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BLUE BALLS FESTIVAL: Sänger David Gray im Interview: «Musik muss meine Imagination aktivieren»

David Gray (49) gehört zu den bekannten Künstlern am Blue Balls: Dieses Jahr wird der britische Singer-Songwriter als Solist auftreten. Wir haben mit ihm am Telefon über das Musiker-Dasein und über den Brexit gesprochen.
Nebst Stimme und Gitarre ist das Piano David Grays Instrument. (Bild: PD)

Nebst Stimme und Gitarre ist das Piano David Grays Instrument. (Bild: PD)

David Gray, Sie machen wieder mal einen Abstecher nach Luzern.

David Gray: Oh ja, das freut mich. Ich hatte immer eine fantastische Show in diesem schönen Saal. Der Fokus ist gut und natürlich der Sound, vor allem bei ruhiger Musik. Das klingt alles wunderbar. Es ist ein Privileg, wieder an diesem Festival spielen zu dürfen.

Sie werden als Solist auf der Bühne stehen.

Gray: Ich habe ein kleines Equipment dabei, damit ich mit meiner akustischen Gitarre über Loops spielen kann. Ab und zu werde ich mich an den Flügel setzen. Ich bringe nichts Vorproduziertes mit: Alles, was ich spiele, wird live auf der Bühne generiert. Das Repertoire wird die ganze Spannbreite meines Schaffens abdecken, von den Anfängen bis heute.

Im Herbst werden Sie mit Allison Krauss eine grössere USA-Tour machen. Obwohl Sie kein neues Album am Start haben, sind Sie offensichtlich sehr beschäftigt.

Gray: Ich stecke mitten in den Arbeiten am neuen Album. Wir haben viel herumgepröbelt und stark an Details gearbeitet. Erste Tracks werden wir gegen Ende Jahr veröffentlichen. Wann das Album erscheint, weiss ich nicht. Wir halten uns die Optionen für einen Plattendeal noch offen.

Wie wird es klingen?

Gray: Es ist ein sehr pro­duziertes Album entstanden. Natürlich sind es in erster Linie immer noch die Songs, die für sich sprechen. Aber die ganze Produktion mit vielen elektronischen Elementen ist auch sehr interessant geworden. Die Live-Umsetzung auf der Bühne wird eine Herausforderung sein. Ich werde sicher auch einen Musiker brauchen, der das Live-Programming auf der Bühne beherrscht.

Sie werden bald 50: Ändern sich die Möglichkeiten und Themen als Singer-Songwriter, wenn man mitten im Leben steht?

Gray: Ich habe das Gefühl, dass die Musik reicher wird und die Möglichkeiten grösser werden, je älter ich werde. Es reift auf eine schöne Art. All die verschiedenen Erfahrungen geben mehr Nahrung für Gedanken. Natürlich ändern sich gewisse Dinge, aber in der Essenz bleiben die Themen gleich: Lebe das Leben pur, schüttle die Geister ab und all den Abfall, den wir täglich vorgesetzt bekommen. Sei aufmerksam, öffne dich für die direkte Erfahrung.

Können Sie sich immer noch überraschen mit Ihrer Musik?

Gray: Ich experimentiere mehr. Es gibt nichts zu verlieren. Aus der Unsicherheit heraus mit etwas zu beginnen, führt am Ende zu einem besseren Ergebnis. Ich habe gemerkt, dass ich mich zunehmend langweile, wenn ich mich auf den herkömmlichen Singer-Songwriter-Style festlege.

Was unternehmen Sie dagegen?

Gray: Ich bin viel offener, die Möglichkeiten des Moments zu packen. Eine Zeile aus einem Buch oder ein Gespräch, das ich zufällig mitbekomme, können Funken werden, aus denen sich etwas entwickelt. Darum herum lasse ich die Musik wachsen. So wird etwas lebendig, und am Ende entsteht ein Song – wenn man Glück hat.

Hip-Hop, R ’n’ B und Elektro-Pop sind allgegenwärtig geworden, auch im Mainstream-Markt. Wo bleiben die Chancen für Gitarren-basierte und eher intime Singer-Songwriter-Musik?

Gray: Das kommt und geht. Nach meinem Album «White Ladder» war die Singer-Songwriter-Szene enorm angewachsen, jetzt ist es wieder ruhiger geworden, das ist nur natürlich. Auch Punk, Grunge und Rock erleben solche Zyklen. Aber ich denke, es wird bald wieder etwas Neues kommen.

