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BLUE BALLS LUZERN: Rockpoetin Patti Smith mit der Kraft zur Beschwörung

Ein schlichtes Konzert, fern von Starallüren und sonstigem Gedüdel: Patti Smith war mit ihrer Band souverän und entwaffnend gut. Dabei scheute sie auch ein musikalisches Abenteuer nicht.
Pirmin Bossart
Patti Smith und Band (im Hintergrund ihr Sohn Jackson Smith an der Gitarre) begeisterten mit purer Musik. (Bild: Corinne Glanzmann (27. Juli 2017))

Patti Smith und Band (im Hintergrund ihr Sohn Jackson Smith an der Gitarre) begeisterten mit purer Musik. (Bild: Corinne Glanzmann (27. Juli 2017))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Vor zwei Jahren war sie als Rockpoetin am Spoken Word Festival Woerdz im Südpol Luzern zu Gast, wo sie Gedichte vortrug, erzählte und ein paar akustische Lieder spielte. Am Donnerstagabend wurde sie zur Musikerin und stand mit einer kleinen feinen Band auf der Bühne des weissen Saals im KKL. Mit dem poetischen «Wing» begann Patti Smith den Konzertabend, mit der frenetischeren Zugabe «People Have The Power» war nach 90 Minuten Schluss.

Es war nicht ein Konzert, das einen aus den Socken haut, aber es war eines, das man sich sehr gerne gefallen liess. Es lebte von der Protagonistin und ihrer sympathischen Persönlichkeit. Patti Smith, 70 Jahre alt, muss sich weder anbiedern noch eine Masche durchziehen, sie tut ihr Ding, kann über sich selber lachen und nimmt dafür das Publikum ernst. Unspektakulär bringt sie Poesie und Rock, Sensibilität und Energie, Respekt und Eigenheit zusammen. Als Performerin mag sie weniger exaltiert sein als früher, aber es ist stimmig. Sie hat Ausstrahlung, auch wenn man nichts in sie hineinprojiziert.

Komplett andere Erfahrung als in Punk-Vergangenheit

Die Atmosphäre war ein wenig andachtsvoll, was gewiss auch mit dem weissen Saal zusammenhängt und der wohligen Behaglichkeit und ihren Mitbürgern in den Sesseln. Das ist diametral eine andere Erfahrungswelt als im CBGB Club in New York 1975, wo die «Hohepriesterin des Punks» inspiriert von Rimbaud, Beat und (Velvet) Underground ihre Karriere startete. «It’s so quiet», wunderte sich Patti Smith zu Beginn des Konzertes. Und als der Rockpegel im zweiten Teil stieg, machte sie mit Handzeichen deutlich, was irgendwie fehlte: Steht auf, kommt nach vorn, seid dabei!

Das Set ist bunt zusammengesetzt aus Songs quer durch die Jahrzehnte. Von ihrem Debutalbum «Horses» (1975), das auf der Jubiläumstour 2015 Hauptthema war, spielte sie nur gerade den Hit «Gloria». Weitere frühere Heuler waren «Pissin’ In A River» (1976), «Because The Night» (1978) oder «Dancing Barfoot» (1979). Mehrere Tracks stammen von den Alben «Trampin» (2004) und «Gone Again» (1996).

Erstmals überhaupt zur Aufführung gelangte «Mothers of the Disappeared», ein Cover von U2, das Patti Smith aus Anlass einer Zeitungsmeldung über ein vom IS befreites und traumatisiertes Kind interpretierte. Sie widmete den Song allen Müttern, deren Kinder verschleppt oder ermordet wurden wie damals in Argentinien, Nicaragua oder El Salvador. Die andere Botschaft, die Patti Smith dem Publikum vermittelte, war: Kämpft für die Umwelt, macht die Leute stark, people have the power. «Use your balls!» Blue Balls?

Musikalisch am kühnsten geriet das Stück «The Second Stop is Jupiter» – ein «Experiment», wie sie meinte, bei dem sie ein Gedicht über das Unheil des Krieges rezitierte, inspiriert von einem Werk des Filmemachers Andrei Tarkovsky. Dazu hinterlegte die Band einen Soundtrack, der laut Ansage auf einem Motiv des kosmischen Jazzmusikers Sun Ra basierte. Eine kuriose Mischung, man wäre nie darauf gekommen, aber es klang auch so abenteuerlich genug: Es war ein improvisatorischer Ambient-Rock-Trip.

Ein langsam erwachender Sog

Vielen Songs von Patti Smith wohnt neben dem poetischen Grundflow etwas Beschwörendes inne. Da ist immer ein langsam erwachender Sog, den die Performerin mit ihrer Stimme, ihrer knappen Gestik und ihrem Mittänzeln wie eine sanfte Schamanin zum Leben erweckt. Die ausgezeichnete Band mit dem Bassisten Tony Shanahan, der auch Klavier spielte, dem Drummer Seb Rochford (Polar Bear) und dem superben Gitarristen Jackson Smith (Sohn von Patti Smith) brachte die Songs mit einem oft fiebrigen Sound erst richtig in Form.

Kaum an Kraft eingebüsst hat die noch immer klar artikulierende und markante Stimme von Patti Smith, die sich auch in den rockigeren Songs energisch zu behaupten wusste. Auf «Beneath The Southern Cross» kam die Band erstmals in deftigere Rockgefilde, um gegen Schluss mit «Beneath the Night» und «Gloria» und einem stehend mitfeiernden Publikum nochmals mit Jam-Lust zuzulegen. Die Andacht strebte der Erlösung entgegen, aber die Katharsis war eine stille. Darüber können wir uns glücklich schätzen.

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