BLUES FESTIVAL: Sein Blues wurde in der Kirche geboren

Mühelos erobert Otis Clay (72) auf der Bühne die Herzen des Publikums. Der grosse Soul- und Bluessänger gastiert zum vierten Mal in Luzern.

Pirmin Possart
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Otis Clay, fotografiert im Hotel Schweizerhof in Luzern: «Die Musik spricht für sich selber.» (Bild Dominik Wunderli)

Otis Clay, fotografiert im Hotel Schweizerhof in Luzern: «Die Musik spricht für sich selber.» (Bild Dominik Wunderli)

Otis Clay empfängt uns in der Lobby des Hotels Schweizerhof in Luzern, wo die internationale Family des Lucerne Blues Festival gastiert. Der gross gewachsene Sänger trägt einen braunen Freizeitanzug und sitzt entspannt im Fauteuil. So richtig im Element, darf man vermuten, wird er erst auf der Bühne sein, wenn seine Stimme und seine Gestik sprechen und die Energie des Soul durch ihn hindurchfliesst.

Wie sein Duo-Partner Johnny Rawls, mit dem er als Soul Brothers auftritt, ist Otis Clay als Kind in einer schwarzen Familie im ländlichen Mississippi aufgewachsen. Das hiess: Religion und Kirche waren allgegenwärtig. «Ich bin als Kind und Jugendlicher immer in der Kirche gewesen. Auch die Schule und die gemeinschaftlichen Aktivitäten haben sich dort abgespielt. Schon früh habe ich gesungen. So bin ich ganz natürlich zum Sänger geworden.»

Gospel mit Krawatte

Mitte der 1950er-Jahre kam der junge Gospelsänger Otis Clay nach Chicago und machte in Gesangsgruppen mit, die so tolle Namen trugen wie Golden Jubilaires, Holy Wonders, Pilgrim Harmonizers, Gospel Songbirds oder Sensational Nightingales. Schon lange bevor er seine erste Platte gemacht habe, sei er ein professioneller Sänger gewesen, sagt Clay. «Mit 18 bin ich zum ersten Mal als Sänger mit einer Band auf der Bühne gestanden. Das war ein wichtiger Moment für meine weitere Laufbahn.»

Nachdem er an einer Rhythm and Blues Session für das Label Columbia als Sänger von Spirituals mitgewirkt hatte, bekam er vom Label One-derful einen Plattenvertrag. «Das war damals ein angesagtes unabhängiges Label für Chicago Soul», sagt Clay. 1965 nahm er auf One-derful seine ersten beiden Titel auf: «Flame In Your Heart» und «Tired Of Falling». 1967 hatte er mit «That’s How It Is (When You’re In Love)» seinen ersten nationalen R & B-Hit.

Otis Clay erinnert sich noch gut an die erste Aufnahmesession. «Es war aufregend für mich, in ein Studio zu gehen und eine Platte aufzunehmen.» Er habe sich extra gut angezogen und sei mit einem schönen Hemd und einer Krawatte erschienen. Er lacht. «Aber dann sah ich im Studio einen Mann, der wie ein Handwerker gekleidet war. Ich glaubte, das sei ein Maler. Dann stellte sich heraus, dass er ein erstklassiger Gitarrist war.»

Von vielen gelernt

Die Zeit, in der Otis Clay zum grossen Sänger heranreifte, war besonders reich an erstklassigen Soul, R & B und Blues Acts. Davon hat er profitiert. «Ich hatte das Glück, dass ich damals viele berühmte Musiker kennen lernen konnte, die sich gerade im Zenit ihrer Karriere befanden und von denen ich lernen konnte.» Auch Sam Cooke, den grossen Soul-Sänger, der 1964 von einer Motel-Managerin erschossen wurde, hat er gekannt und geschätzt. «Er war ein sehr eleganter und liebenswürdiger Mensch.»

Angesprochen auf seine wesentlichen Einflüsse kann und will sich Otis Clay nicht auf bestimmte Namen festlegen. «Ich hatte nie ein festes Idol, mich hat eher die breite Palette von Ausdrucksmöglichkeiten beeinflusst.» So haben ganz verschiedene Sänger und Bands Spuren bei ihm hinterlassen. «Von Ira Tucker von den Dixie Hummingbirds über Frank Sinatra bis zu Sonny Boy Williamson. Auch Nashville mit seiner Countrymusik hat mich beeinflusst.»

