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Theater im Südpol: «Blaue Flecken sind ein Zeichen der Heilung»

Niemand packt gesellschaftliche Tendenzen besser in poetische Bilder als Alexander Giesche. Nach «White out» am Luzerner Theater 2017 inszeniert er mit Ex-Schauspielleiterin Regula Schröter am Südpol in Kriens ein weiteres Visual Poem.
Julia Stephan
Studierende der Hochschule der Künste Bern spielen «The Colours of Hope». (Bild: Ben Zurbriggen/PD)

Studierende der Hochschule der Künste Bern spielen «The Colours of Hope». (Bild: Ben Zurbriggen/PD)

In den Freundschaftsbüchern junger Menschen steht als Berufswunsch heute nicht mehr «Astronaut», sondern «Youtuber» oder «Influencer». Ein gedrückter «Like»-Button ersetzt bei dieser Generation die warme Umarmung eines Freundes. Und Authentizität ist in etwa das, was das Magazin «Wired» vermittelt, wenn es Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mittels Bildmontage mit verwundetem Gesicht zu seinem Titelbild macht: Es geht nicht mehr darum, seine blauen Flecken zu zeigen, sondern authentisch blaue Flecken zu schminken.

Die Inszenierung «The Colours of Hope» im Südpol in Kriens ist genau mit der Generation entstanden, die so denkt, die so fühlt und die auch manchmal so richtig daran verzweifelt. Alexander Giesche und die ehemalige Schauspielleiterin des Luzerner Theaters, Regula Schröter, – beide verbindet seit ihrem Kennenlernen am Theater Bremen eine intensive künstlerische Zusammenarbeit – haben mit Studierenden des Masterstudiengangs Expanded Theater der Hochschule der Künste Bern eine Co-Produktion mit dem Südpol erarbeitet, die sich genau um diese Fragen dreht: Was macht dieser Zwang aus uns, konstant authentisch, konstant souverän und konstant hyperreflektiert zu sein – alle «Sowohl» und «Als-auch» zu einem Thema wie aus dem Effeff beherrschend? Und gibt es Hoffnung, dass wir irgendwann wieder aus diesem Oberflächenkult herausfinden und es wagen, die Welt wirklich zu verändern, und uns dabei ein paar blaue Flecken holen?

Handeln ist das neue Reden

«Blaue Flecken sind ein Zeichen der Heilung», ist Giesche überzeugt, weshalb in «The Colours of Hope» die Farbnuancen vom Blau ins Violett, vom Violett ins Braun, vom Braun ins Grün, vom Grün ins Gelb, die auf der Haut den Heilungsfortschritt eines Hämatoms anzeigen, auf dem Bühnenboden optisch anwesend sein werden. Denn das Stück soll Hoffnung machen. Eine Hoffnung, für die Giesche und Schröter das Beispiel der 15-jährigen Schwedin Greta Thunberg heranziehen, die jeden Freitag die Schule schwänzt, um für den Klimaschutz zu demonstrieren, anstatt auf Youtube perfekt ausgeleuchtet Kosmetik vorzustellen. «Früher dachte ich, dass Langeweile das neue Revolutionäre wäre. Heute denke ich, es ist das Eingeständnis, dass man sich auf diesem Planeten manchmal wirklich saumässig verhält», sagt Alexander Giesche.

Giesche, in der Theaterwelt lange als Geheimtipp gehandelt, bekam 2017 von Regula Schröter in deren Funktion als Schauspielleiterin des Luzerner Theaters die Gelegenheit, seine bildstarken, assoziativen und mit hohem technischem Aufwand erzeugten Bilderreigen nach Ausflügen auf Studiobühnen und Theaternebenspielstätten erstmals im Guckkasten eines Stadttheaters zu testen. Sein Visual Poem «White out» wurde prompt ans Schweizer Theatertreffen geladen. Die Kälte der digitalen Gesellschaft und ihre Technikvernarrtheit, aber auch kühne Zukunftsvisionen treiben ihn um.

Theater machen heisst auch schweigen

Schröter und Giesche, welche den Begriff Visual Poem aus der Not heraus erfunden haben, um vor der Öffentlichkeit zu erklären, was sie da genau tun, wundern sich selbst, dass der Begriff inzwischen von anderen Theatermachern als Kategorie verwendet wird. Ihr Ansatz ist ein intuitiver. «Wir sind beide Bauchmenschen», so Schröter. Kontemplation sei bei der Bearbeitung von Themen wichtig – auch für «The Colours of Hope» habe man die Studierenden ermutigt, mal einen Tag lang schweigend gemeinsam in einem Raum zu verbringen.

Und Giesche ergänzt: «Ich liebe die Theater nicht zuletzt deshalb, weil man sich da noch zurücklehnen darf. Theater sind – neben der Afterhour im Technoclub – wahrscheinlich die letzten Kirchen unserer Gegenwart.» Als jugendlicher Konfirmand ging er jeden Sonntag um 10 Uhr in die Messe – nicht aus religiösen Gründen, sondern genau um diese Ruhe zu finden, die er heute im Theater für sich gefunden hat.

«The Colours of Hope». Ein Visual Poem. Südpol, Kriens. 17./18./19. 1., jeweils 20 Uhr. Tickets über www.sudpol.ch

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