BIOGRAPHIE: Martin Luther in seinen Widersprüchen

Die Historikerin Lyndal Roper zeichnet das Bild eines verwirrend vielgestaltigen Menschen und klammert auch Luthers problematische Seiten nicht aus – zum Beispiel Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus.

Rolf App
Drucken
Teilen
Wichtig für Luthers Breitenwirkung sind die zeitgenössischen Bilder, die sein Freund Lucas Cranach von ihm gemalt hat. Hier posiert er mit Philipp Melanchthon. (Bild: PD)

Wichtig für Luthers Breitenwirkung sind die zeitgenössischen Bilder, die sein Freund Lucas Cranach von ihm gemalt hat. Hier posiert er mit Philipp Melanchthon. (Bild: PD)

Rolf App

kultur@luzernerzeitung.ch

Martin Luther steht am Scheideweg. Des Kurfürsten von Sachsen engster Berater warnt ihn: Er sei nicht sicher in der Stadt. Doch Luther ist stur. «Wir werden in Worms einziehen», schreibt er, «sollten sich auch alle Pforten der Hölle und die Gewaltigen, die in der Luft herrschen, dawider setzen.» Der Kaiser hat ihm freies Geleit zugesichert, doch was will das bedeuten? Hundert Jahre zuvor hat man Jan Hus ähnliche Versprechungen gemacht und ihn 1415 in Konstanz als Ketzer verbrannt. Luther ist auf alles gefasst, Tausende Schaulustige säumen an diesem 16. April 1521 die Strassen.

Er könne nicht widerrufen, erklärt er vor den Fürsten des Reichs. Auch nicht, was er über die Tyrannei des Papstes geschrieben habe, obschon er dabei manchmal «etwas heftiger und schärfer gewest» sei als nötig. Gemäss dem Bericht seiner Unterstützer schliesst Luther mit den Worten: «Hie stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helff mir, amen.» Im offiziellen Protokoll taucht dieser legendär gewordene Satz nicht auf. Am Abend verfasst Kaiser Karl V. eigenhändig einen Bescheid: Es könne nicht sein, dass ein einzelner Mönch recht habe, deshalb müssten Luther und seine Anhänger exkommuniziert und «vertilgt» werden. Dann gewährt er ihm sicheres Geleit nach Hause. Unterwegs entführen ihn Bewaffnete des Kurfüsten und bringen ihn auf die Wartburg in Sicherheit.

Druckschriften, Briefe, Gespräche: Jede Menge Quellen

Nichts macht Luther so sehr zum Helden wie sein Auftritt in Worms. Noch lange wird er darauf verweisen, dass er den Mut gehabt habe, sich mit den beiden grossen Mächten der Zeit anzulegen, der päpstlichen und der kaiserlichen – auch in den internen Machtkämpfen, die schon bald beginnen. Und in denen sich zeigt, wes Geistes Kind dieser Mann ist.

Ein Blick in Luthers Innenleben ist deshalb geboten in diesem Jahr, da sich der Beginn der Reformation zum 500. Mal jährt. Die Quellen fliessen reichlich, auf die sich die Oxforder Historikerin Lyndal Roper bei ihrer Erkundung des Menschen Martin Luther stützen kann. Denn Luther hat nicht nur, den kürzlich erfundenen Buchdruck nutzend, seine Gedanken mit selten nachlassender Energie unters Volk gebracht – in deutsch, nicht im gelehrten Latein. Er hat auch unablässig Briefe geschrieben an seine Getreuen und an die vielen Gläubigen, die ihn etwa in Ehedingen um Rat angegangen haben. Sein Haus in Wittenberg, ein ehemaliges Augustinerkloster, war gross und stets bevölkert von Studenten und Gästen, denen er bei Tisch gern seine Gedanken entwickelte.

