BIOSPHÄRE: Entlebuch will Kulturgut sichern

Mit dem Forum Volkskultur sollen 180 Vereine künftig ein gemeinsames Sprachrohr haben. Doch gerade dieser Name verärgert Kulturschaffende.

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Vereine wie der Jodlerklub Finsterwald könnten künftig dem Entlebucher Forum Volkskultur angehören. Unser Bild zeigt den Klub beim Entlebucher Jodlertreffen in Finsterwald vom letzten Wochenende. (Bild Manuela Jans)

Vereine wie der Jodlerklub Finsterwald könnten künftig dem Entlebucher Forum Volkskultur angehören. Unser Bild zeigt den Klub beim Entlebucher Jodlertreffen in Finsterwald vom letzten Wochenende. (Bild Manuela Jans)

Evelyne Fischer

Still und leise verschwanden sie, kaum jemand hatte es bemerkt: Im ganzen Entlebuch gibt es heute fast keine Fahnenschwinger mehr. Auch Trachtentänzer werden immer weniger. «Damit solche Traditionen nicht verloren gehen, wollen wir uns rüsten», sagt Sandra Steffen, Projektmanagerin bei der Unesco Biosphäre Entlebuch. Sie gehört der fünfköpfigen Initiativgruppe an, die am Mittwochabend im Berufsbildungszentrum Schüpfheim das geplante «Forum Volkskultur» vorstellte.

Die Idee dahinter: Die Dachorganisation soll ein Sprachrohr für jene 180 Vereine sein, die im Entlebuch das Brauchtum pflegen. Was dazu gehört, wurde anhand Kriterien der «Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz» festgelegt: Darunter fallen etwa die Alpabfahrt, das Trycheln oder Köhlern; Traditionen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Ins Verzeichnis schafft, was seit mindestens 60 Jahren Bestand – somit zwei Generationen überlebt hat. Dazu zählen die Schindelmacher ebenso wie die Sennenhundezucht oder lokale Sagen.

Auf den Spuren der Appenzeller

Den Entlebuchern schwebt vor, was Appenzellern bereits gelang: Ihre Sennen mit roten Westen und goldigen Löffeln an den Ohren wurden zu einer Marke, zu lebendigen Werbeträgern für die Region. Ausserhalb des Entlebuchs kämpfe heute jeder Verein einzeln, sagte Komiteemitglied Gody Studer, Jodelexperte aus Escholzmatt. «Wir müssen unsere einheimischen Traditionen zu einer Marke bündeln, um Stärke zu erreichen. Swissness ist in, nutzen wir diesen Schwung doch aus.» Mitinitiant Jakob Dängeli aus Entlebuch fügte an: «Appenzeller sollen dereinst wissen, dass es im Entlebuch mehr als nur Kafi und Nebel gibt.»

Zugang zu Fördergeldern sichern

«Das Entlebuch ist in einigen Bereichen eine Hochburg der Volkskultur, etwa beim Jodel oder der Brass Band Musik», ergänzte Sandra Steffen. «Wir wollen diese Stärke ins Schaufenster stellen und schweizweit wahrgenommen werden. Dies macht es auch einfacher, an Fördergelder heranzukommen.» Denn auf nationaler Ebene wird das immaterielle Kulturerbe der Schweiz von der Interessengemeinschaft Volkskultur (IGV) unterstützt, bei der das Forum dereinst Mitglied werden soll. Jährlich kann diese 100 000 Franken für Projekte sprechen. «Wenn das Geld für unsere Kultur und unseren Nachwuchs bereitsteht, sollte man es auch abholen», sagte Gody Studer, der im Vorstand der IGV sitzt.

Das Forum soll ferner Veranstaltungen koordinieren. Und: «Wir hoffen, Gleichgesinnte zusammenzuführen», sagt Sandra Steffen. Damit wollen sie dem Nachwuchsproblem einiger Vereine entgegentreten. «Krampfhaft alle einzeln am Leben zu erhalten, macht keinen Sinn.»

Begriff zu eng?

Rund 40 Vereinsvertreter hörten sich am Mittwochabend die Ausführungen des Initiativkomitees an. Die meisten von ihnen Männer in Holzfällerhemden, an einem Rivella, an einer Flasche Moscht nippend. Kaum ein Gesicht verriet, was man von der Idee hielt. Zu Wort meldete sich schliesslich Markus Zemp, Kirchenmusiker, Organist und Dirigent aus Schüpfheim: «Es macht mich stutzig, dass sich das Komitee auf Volkskultur beschränkt. Ein Kunstverein etwa wird damit ausgeschlossen. Senden wir so nicht ein falsches Signal aus?» Ins gleiche Horn stiessen weitere Votanten, etwa Lisbeth Bieri-Vogel, Vizepräsidentin der Operette Entlebuch: «Wir sollten die Chance packen, das Forum für alle Kulturschaffenden zu öffnen.» Kritische Stimmen gabs auch zur Grösse des Forums, für das eine eigene Geschäftsstelle eingerichtet werden soll. Einige Vereinsvertreter monierten, man sei bereits gut organisiert, brauche kein übergeordnetes Gebilde. Zudem sei es doch nahezu unmöglich, die Bedürfnisse von so vielen Vereinen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

«Überzeugungsarbeit nötig»

Für Sandra Steffen, Projektmanagerin der Biosphäre, stand nach der Veranstaltung fest: «Wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten.» Das Komitee habe damit gerechnet, dass der Name rege diskutiert würde. Zumal es bereits vor rund zehn Jahren Bestrebungen gab, einen eigentlichen Entlebucher Kultur-Verein zu initiieren. Doch die Idee scheiterte damals kläglich. «Vom Oberbegriff Kultur fühlten sich Jodler oder Schwinger nicht angesprochen», sagt sie. «Daher glauben wir nach wie vor ans Forum Volkskultur.» Steffen vermisste an jenem Abend die Stimmen von Traditionen, deren Vertreter schwächeln. Das Komitee will nun nochmals eine Vernehmlassung starten. «Ob wir wie geplant Mitte November die Gründungsversammlung abhalten, ist offen.»

Biosphäre unterstützt Forum

Das Forum Volkskultur wäre nicht das erste seiner Art: Unter dem Dach der Biosphäre existieren bereits Foren zu Landwirtschaft, Bildung oder Energie. Die Unesco Biosphäre Entlebuch unterstützt sie jährlich mit 5000 Franken – diese Summe wäre auch fürs Forum Volkskultur vorgesehen. Um dessen Geschäftsstelle und Aktivitäten zu finanzieren, schlug die Initiativgruppe einen Jahresbeitrag von 100 Franken pro Verein vor.

Gody Studer, Mitinitiant «forum Volkskultur»: «Wir müssen unsere Traditionen zu einer Marke bündeln.» (Bild: Boris Bürgisser (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))

Gody Studer, Mitinitiant «forum Volkskultur»: «Wir müssen unsere Traditionen zu einer Marke bündeln.» (Bild: Boris Bürgisser (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))