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BLUES: Luzerner Gitarrist und Förderer Marco Jencarelli ist für Blues-Award nominiert

Konzerte mit Philipp Fankhauser, Studio-Umbau, Platten-Produktionen: Der Luzerner Gitarrist und Produzent Marco Jencarelli ist aktiv wie noch nie. Und für den Blues-Award nominiert.
Pirmin Bossart
Marco Jencarelli in seinem Studio im Krienser Obernau. (Bild: Boris Bürgisser (Kriens, 28. Februar 2018))

Marco Jencarelli in seinem Studio im Krienser Obernau. (Bild: Boris Bürgisser (Kriens, 28. Februar 2018))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Der Gitarrist sitzt in einem der neuen Studioräume der «Soundfarm» in Obernau/Kriens und ist gerade daran, einen restaurierten Fender-Amplifier mit Jahrgang 1968 zu testen. Der Klang kommt klar und durchdringend, aber trotzdem nicht «clean». Marco Jencarelli ist hingerissen, der Sound beflügelt ihn. Nahtlos wechselt er zwischen Akkord- und Singlenote-Spiel, legt ein paar feine Blues-Soli hin, dehnt mit Feeling die Saiten, spielt «Little Wing». Ein kurzer Soundcheck, ein geiler Gitarrist.

Am Donnerstag wird der 46-jährige Jencarelli mit dem Blueser Philipp Fankhauser auf der Bühne des Konzertsaals im KKL Luzern stehen. Ist das nur noch pure Routine oder doch etwas Besonderes? Definitiv Letzteres, sagt Jencarelli. «Nicht nur für mich, wegen des Heimspiels, sondern für alle. Es ist eine einmalige Location.» Entsprechend fährt die Band in Vollmontur auf: Die Bläser-Sektion wird auf sechs Leute verdoppelt, dazu kommen drei Backing Vocals. «Wir spielen das ganze neue Album durch und lassen keinen Song aus.»

Die Band hat ihr neues Repertoire intus. Schliesslich haben sie die Songs während dreier Wochen gemeinsam entwickelt und intensiv geprobt, bevor sie das Album im Sommer 2017 in wenigen Tagen live in den Malaco-Studios in Jackson/Mississippi aufnahmen. «I’ll be around» hat ein souliges Fundament und basiert zum Teil auf Songmaterial des US-Produzenten Dennis Walker, der mit Wolf Stephenson das Album produzierte.

Albert Collins und Jeff Beck als Gitarrenhelden

Marco Jencarelli ist ein Blues-Kind der 1980er-Jahre, wo Gitarristen wie Stevie Ray Vaughan, Robert Cray oder auch Gary Moore ein Blues-Revival ein­läuteten. «Als ich zum ersten Mal Stevie Ray Vaughan hörte, dachte ich: That’s the shit, nichts anderes!» Damals begann er, die Blues­geschichte nach rückwärts zu ­verfolgen und auf grosse Blues­gitarristen wie Albert King, Albert Collins, B. B. King oder Freddie King zu stossen. «Inzwischen bin ich bei Bluesern wie Charlie Patton oder Tampa Red angelangt.»

Am meisten beeindruckt ihn Albert Collins (1932–1993). Er hatte die Gitarre locker um eine Schulter gehängt, spielte nur auf den obersten Bünden und alles mit dem Daumen. «Du kannst ihm zuschauen und begreifst trotzdem nicht, wie er es macht, dass er so tönt.» Sein definitiver Lieblingsgitarrist aber ist Jeff Beck. «Er ist mit der Gitarre zu einer einzigen Stimme verschmolzen. Du hörst einen Ton und weisst, es ist Jeff Beck, und er klingt anders als alle anderen.»

Er habe kein superfundiertes Wissen über den Blues und setze sich auch nicht besessen mit den alten Spielweisen auseinander, sagt Jencarelli. «Aber der Blues ist für mich absolut zentral. Die blauen Töne, das blaue Lebensgefühl, das prägt mich musikalisch.» Die Phrasierung, das Feeling und die Art und Weise, wie Jencarelli spielt, all das ist vom Blues durchtränkt. Selbst dann, wenn er als Gitarrist gelegentlich in einem anderen stilistischen Kontext zu hören ist.

