse praktisch aus erster Hand erfährt.

Der Verfasser nimmt einen entlang eines losen Leitfadens kreuz und quer mit durch das aufregende Leben dieser Nachtfrau mit minimalem Schlafbedürfnis. Durch die Fülle an brillant formulierten Anekdoten und Beobachtungen wird das wilde «Living London» der Sechzigerjahre mit seinen Künstlerszenen unmittelbar gegenwärtig.

Anfänge mit Daniel Barenboim

Stalder berichtet, wie die kinderlos gebliebene Ursula Jones sich zwei Träume verwirklichte. Der erste war ein eigenes Orchester, als sie 1960 das Management des English Chamber Orchestra übernahm und dem jungen Pianisten Daniel Barenboim erste Gehversuche als Dirigent ermöglichte (der Maestro steuert das Vorwort zum Buch bei). Zeitweise führte der Klangkörper als English Opera Group die Kammeropern Benjamin Brittens auf.

Der andere Traum war das Studium der vorkolumbischen Kultur an der London University, das sie 1992 mit einer brillanten Dissertation abschloss. Seither hielt Mrs Dr. Jones Vorlesungen und organisierte Kulturreisen nach Mexiko. Vor allem aber und bis heute fördert sie finanziell und ideell unermüdlich junge Musikerinnen und Musiker.

Im Kapitel «Die Ernis von Winkelried» geht das Buch auf die Anfänge der Luzernerin ein, die mit ihrem aufmüpfigen Wesen Eltern und der Schule Sorgen bereitete. Lieber als zu den Berühmtheiten, die während der Internationalen Musikfestwochen im Elternhaus verkehrten, zog es sie zu Tanten und Onkeln. Unter ihnen war als damals bekennender Kommunist der Maler Hans Erni, dem Ursula fast alles glaubte. Für Aufruhr sorgte, als sie auf die Wandtafel schrieb: «Liebt Väterchen Stalin». Sie absolvierte aber dann doch brav die Töchterhandelsschule und liess sich zur Übersetzerin ausbilden.

Auch schmerzliche Erlebnisse verschweigt das Buch nicht. Etwas zu sehr im Detail ausgeführt wird die Enterbung, die Ursula Jones offenbar bis heute nicht ganz überwunden hat. Anlass dazu bot 1956 die Heirat mit dem Trompeter Philip Jones, der nicht den Vorstellungen der Eltern entsprach, obwohl er später mit seinem Philip Jones Brass Ensemble Geschichte schrieb.

Kein Bruch mit den Eltern

Fakt ist aber auch, dass es nicht zum Bruch mit der Familie kam. Ja, Hans Ernis Schwester kaufte an der Rebstockhalde ein Einfamilienhaus, das sie den beiden für ihre Luzerner Aufenthalte zur Verfügung stellte und in dem unter der Obhut der Strebis (Walter Strebi war Mitbegründer der Musikfestwochen) Konzerte veranstaltet wurden. 1964 konnte das Ehepaar Jones mit Hilfe eines Darlehens von Vater Strebi auch das Haus in London erwerben.

Am Schluss kommt das Buch auf die Gegenwart zu sprechen. Als Ursulas Mutter 107-jährig starb, ging ihr Vermögen in die Maria-und-Walter-Strebi-Erni- Stiftung über. Ursula, die im Stiftungsrat des Lucerne Festivals sitzt, übernahm das Präsidium. Dabei trennt sie ihre Tätigkeit in London von der auf die Zentralschweiz ausgerichteten Stiftung. Diese ist neu Hauptsponsor der Début-Reihe des Festivals, an der Musikhochschule Luzern hat Ursula Jones einen Philip-Jones-Preis für den besten Blechbläser gestiftet. Und in ihrem Testament steht, dass der Erlös der Liegenschaft in London an kulturelle Institutionen gehen wird.

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Heinz Stalder: Die tausend Leben der Ursula Jones. 2002 Seiten, viele Fotos. NZZ Libro. Fr. 49.–.

In der ersten Late Night Show des Lucerne Festivals ist Ursula Jones Gast bei Moderator Moritz Eggert (Dienstag, 5. September, 22 Uhr, Foyer, Eintritt frei).

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