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BLUE BALLS: Long Tall Jefferson – der lange Grosse mit der Gitarre

Simon Borer alias Long Tall Jefferson erzählt Geschichten mit Gitarre und Stimme. Die feine Songwriter-Kunst des 28-jährigen Luzerners ist morgen frei zugänglich auf der KKL-Piazza zu hören.
Pirmin Bossart
Auch fernab vom Mainstream kann Simon Borer heute von der Musik leben. (Bild: Boris Bürgisser (20. Juli 2017))

Auch fernab vom Mainstream kann Simon Borer heute von der Musik leben. (Bild: Boris Bürgisser (20. Juli 2017))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Es kommt heutzutage nicht oft vor, dass einem ein Musiker in jene Atmosphären katapultiert, wie sie die frühen Folksänger vom Schlage des jungen Bob Dylan evozierten: solides Finger­picking, gute Stimme, zeitgemässe Texte, Coolness und Emotion. Viele aktuelle Singer-Songwriter schweben und stranden zwischen Rührseligkeit und Innerlichkeit.

Da ist Long Tall Jefferson eine Ausnahmeerscheinung. Er paart seine Sensibilität mit einer fokussierten Energie, beherrscht das zeitlose Folk-Gitarrenhandwerk und singt doch ganz aus dem Heute. Reduziert und unmittelbar wirkt seine Musik.

Lust gehabt, sich als Solokünstler zu versuchen

«Ich hatte immer geahnt, dass es etwas gibt, das zu mir passt, bis es sich plötzlich organisch zu entwickeln begann», erklärt Simon Borer, warum er vor zwei Jahren für sein eigenes Projekt die schlichte Kombination von akustischer Gitarre und Stimme wählte und als Long Tall Jefferson auf Tour ging. Nach einigen Jahren mit der Indie-Pop-Band Book on Shelves hatte er Lust, sich als ­Solokünstler zu versuchen. «Das hat mich schon immer am meisten interessiert: Storys zu erzählen, Songs zu schreiben.»

Jazzschule-Absolvent Simon Borer entdeckte das Finger­picking und begann, von den Meistern quer durch die Folk- und ­Singer-Songwriter-Jahre das Handwerk des Saitenzupfens zu lernen. Statt sich Noten oder ­Tablaturen zu besorgen, hörte er sich intensiv die Songs an und eignete sich so diese Technik an.

Zu dieser Zeit hatte er eine Gitarrenschülerin, die ambitioniert das Fingerpicking lernen wollte. Borer grinst: «Das gab mir einen zusätzlichen Kick. Ich musste richtig üben, damit ich ihr auch etwas beibringen konnte.»

Auf der Grundlage der Fingertechnik begann er, singend seine Themen, Wortspiele und Ideen dazuzugeben. Daraus wuchsen Songs. 2016 erschien sein schlichtes und schönes Debütalbum «I Want My Honey Back». Borer spielte die Songs mit einem Vierspurkassettengerät ein, das er in Berlin in einem Brockenhaus gefunden hatte. Der massgebende US-Songwriter Elliott Smith (1969–2003) produzierte sein erstes Album auf die gleiche Weise. Der Sound ist warm und unaufdringlich klar. Eine Erholung nach den fettpolierten und knallenden Soundbrocken, wie sie heute in den Studios für jeden mittelmässigen Sänger aus dem digitalen Ärmel geschüttelt werden.

Long Tall Simon Borer (28) ist in Buttisholz aufgewachsen und lebt heute in Zürich. Seine musikalische Ausbildung schloss er an der Jazzabteilung der Hochschule Luzer – Musik ab. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass Jazz-Studierende eine Ausbildung durchlaufen, die musikalisch vieles möglich macht. Auch Adrian Stern, der im Schweizer Mundartpop erfolgreich seine Brötchen verdient, ist ein ehemaliger Jazzschüler. Long Tall Jefferson ist musikalisch von einem ganz anderen Kaliber und ausserhalb des Mainstreams angesiedelt. Trotzdem kann auch er seit zwei Jahren von der Musik leben.

