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BLUE BALLS: Zwei Musiker im Einsatz für die Liebe

Seal ist einer der grossen Stars des Festivals, Charles Bradley einer der angesagtesten Souler. Einer setzte auf Turnübungen, der andere auf vollen Einsatz.
Einmal Popbarde und einmal Soulröhre: Seal ... (Bild: Keystone/Alexandra Wey)

Einmal Popbarde und einmal Soulröhre: Seal ... (Bild: Keystone/Alexandra Wey)

Michael Graber

Was haben Seal und Charles Bradley gemeinsam? Ausser dass beide soeben am Blue Balls aufgetreten sind, erstmal nicht viel. Da der poppige Seal, dort die Soulröhre Bradley. Was sie aber irgendwie eint, ist ihr unermüdlicher Einsatz für die Liebe. Bradley predigt sie sogar von der Bühne, doch dazu später.

Zuerst zu Seal, der gestern Abend im Konzertsaal des KKL auftrat. Bei ihm klingt jeder Song, als könne er eine Hochzeit oder eine Trennung vertonen. Immer schwülstig, immer mit viel Kraft gesungen. Und immer geht es um die Liebe. Um die schönen und die weniger schönen Momente. Um die Liebe zu den Kindern und die Liebe zu anderen Menschen. Keine Frage: Seal hat viel Liebe zu vergeben.

Alles steht und tanzt

Und er trifft auf ein Publikum, das ihm komplett verfallen, oder anders formuliert: verliebt, ist. Da stört es niemanden, wenn Seal mal einen oder zwei Töne nicht ganz trifft. Schon beim zweiten Song stehen alle und tanzen. Der 53-Jährige ist da bereits nicht mehr auf der Bühne – die er nur mit zwei anderen Musikern teilt –, sondern direkt vor der ersten Reihe. Er tanzt. Die Musik klingt schwer nach den 1990ern. Stampfende Beats, knallige Effekte. Trotz allem Pomp ist da viel Platz für Seals Stimme, und das KKL ist eine halbe Disco.

Irgendwann bevor das Songgewand deutlich reduzierter wird und es von der Disco zum Folkhappening wird, spricht Seal noch ein bisschen über das Weltgeschehen. Vieles bleibt an der Oberfläche, aber er trifft die richtige Tonalität. Geblieben ist vor allem ein Satz: «Wir sollten uns glücklich schätzen, dass wir Spass haben können.» Dies ist ein Luxus, den wir in unseren Breitengraden viel zu oft vergessen.

Dann dämpft man das Licht, und die Stimmung wird ruhiger. Immer wieder würzt er sein gefälliges 90-minütiges Set mit seinen Hits. «Love’s Divine» ist dabei ein kleiner Höhepunkt. Aber auch sonst ist der ruhigere Teil der stärkere des Konzerts.

Rosen, überall Rosen

Beachtlich ist aber auch, wie nahtlos Seal den Schalter wieder zurück auf knallig-poppig legen kann. Und sofort steht wieder das ganze KKL. Danach kommt fast noch eine kleine Turnstunde mit Turnlehrer Seal. Von links nach rechts wippt er die Arme – und das KKL macht tapfer mit. Das wirkt auf Aussenstehende vielleicht etwas komisch, aber diesen Eindruck hinterlassen verliebte Paare auch häufig. Das Miteinander ist fast schon wichtiger als die eigentliche Beschäftigung.

Bevor es dann aber endgültig ins Schlagereske abzudriften drohte, folgte der direkte Wechsel in den Zugabeblock. Und dort durften natürlich Seals Rosen nicht fehlen. Sein «Kiss From A Rose» war ganz grosses Gefühlskino.

Auch Charles Bradley verteilt am Schluss seines Konzerts am Dienstagabend Rosen. Echte Rosen. Vorher hatte er die besagte Liebe gepredigt. Immer wieder. Erst eindrücklich in seinen Songs. Da tanzte der 67-Jährige zuweilen fast schon aufreizend lasziv mit dem Mikrofonständer. Das Ganze ist ein bisschen wie ein Zeitreise. Das klingt, wie Soul in den 1960er-Jahren klang. Und in seinen glitzernden Kleidern (er wechselt sie während des Konzerts) sieht Bradley auch noch so aus, als sei er eben aus der Zeitmaschine ausgestiegen.

Er lebt die Songs

Nun ist gestern ja heute gerade wieder schrecklich modern. Und auf dieser Welle schwimmt auch Bradley, der erst vor fünf Jahren sein Debüt veröffentlicht hat. Der Luzerner Saal ist sehr gut gefüllt. Seine Band groovt das Publikum zu Beginn schon mal kräftig ein, und der Organist fragt dann auch gleich mehrmals mit tief brummender Stimme «are you ready for the one and only Charles Bradley?». Natürlich!

Dann trippelt Bradley auf die Bühne und singt seine (noch nicht so zahlreichen) Songs. Nein, er singt sie nicht. Er schreit sie. Er röhrt sie. Er haucht sie. Kurz: Bradley lebt sie. Er verleiht den eher klassischen Soul-Nummern eben die viel beschworene Seele. Das ist Musikmachen mit allergrösster Hingabe. Und Hingabe steckt an.

Berührende Worte

Die sechsköpfige Band unterstützt Bradley beim Ausleben seiner Gefühle. Der Sound ist sehr druckvoll und hat auch eine gesunde Lautstärke. Schlussendlich lebt er aber klar von Bradley, der da auf der Bühne leidet, liebt und lebt. Ihm zuzuschauen, ist auch ein bisschen ein körperliches Erlebnis. Unglaublich, was der Mann mit seinen 67 Jahren noch aus seinen Knochen schütteln kann. Am Schluss sieht man ihm die Entkräftung denn auch an. Hörbar oder spürbar war das nie. Die Leidenschaft für die Musik trägt ihn wohl locker trotz müden Beinen.

«Egal, ob schwarz oder weiss, unser Blut hat dieselbe Farbe», ruft er in den Saal. «Wir brauchen nicht mehr Bomben oder mehr Kriege oder mehr Messer. Wir brauchen mehr Liebe!» Da wirkt er dann tatsächlich wie ein richtiger Prediger. Und er schafft es, einen tröstenden Moment zu schaffen.

Es bräuchte mehr solch engagierte Kämpfer für die Liebe. Und die Welt wäre ziemlich sicher eine bessere.

... und Charles Bradley traten beide im KKL auf. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

... und Charles Bradley traten beide im KKL auf. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

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