Als Gitarrist und «musical director» auf der Bühne

Kein Wunder, dass er in der Band von Philipp Fankhauser landete, wo es ihm nicht nur musikalisch behagt. Die Chemie stimmt, die Musiker können einander blind vertrauen. «Mit siebzig bis ­hundert Gigs im Jahr können wir wirklich viel spielen. Das ist wertvoll. Ob vor, während oder nach einem Konzert: Ich spüre eine grosse Selbstverständlichkeit, die sehr entspannend wirkt.» Der ­Gitarrist hält kurz inne und meint dann mit einem Lächeln: «In­zwischen weiss ich gar nicht mehr, ob ich überhaupt je noch in einer anderen Band würde spielen wollen.»

In seiner Rolle als «musical director» trägt Jencarelli auch die Verantwortung, wie die Musik auf der Bühne daherkommt, wie dynamisch sie wirkt. In den teilweise recht offen angelegten Songs gibt er die «cues» (Ein­sätze). Bei Jencarelli laufen auch die musikalischen und persön­lichen Befindlichkeiten zwischen Fankhauser und der Band zu­sammen. «Ich kann Philipp am besten lesen, da ich schon seit 25 Jahren mit ihm spiele. Meine Rolle ist, dafür zu sorgen, dass das, was er will, auf der Bühne auch passiert.»

Nicht das erste Mal ist Marco Jencarelli dieses Jahr für den Swiss Blues Award nominiert. Er wird am 11. April am Bluesfestival Basel verliehen. Jencarelli ist in der Szene nicht nur als Gitarrist bekannt und beliebt, sondern auch als Förderer von jungen Talenten, die bei ihm aufnehmen oder das Album produzieren ­lassen. So entstand letztes Jahr das Debütalbum von Dominic Shoemaker, einem jungen und herausragenden Schweizer Blues­gitarristen aus der Region, der bereits wieder für ein nächstes Album mit Jencarelli zusammenarbeitet.

Die Soundfarm ist ein Sound-Pool geworden

Wie ernst er die Förderung von jungen Musikern und Sound-Menschen nimmt, macht Jencarelli nicht zuletzt mit seinem ­Studio Soundfarm deutlich, das in den letzten Monaten einen umfassenden Aus- und Umbau erfahren hat. In Zukunft werden dort vier Resident-Engineers und Produzenten in je eigenen Regieräumen selbstständig arbeiten (Marco Jencarelli, Anna Murphy, Tobi Gmür, Patrick Zosso). Dazu sollen mit der Zeit sieben bis acht weitere Sound-Engineers und Produzenten stossen, die mit dem Studio-Know-how instruiert werden und die Infrastrukturen für ihre Bedürfnisse einsetzen können.

«Nach über zehn Jahren sind wir stetig ein wenig gewachsen, haben diesen und jenen Raum dazugemietet. Aber dann stellten wir fest, dass wir den ganzen Space gar nicht optimal nutzten», sagt Jencarelli zu den Beweggründen für das Umbauvorhaben. Als der Vermieter eine Sanierung gewisser Gebäudeteile ankün­digte, war dies der springende Funke, die Soundfarm neu zu ­planen und nach zehn guten ­Jahren nochmals kräftig zu investieren.

Das Resultat ist wegweisend und den Bedürfnissen der Zeit angepasst: Das Studio wird nicht nur grösser, sondern auch offener, eine Art Pool oder Plattform. «Der grössere Teil des Equipments ist mobil und kann von ­allen genutzt werden. Wer mit seiner Musik auf dem Laptop ­vorbeikommt, kann schon zehn Minuten später loslegen und in einem richtig professionellen Rahmen und toller Akustik sein Werk produzieren.»

Bald gibt es Hip-Hop aus Zug

Jencarelli selber ist trotz Umbau-Getöse fleissig geblieben. Er hat unter anderem die neuen Alben von One Lucky Sperm, Tobi Gmür oder dem Jodelterzett Engiadina produziert. Auch die Debüts von 2Henning und Intoxica sind in der Soundfarm entstanden. Zurzeit produziert er das neue Album von 7 Dollar Taxi oder die erste EP der Zuger Band Weibello. ­Jencarelli, der Blueser, schwärmt. «Das ist Hip-Hop, live mit Keyboards, Perkussion, Gitarre und Schlagzeug eingespielt, ohne ­Maschinen. Ich finde es spek­takulär.» Wir haben einen Song gehört. Oh ja, man darf sich ­freuen!

Hinweis

Konzert: 8. März 2018, 19.30 Uhr, KKL Luzern, Philipp Fankhauser.

Tickets: www.kkl-luzern.ch

CD: Philipp Fankhauser: I’ll be Around (Sony)

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