BIOGRAFIE: Trudi Gerster – auch im echten Leben eine grosse Erzählerin

Sie musste im Mittelpunkt stehen und wollte nicht alt werden. Doch vor allem war Trudi Gerster bis zu ihrem Tod vor drei Jahren eine berührende Märchenerzählerin.

Rolf Appkultur@luzernerzeitung.ch
Drucken
Schon in jungen Jahren war Trudi Gerster eine packende Erzählerin. (Bild: Keystone/Archiv Migros (Landi-Ausstellung 1939))

Schon in jungen Jahren war Trudi Gerster eine packende Erzählerin. (Bild: Keystone/Archiv Migros (Landi-Ausstellung 1939))

Eine besonders enge Beziehung hat die St. Galler Autorin Franziska Schläpfer (71) von Haus aus nicht zu ihr gehabt. «Ich selber habe nie Trudi Gerster gehört, meine Kinder auch nicht», sagt sie. Doch erwies sich diese Distanz als ganz gute Voraussetzung für die Biografie, die sie über Trudi Gerster verfasst hat.

Genug Material war da: «Trudi Gerster hat alles aufbewahrt, bis hin zu den Bussenzetteln.» Die nicht allzu selten waren. Gersters Familie hat Schläfer Zugang zu diesem Schatz an Aufzeichnungen gewährt, der Sohn und die Enkel sind zur Verfügung gestanden für Gespräche. Entstanden ist ein Lebensbild, in dem es Licht und Schatten gibt, aber dessen Faszination man sich nicht entziehen kann.

Doch die Tochter hat ihren eigenen Kopf

Denn fasziniert hat Trudi Gerster ganze Generationen in ihrem langen Leben, das am 6. September 1919 in St. Gallen seinen Anfang nimmt und am 27. April 2013 in Basel zu Ende geht – bis fast zuletzt ist sie aktiv gewesen.

Ihr Talent entdeckt die Tochter eines Schriftsetzers und einer Stickerin, die dank der vom Vater mitbegründeten Büchergilde Gutenberg schon früh eine leidenschaftliche Bücherleserin wird, 1939 an der Landesausstellung in Zürich. Die Mutter sähe es gerne, sie würde Schneiderin, der Vater denkt an ihre Heirat. Doch die Tochter hat ihren eigenen Kopf.

Als einziges Arbeiterkind besucht sie das Gymnasium, sie wird vom Theatervirus gepackt. Sie spielt und singt in Aufführungen mit, nimmt Sprechstunden in Zürich, ein deutscher Regisseur offeriert ihr einen Ausbildungsvertrag in Berlin. Doch der Vater, ein guter Bekannter des Flüchtlingsretters Paul Grüninger, sagt: «Nein, zu den Nazis gehst du nicht.» Stattdessen fesselt sie an der Landesausstellung im Kinderparadies täglich Hunderte von Zuhörern.

Sie wird Schauspielerin, bekommt als «jugendliche Naive» einen Vertrag am Stadttheater St. Gallen, zu dessen Ensemble sie von 1941 an fünf Spielzeiten gehört. 1946 heiratet sie. Mit Walter Jenny, ihrem Mann, zieht sie nach Basel. Vier Jahre später kommt eine Tochter, 1952 ein Sohn zur Welt. Bald erkennt sie, dass ihre Schauspiel-Tourneen und die Kinder nicht unter einen Hut zu bringen sind. Dafür tut sich ein anderes Leben auf: jenes der Märchenerzählerin.

«Es muss in der richtigen Stimmung grunzen»

Trudi Gerster schlüpft mit Haut und Haar in ihre Figuren. Leicht ist das nicht. «Die Kinder empfinden ihre Mutter oft als Tier», beschreibt Franziska Schläpfer die Szene. «Sie übt stundenlang: blökt, knurrt, gackert, quakt, zischt und wiehert, faucht und schnurrt.» Grunzen sei einfach, sagt sie. «Aber nicht jedes Säuli ist gleich; es muss einen Charakter haben, es muss in der richtigen Stimmung grunzen.»

Das ist jene Kunst, die Trudi Gerster perfektioniert. Alt werden will sie nicht, noch 2009 ist sie mit neunzig mit der «Märlikarawane» unterwegs. Unablässig kauft sie Antifaltencreme. Als ein Notarzt sie nach dem Alter fragt, antwortet sie: «Das geht Sie nichts an!»

Tonträger, Bücher, Radiosendungen, TV-Auftritte, Märchenstunden: Trudi Gerster ist überall, stets will sie im Zentrum stehen. «Bei jedem Familientreffen ging es um Erfolg», erzählt Tochter Esther Jenny-Keshava, «alles drehte sich um sie und ihre Karriere.»

Auch Veranstalter kriegen ihre Egozentrik zu spüren. Franziska Schläpfer erzählt vom Organisten Rudolf Lutz, der an einen Märchenabend mit Orgel-Improvisationen denkt – und am Ende froh sein kann, dass er doch noch ein paar Töne spielen darf. Lutz realisiert: «Sie braucht gar keine Orgel, sie ist eine Orgel.» Und beschreibt Trudi Gerster als «begnadete Erzählerin», die «wie eine Solosängerin jeden Affekt darstellen konnte».

Im Mittelpunkt steht sie auch im Basler Grossen Rat, in dem sie hartnäckig den Naturschutz verficht. Unablässig schreibt sie Zeitungspolemiken und Leserbriefe. Auch der Polizei ist sie wohl bekannt, denn ihre Fahr- und Parkierkünste sind legendär. Einmal landet sie beinahe im Gefängnis, weil sie ihren Döschwo auf einem Fussgängerstreifen abgestellt hat. Sie behauptet, Nachtbuben hätten das Auto verstellt. Worauf der Richter meint: «Sie sind zwar eine bekannte Märlitante, aber suchen Sie sich einen anderen Empfänger für diese Geschichte.»

Rolf App
kultur@luzernerzeitung.ch