Lyndal Roper erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, dessen streitbarer, jähzorniger Vater, Bergbauunternehmer von Beruf, gern hätte, dass er Jurist wird. Alles deutet in diese Richtung, da verletzt Luther sich schwer – und wird geheilt. Nicht lange danach ist er zu Fuss unterwegs und gerät in einen Sturm. Er ruft die heilige Anna an, verspricht, er werde ins Kloster gehen, wenn er überlebe. Und kommt davon. 1505 tritt Martin Luther in Erfurt in den Augustinerorden ein, die Beziehung zum Vater wird noch lange gestört sein.

Lyndal Roper gibt dem Luther-Biographen und Psychoanalytiker Erik Erikson Recht, «wenn er meint, dass sich Luthers schwierige Beziehung zu seinem Vater in seiner Theologie widerspiegele: Gott wurde Luthers Vater, ein Vater, der weit mächtiger war, als Hans Luder es je sein konnte.» Doch es stecke noch mehr dahinter: «Luthers Verständnis von Gott erfasste den Abstand zwischen Gott und Mensch in der grundsätzlichen Unmöglichkeit, Gott zu erkennen. Der bequeme evangelische Blick auf Jesus als einen Freund war Luther fremd.»

Luthers Kampf mit Gott, sein Kampf um jene Gewissheiten, an denen er dann eisern festhält: Das ist die eine Seite. Und die andere, das sind die Widersprüche. Lyndal Roper greift ein besonders wichtiges Kapitel heraus, wenn sie schreibt: «Wir haben es mit einem Mann zu tun, der unter allen Denkern einige der frauenfeindlichsten Äusserungen machte und der trotzdem nicht nur für ehelichen Sex eintrat, sondern auch forderte – und das ist entscheidend –, dass dieser für Frauen und Männer gleichermassen lustvoll sein sollte.»

Luther, der Patriarch und die Juden

Ein anderer Widerspruch: Luther, der sich in Worms so standhaft geweigert hat zu widerrufen, verlangt genau dies von seinem Mitstreiter Andreas Karlstadt. Dessen Popularität, so darf man vermuten, ist Luther ein Dorn im Auge. Weit lieber sind ihm ergebene Parteigänger wie Philipp Melanchthon, der 1530 an einem weiteren Reichstag in Augsburg an seiner Stelle verhandelt. Der Kaiser ist ehrlich an einer Einigung zwischen Katholiken und Reformierten interessiert, mit einer wahren Briefsalve aber hintertreibt Luther das. Der Rebell ist zum Patriarchen geworden, der, bestens vernetzt mit ihm gewogenen Fürsten, wütend gegen alle und alles wettert, was sich seinen Auffassungen in den Weg stellt. Angefangen hat das mit jenen Beschimpfungen, die er 1524 den aufständischen Bauern entgegenschleudert. Ihnen will Luther beibringen, dass man der Obrigkeit gehorchen muss, selbst wenn sie ungerecht handelt.

Und es findet einen Höhepunkt in jenen Hasstiraden, mit denen er 1543 die Juden belegt. Antisemitische Bemerkungen ziehen sich schon länger durch seine Tischgespräche, jetzt aber fordert er die Herrscher auf, Synagogen niederzubrennen. Er formuliert «ein Programm für die völlige Auslöschung einer Kultur», stellt Lyndal Roper fest. «Der Text liest sich wie die Offenbarung seiner innersten Phantasien.»

Literaturtipps zu Martin Luther

Die Marke Luther

Dass er seine vielen Schriften zum guten Teil auf Deutsch verfasste und nicht in Latein, machte Luther von Anfang an populär. Wie er den Buchdruck nutzte, das zeigt ihn als ein Kommunikationsgenie. Andrew Pettegree greift diesen Aspekt der Reformation heraus. «Das Aussergewöhnliche an Luther war seine Bereitschaft, aus den Klerikerkreisen herauszutreten und sich an die christliche Bevölkerung zu wenden», schreibt er. Für die Druckereien war das ein gutes Geschäft. Bis Ende 1522 haben seine deutschsprachigen Schriften 828 Auflagen erfahren, in den folgenden acht Jahren erscheinen weitere 1245 Auflagen. Zusammengerechnet ergibt das etwa zwei Millionen Exemplare. (R. A.)

