Blättern im Coronalexikon: Von Hygienehaken bis Zoombombing

Die Coronakrise hat unseren Wortschatz um einige seltsame Wortneuschöpfungen erweitert. Doch werden die es auch bis in den Duden schaffen? 

Julia Stephan
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Krisen machen Menschen kreativ: Weltweit fertigen Linguisten Listen mit neuen Wörtern an und stellen internationale Vergleiche an.

Krisen machen Menschen kreativ: Weltweit fertigen Linguisten Listen mit neuen Wörtern an und stellen internationale Vergleiche an.

Bild: Imago Images

Ich erinnere mich gut an den Moment, als ich den Begriff «Social Distancing» zum ersten Mal verwendete. Es war Anfang März. Die Welt stand vor dem Lockdown, und ich fotografierte spontan den leeren Erstklasswaggon eines SBB-Zuges. «Hier geht Social Distancing ganz einfach», dachte ich und stellte mir all die Soziopathen vor, die sich Woche für Woche mit dem Kauf eines teuren Tickets die Welt vom Leibe hielten.

Der internationale Schriftstellerverband PEN stellte schon Mitte März fest, dass das Wort Social Distancing in sensiblen deutschsprachigen Ohren ziemlich schräg klingt. Physische, nicht soziale Distanz sei in diesen Zeiten gefragt, schimpfte der PEN. Dass im Deutschen, anders als im Englischen, sozial nicht gesellig meint, löste hierzulande dieselben Irritationen aus wie der Begriff der sozialen Medien.

Tatsächlich ist Social Distancing eine Erfindung der Soziologie. In den 1930er-Jahren gebrauchte man ihn, um eine bewusste Abgrenzung von Hie­rarchien und die gesellschaftliche ­Ausgrenzung von Minderheiten zu ­beschreiben. In den 2000er-Jahren ­verwendeten ihn plötzlich auch Epidemiologen. Seither führt Social Distancing ein Doppelleben in beiden Disziplinen. Und es ist nicht der einzige Begriff in unserem Wortschatz, der sich im Moment auf einem Selbstfindungstrip befindet.

Franzosen streiten: Ist das Virus weiblich oder männlich?

Während die Franzosen gerade Hahnenkämpfe austragen über die Frage, ob ihr Covid-19 weiblich oder männlich sei, ärgern wir uns über Anglizismen, die keine sind. Unter unserem Homeoffice verstehen die Briten ihr Innenministerium und die Amerikaner ihr Heimbüro. Wir Schweizer hingegen sitzen nicht nur im Homeoffice, wir machen Homeoffice. Und das nicht erst seit Corona, sondern seit Mitte der Neunzigerjahre. Für das Herunterfahren allen öffentlichen Lebens kam uns der englische Begriff Lockdown allerdings gelegen. Besser Lockdown als Shutdown. Wir sind ja keine Maschinen, die man einfach so runterfährt.

«Die Menschen sind in so einer Phase sprachlich sehr innovativ.»
Daniel Knuchel, Linguist

Das vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache laufend aktualisierte Online-Wörterbuch zur Coronakrise (siehe Glossar rechts) umfasst bald 200 Einträge. «Besonders gut gefällt mir der Hygienehaken», sagt Lexikologin Annette Klosa-Kückelhaus, die das Projekt betreut. Ein deutscher Grossverteiler bezeichnet damit eine im Sortiment angebotene Vorrichtung, mit der man kontaktlos Türen öffnen kann.

«Die Menschen sind in so einer Phase sprachlich sehr innovativ»

Auffällig viele Wortzusammensetzungen wie Coronaparty, Coronafrisur oder Coronapanik findet man hier. Für den Linguisten Daniel Knuchel von der Universität Zürich sind sie ein Indiz dafür, dass eine Gesellschaft über ein Thema gerade sehr produktiv nachdenkt. «Die Menschen sind in so einer Phase sprachlich sehr innovativ», sagt Knuchel.

Nina Janich aus der «Unwort des Jahres»-Jury ergänzt: «Alles, was beängstigend und kontrovers ist, beschleunigt sprachlichen Wandel im Wortschatz.» Dass es diese Wörter nach der Krise auch in den Duden schaffen, wird von vielen Linguisten allerdings bezweifelt.

Manche Begriffe sind nicht einmal neu. Sie wurden nur aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst, etwa der Hamsterkauf oder Begriffe aus der Epidemiologie oder dem Finanzbereich, die eine Form der finanziellen Unterstützung bezeichnen, so Klosa.

Kriseln tut die Welt auch ohne Corona

Eine Forschergruppe der Universität Zürich um den Linguisten Noah Bubenhofer untersucht derzeit 324 000 Kommentare auf Schweizer Online-Medienportalen. Auffällig viele Sätze mit «Wir» und «müssen», mit denen an die Gemeinschaft appelliert wird, und einen inflationären Gebrauch von Satzzeichen konnten die Forscher seit dem 13. März, dem Tag der Bekanntgabe des Lockdown, ausmachen.

Der Begriff der Solidarität werde auf diesen Portalen stark verengt gebraucht. «Vor dem Lockdown war allen klar, dass wir in einer globalen Gemeinschaft leben. Während des Lockdown geht es plötzlich nur noch um uns», fasst Prof. Noah Bubenhofer die Erkenntnisse zusammen. Von einer globalen Solidarität gegenüber unseren Nachbarländern sei in den untersuchten Kommentarspalten keine Rede gewesen.

Immerhin: Vom blutrünstigen «Krieg gegen die Viren», wie er in Frankreich oder den USA derzeit sprachlich mit Pathos geführt wird, sind wir im deutschsprachigen Raum verschont geblieben. Wer ständig «in Zeiten der Krise» lebt, merkt sowieso, wie sich grosse Worte abnutzen. Braucht man für seine privaten Krisen deshalb bald einen neuen Begriff? Die Lexikologin Annette Klosa-Kückelhaus beruhigt: Allein in den letzten Jahrzehnten habe es über 10000 Wortformen gegeben, in denen es «gekriselt» habe: die Gelbwestenkrise, die Stahlkrise, die Ölkrise, die Nahostkrise. Da bleibt die Coronakrise ein kleines Zahnrad in einer krisengeschüttelten Welt.

Corona-Glossar

  • Coronakilo: Durch Bewegungsmangel, Stress, Langeweile während der Pandemie zugenommenes Körpergewicht.
  • Coronapanik: Grosse, lähmende Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus.
  • Coronials oder Coronababys: Menschen, die in Quarantäne gezeugt worden sind.
  • coronisieren: Etwas an die Bedingungen der Coronazeit anpassen.
  • Covidiot: Person, die sich während der Coronapandemie unangemessen verhält.
  • Distanzbesuch: Treffen von Freunden und Verwandten unter Einhaltung der geltenden Abstandsregeln.
  • Gabenzaun: Zaun, an den Säcke mit Lebensmittelspenden für Bedürftige gehängt werden.
  • Geistermeister: Siegreiche Sportmannschaft in einem Wettbewerb, der ohne Zuschauer stattfindet.
  • Hustenhygiene: Massnahmen, die die Ausbreitung der Krankheit durch Husten verhindern sollen.
  • Zoombombing: Böswillige Störung einer Zoom-Videokonferenz.

Das vollständige Corona-Lexikon des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache finden Sie hier