Wie meinen Sie das?

Gray: Wir leben momentan in sehr dunklen Zeiten. Die Politik lässt ihre Schleier fallen, und es kommen immer hässlichere Gesichter zum Vorschein. Das internationale Leben ist in Aufruhr. Das wird sich eher früher als später auch musikalisch manifestieren. Es wird eine ganz deftige, explosive Reaktion geben. In dieser Richtung wird etwas passieren und uns alle überraschen.

Vor 25 Jahren ist Ihr erstes Album erschienen. Seitdem hat sich der Musikmarkt verändert. Wie sehen Sie das?

Gray: Es ist ein enormer Wandel passiert. Die ganze Digitalisierung hat den Wert der Musik umgekrempelt, die Musiker bekommen immer weniger für das, was sie machen. Die grossen Player sind wieder zurück und machen viel Geld. Die meisten Platten­firmen handeln immer noch ausbeuterisch, daran hat sich nichts geändert. Früher wurden die Erlöse noch in eine nächste Platte gesteckt. Aber in einer Welt, wo niemand mehr Platten kauft und die Erträge vom Streaming so beschämend klein sind, dass sie bedeutungslos werden, sieht das anders aus.

Wie überlebt man in dieser Situation?

Gray: You gotta do what you gotta do. Das Spiel ist das gleiche: Du machst die bestmögliche Musik, die du kannst, und singst deine Songs so, wie du sie meinst. Das ist alles, was es zu tun gibt. Den Rest kannst du nicht kontrol­lieren.

Was für Musik hören Sie gerne?

Gray: Ich höre sehr viel verschiedene Musik: elektronische Sachen, Folk, alten Blues, Ella ­Fitzgerald, Gershwin, Singer-Songwriter, vieles. Musik muss für mich Poesie und Seele haben, das geht auch rein instrumental. Sie muss meine Imagination aktivieren, mich an einen anderen Platz befördern. Diese Qualität ist für mich primärer als Groove.

Haben Sie in den letzten Monaten etwas aufgepickt, das Sie berührt hat?

Gray: Es gibt unglaublich gute Musik heute, vieles davon ist eher Underground oder auf Internet-Plattformen zu entdecken. Spontan denke ich an Tracks wie «Sixes & Nines» von Birkwin Jersey, «Prick­ly Pear» von Portico oder «Despedida» von der brasilianischen Sängerin Maria Rita. Auch «County Line» von Cass McCombs ist ein wunderbarer Song.

Sie haben die Umwälzungen in der Politik schon angesprochen. Was halten Sie vom Brexit?

Gray: Brexit is a fucking disaster! Dieses Land ist ein Disaster, und Cameron mit seiner bescheuerten Idee des Referendums einer der grössten Idioten. Mittlerweile haben wir etwas auf dem Tisch, das niemand wirklich will. Der Brexit-Deal ist eine Katastrophe, das Land wird damit ganz klar einen Rückschritt machen. Bei einer erneuten Abstimmung käme das nie mehr durch, da bin ich zu hundert Prozent überzeugt. So viele Leute haben abgestimmt und wussten nicht, was sie taten. Es gab auch ganz viele Proteststimmen. Aber was kann man tun?

Gibt es einen Hoffnungs­schimmer?

Gray: Das einzig Gute daran ist, dass viele junge Leute aufwachen und sich vielleicht wieder ums Abstimmen kümmern oder sonst wie massiv Gegensteuer geben. Die Zeiten sind ja plötzlich wieder interessant. Furcht, Terrorismus, Unsicherheit, es ist ein verrückter Cocktail. Gut, dass in Frankreich nicht die Rechten gewonnen haben. Immerhin. Aber kein Politiker weiss, was als Nächstes passieren wird. Es ist alles sehr unvorhersagbar geworden.

Pirmin Bossart
kultur@luzernerzeitung.ch

David Gray, britischer Singer-Songwriter: «Der Brexit-Deal ist eine Katastrophe, das Land wird damit klar einen Rückschritt machen.» (Bild: PD)

David Gray, britischer Singer-Songwriter: «Der Brexit-Deal ist eine Katastrophe, das Land wird damit klar einen Rückschritt machen.» (Bild: PD)

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