Andrew Pettegree: Die Marke Luther. Insel 2016, 407 Seiten, Fr. 37.90.

95 Fragen und Antworten

Natürlich in Anspielung auf die 95 Thesen Luthers hat Johann Claussen sein schlankes Buch in 95 Fragen und Antworten gegliedert. Der Kulturbeauftragte der deutschen Evangelischen Kirche bietet so eine sehr leserfreundliche Form. Man kann das Buch systematisch lesen oder genau das herauspicken, was einen besonders interessiert.

Die Themen reichen von der Vorgeschichte (etwa Vorläufer Luthers oder Humanismus) über die Ereignisse von 1517 bis zu unmittelbaren und langfristigen Folgen in Europa. Ein grösserer Block ist Zwingli und Calvin gewidmet. Zuletzt wird die Bedeutung der Reformation bis in die heutige Zeit analysiert.(are)

Johann Hinrich Claussen: Reformation. Die 95 wichtigsten Fragen. C. H. Beck 2017, 171 Seiten, Fr. 16.90

Woher der Erfolg rührt

Der Erfolg der Reformation ist nicht denkbar ohne die kleinteilige Struktur des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Die ausgeprägte Eigenständigkeit von Fürsten, Städten und kleineren und grösseren Territorien setzte dem Kaiser deutlich Grenzen. In seiner materialreichen «Geschichte der Reformation in Deutschland» erklärt Thomas Kaufmann den Erfolg der Reformation von dieser Basis her. Landesfürsten, städtische Magistraten, Bürger und Bauern fühlten sich von der neuen religiösen Richtung ernst genommen. Wobei die Reformation mit demselben Absolutheitsanspruch auftrat wie die Kirche, die sie verdrängte.(R. A.)

Thomas Kaufmann: Geschichte der Reformation in Deutschland. Suhrkamp 2016, 1028 Seiten, Fr. 39.90.

Was 1517 sonst noch los war

Das Jahr 1517 wird aus europäischer Sicht mit dem Start der Reformation assoziiert. Aber damals war nicht nur die Christenheit in Bewegung, sondern die ganze Welt. Dies zeigt der Berliner Historiker Heinz Schilling in einer spannenden Umschau. Er blickt auf die Konflikte zwischen Habsburg und dem Osmanischen Reich. Er berichtet von den Portugiesen in China oder spanischen Expeditionen nach Amerika. Er erzählt von ökonomischen Trends, neuem Weltwissen, das von Übersee-Entdeckungen geprägt war, und geistigen Strömungen im Zuge von Renaissance und Humanismus. Natürlich kommt es am Ende auch noch – ein Kapitel über Luther. (are)

Heinz Schilling: 1517. Weltgeschichte eines Jahres. C. H. Beck 2017, 364 Seiten, Fr. 35.90.

Eine Welt ohne Luther

Spekulativ, provokativ und spannend: Der deutsche Schriftsteller Michael Lösch geht mit Luther hart ins Gericht. Zwar habe dessen Kirchenkritik perfekt in den damaligen Zeitgeist gepasst und darum eine enorme Wirkung gehabt. Aber die Kirchenreform sei sowieso fällig und mit den Humanisten auch ohne Luther möglich gewesen.

Vielmehr habe sein mittelalterliches Weltbild sehr negative Begleiterscheinungen und Folgen gehabt. Etwa die Verflechtung von Konfession und politischer Macht, die zum Dreissigjährigen Krieg geführt habe. Lösch verweist zudem auf Luthers Antisemitismus, auf den sich später auch die Nazis bezogen. (are)

Michael Lösch: Wäre Luther nicht gewesen. Das Verhängnis der Reformation. dtv Premium 2017, 240 Seiten, Fr. 21.90.

Bild: PD

Bild: PD

Bild: PD

Bild: PD

Bild: PD

Bild: PD

Bild: PD

Bild: PD

Bild: PD

Bild: PD