Den Horizont erweitert

Wie hat Otis Clay die Rassentrennung und Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den USA erfahren? Natürlich hätten sie darunter gelitten, sagt er und lächelt. «So wie auch heute noch Leute darunter leiden, auch wenn wir das Gefühl haben, diesbezüglich sei vieles besser geworden.» Er sei dankbar, dass er viel habe reisen und dadurch auch seinen Horizont habe erweitern können. «Das hat mir gezeigt, dass es überall gute und schlechte Menschen gibt, egal welcher Rasse oder Religion sie angehören.»

Wenn Otis Clay auf der Bühne steht, werden die musikalischen Kategorien zwischen Gospel, Soul, Blues und R & B durchlässig. «Ich hatte sowohl mit religiöser wie mit weltlicher Musik Erfolg, das ist ziemlich ungewöhnlich.»

Der kleine Unterschied

Bis heute könne er das eine nicht ohne das andere machen. Ob Gospel oder Blues, der einzige Unterschied liege in den Texten, sagt Clay. «Musik ist Emotion. Du kannst es Oper, Country, Jazz oder Hip-Hop nennen, es ist egal: Die Musik spricht für sich selber.»

Solider Blues mit Richard Koechli

«Das fägt ja rüüdig», freute sich Richard Koechli nach dem dritten Song gestern Abend im Casino Luzern. Der Luzerner Gitarrist hatte die Ehre, mit seiner Blue Roots Company das Lucerne Blues Festival zu eröffnen. Koechli ist nicht die Rampensau, die mit einer exaltierter Performance und Animationsritualen das Publikum aus dem Häuschen holt. Er setzt auf andere Qualitäten.

Roots-Blues

Seit bald 25 Jahren arbeitet Richard Koechli als professioneller Musiker. Seine Liebe gehört dem Roots Blues, wie das seine letzten Alben «Howlin with the bad boys» und «Still howlin» dokumentieren. Zu seinen Helden und Einflüssen gehören Musiker wie Blind Willie Johnson, Elmore James und Fred McDowell, aber auch Hank Williams, Bob Dylan, Randy Newman, Ry Cooder, J.J. Cale und Mark Knopfler. 2013 hat der Luzerner, der seit einiger Zeit in Egolzwil lebt, den Swiss Blues Award erhalten.

Mit Heinz Heitz (Gitarre), Dani Lauk (bluesharp), Michael Dolmetsch (Piano Hammond), David Zopfi (Bass) und Fausto Medici (Drums) hat Koechli eine solide Band um sich geschart, die auch gestern den traditionellen Blues mit anderen Roots-Einflüssen aufmischte. Das Spektrum reichte von Coversongs («After Midnight») über Mundart-Talking-Blues im Stile von «Spoonful» bis zu einem Song wie «Blues Stay Away From Me», den auf Wunsch von Koechli auch das Publikum mitsummte. Eine Überraschung war der Gastauftritt von Philipp Felber, einem Maturanden an der Kantonsschule Reussbühl, der die Gitarre mit Verve und rockigem Bluesfeeling spielte.

Blues-Hymne

Song-Höhepunkt von Koechlis Auftritt war die neue Blues-Hymne von Luzern, die er speziell zum 20-Jahr-Jubiläum komponiert hat. «Lucerne is a Blues town» geht mit seinem laid-back J. J.-Cale-Groove sehr gut ins Ohr und gibt auch eine gute Grundlage für die Saitenkünste von Koechli. Ein feiner Auftakt für einen Bluesabend, der erst lange nach Mitternacht zu Ende ging.

HINWEIS

Otis Clay (mit Gast Johnny Rawls) live am Lucerne Blues Festival: heute Freitag, 22 Uhr, Panoramasaal, Casino Luzern. Sonntag, 16. November, 12 Uhr, Hotel Schweizerhof, Luzern (Blues Brunch). www.bluesfestival.ch