Step by step – kreuz und quer

Da ist einer daran, step by step seine Musik zu entwickeln. «Ich spiele, wo immer es möglich ist, kreuz und quer, immer und überall.» Er zieht von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, spielt in Bars, Clubs, Kulturhäusern, manchmal vor 30, manchmal vor 300 Leuten. Letztes Jahr hat er im ganzen deutschsprachigen Raum, in Belgien, Holland und Tschechien gut 70 Konzerte gegeben. Dieses Jahr sind bereits wieder 60 dazugekommen, unter anderem auch in Dänemark und Frankreich. Er holt sich so eine unbezahlbare Erfahrung. Er liebt die Performance mit allem Drum und Dran, kann die Leute abholen und sie mit seinen Zwischenkommentaren auf die Songs neugierig machen.

Über die Schweiz hinaus gefragt ist auch der Berner Elektronik-Pop-Produzent und Musiker Pablo Nouvelle, in dessen Band Simon Borer Gitarre und Mario Hänni Schlagzeug spielt. «2016 waren wir oft unterwegs. In diesem Jahr steckt Pablo Nouvelle live etwas zurück.»

2011 gründete er das Label Red Brick Chapel, um die Musik seiner Band zu publizieren. Dann kamen Freunde mit ihren Bands und Projekten, wollten auch dabei sein. Heute ist das Label ein Kollektiv, das von 27 Leuten ­getragen wird. Sie sind als Verein ­registriert, führen das Label basisdemokratisch. Alle reden mit, Entscheide fallen gemeinsam. «Red Brick Chapel ist eine Family, aber auch ein Experiment.» Das stilistische Spektrum hat sich geöffnet und reicht von Singer-Songwriter-Alben über Elektro- und Synthesizer-Pop bis zum von Jazz und Impro beeinflussten Sound des Trios Heinz Herbert. Zuletzt haben Vsitor, East Sister oder Haubi Songs auf Red Brick Chapel veröffentlicht. Bald erscheint die Debüt-CD von Alois.

Borer ist mit allen beteiligten Bands und Musikern befreundet und organisiert nach wie vor ­einen grossen Teil der Promotion­arbeit. Inzwischen wird er unterstützt von Lorraine Dinkel (East Sister), die für die Westschweiz zuständig ist. Wichtig für Red Brick Chapel sind die Social-Media-Kanäle. «Wir sind dauernd daran, unser Netzwerk auszubauen, auch in den umliegenden Ländern, und Partner und neue Vertriebskanäle zu suchen.» Von Albumverkäufen lebt ein Musiker nicht mehr. «Es braucht gezielte Kampagnen mit Livekonzerten, um wahrgenommen zu werden.»

«In Zürich ist das Lebensgefühl anders»

Simon Borer bereut es nicht, dass er von Luzern weggezogen ist. Er habe «mega gerne» in Luzern gelebt. «Aber es ist auch ein Ort, wo man gerne hängenbleibt. Ich wollte mir einen Kick geben, neue Impulse holen.» Es zog ihn für jeweils mehrere Monate nach Berlin, Brüssel und Leipzig, dann liess er sich in Zürich nieder. «Ich empfinde meine jetzige Wohn­situation als recht befreiend. ­Zürich ist grösser und irgendwie auch offener. Es fühlt sich gut an, Sachen zu entdecken und neue Leute kennen zu lernen. Das Lebensgefühl ist anders.»

Doch morgen kehrt er zurück und gibt im Rahmen des Blue Balls ein Konzert auf der Piazza-Bühne direkt unter dem Dach des KKL. Der Zeitpunkt ist gut. Man wird einige neue Songs hören, Borer ist mitten in den Aufnahmen für sein nächstes Album. «Ich werde auch mit Drum und einigen Gastmusikern arbeiten. Aber im Wesentlichen stehen wiederum die akustische Gitarre und die Stimme im Zentrum.»

Dreimal je eine Stunde wird Long Tall Jefferson vor dem KKL Luzern spielen. Gewohnt, seine Sets immer wieder anders zu gestalten, wird er diesmal einige Coverversionen einstreuen: Neben Traditionals darf man sich auf Songs von Bob Dylan, Townes van Zandt, Jackson C. Frank, Joni Mitchell oder neueren Singer-Songwritern wie Elliott Smith, Andy Shauf oder Willy Mason freuen.

Hinweis

Blue Balls: Long Tall Jefferson. Morgen 18 bis 22 Uhr, Piazza KKL.

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