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«Bob Dylan von Buttisholz» bringt neues Album – so nahbar und zeitgemäss hat Folk aus der Schweiz selten geklungen

Simon Borer alias Long Tall Jefferson hat seinen Folk um ein paar Facetten erweitert und ihn sanft ins Jetzt geholt.

Michael Graber
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Feiner Schnauzer und feines Musik-Gespür: Long Tall Jefferson.

Feiner Schnauzer und feines Musik-Gespür: Long Tall Jefferson.

Bild: Ella Mettler

Gitarre, Stimme, Weltschmerz. Folk ist zeitlos und doch nie richtig ins Heute transportiert worden. Jetzt hat Long Tall Jefferson den «Cloud Folk» erfunden. Das erinnert an Cloud Rap, die ­gefühlt 222. Weiterentwicklung des Hip-Hop, der sich rastlos stets selber erneuert und wohl auch gerade deshalb so rasch veraltet. Was ist nun «Cloud Folk»?

Es ist kein radikaler Schritt. Es ist mehr so, als würde dem Folk etwas Luft eingeblasen, um ihm mehr Leichtigkeit zu geben. Ab auf die Wolke mit einer Portion Schwerelosigkeit und einigen Effekten aus der Neuzeit. Autotune im Folk? Puristen werden den Kopf schütteln, andere tänzeln dazu.

«Es fühlt sich an wie Long Tall Jefferson 2.0», sagt Simon Borer. Der 32-Jährige wurde auch schon als «Bob Dylan von Buttisholz» (das Heimatdorf von Borer) bezeichnet. Zuvor hatte er sich mit zwei Alben von der 1.0-Version zum 1.1-Upgrade weiterentwickelt. «Ich habe die Veränderung nicht gesucht, sie ist passiert», sagt der Luzerner, der mittlerweile in Zürich lebt und wirkt. Das ist natürlich zumindest ein bisschen geblufft: Long Tall Jefferson ist ein Hinterfrager und ein Drüberdenker. Ein Grübler, der sich Mühe gibt, dar­ob die Lockerheit nicht zu verlieren.

Von der Lust geprägt, es ein bisschen anders zu machen

Wie gut ihm das gelingt, hört man auf «Cloud Folk». Er ist nicht der Typ Revo­lutionär, der Wälle mit aller Kraft einreissen will, er schiebt die Revo­lution vielleicht ein bisschen an, die Burg stürmen sollen andere. Er flicht Beats, Autotune, Hall, Synthies in sein Soundgewand und trägt es, als hätte er nie etwas anderes getragen. Er setzt die Effekte sparsam ein, überbordet nicht und ist hörbar von der Lust ­geprägt, es ein bisschen anders zu machen. Borer:

«Das derzeit allgegenwärtige ständige Suchen nach Authentizität hat mich gelangweilt und ermüdet.»

Drum weg von Roots, hin zu den – ja, wohin? Irgendwie halt doch wieder zu den Roots. Auch Long Tall Jefferson 2.0 ist Long Tall Jefferson. Feines Gitarrenspiel und ebensolche Melodien. Zwar hat jeder Song eine modernere Komponente, aber längst nicht immer ist sie sofort hör- oder spürbar. «Es ist vielleicht immer noch eine Suche nach Authentizität. Halt einfach nach einer neueren Echtheit. Eine, die auch mit künstlichen, digitalen Elementen arbeitet», sagt Borer.

Es ist eine poppige, farbige Authentizität, die Borer findet. Sie strahlt selbst in den hektischeren Momenten eine grosse Ruhe und Unaufgeregtheit aus. Sogar Autotune und Mundharmonika bringt er irgendwie unter einen Songdeckel, dazu klopft ein Beat präzis voran.

Corona bremst die Bandtour wohl leider aus

Es ist alles punktgenau aufeinander abgestimmt, die ungewohnten Klänge sind manchmal einfach als Rauschen im Hintergrund wahrnehmbar. Mal mischt sich eine Posaune unaufdringlich ins Gefüge, dann wirbelt ein Synthesizer etwas Staub auf.

Es fühlt sich trotz allerlei digitaler Effekte alles sehr natürlich und organisch an. Es wäre charmant übertrieben, wenn man bei «Cloud Folk» von einer Neuerfindung spricht, es ist eher ein Weg ein paar Schritte vorwärts. Ohne dabei zu vergessen, wo man gestartet ist. Trotzdem: Entspannter, nahbarer und zeitgemässer hat Folk aus der Schweiz selten geklungen. Dem Musiker ist ein schönes, stimmiges und einnehmendes Album gelungen.

Long Tall Jefferson ist zwar immer noch zur Hauptsache Simon Borer, mittlerweile aber zur Band angewachsen. Drei Menschen und ein Computer. Raubt der dem Folk nicht die Seele? Borer verneint: «Vielleicht lässt er da und dort etwas weniger Raum für Spielereien, aber gleichzeitig öffnet er neue Möglichkeiten.» Zudem sei es nicht zwangsläufig leichter, mit dem Computer zu spielen:

«Wenn man aus dem Takt fällt, ist das wahnsinnig viel offensichtlicher, als wenn kein Programm stoisch weitermacht.»

Stoisch weitermachen will auch Borer, obwohl Corona die Bandtour wahrscheinlich in die Knie zwingt. «Ich werde wohl wieder ein paar Wohnzimmerkonzerte spielen», sagt er, der im letzten Jahr Vater wurde und von seiner Musik lebt. Die Live-Umsetzung der neuen Lieder in voller Bandbesetzung muss wohl noch etwas warten. Bis zum 2.0-Live-Erlebnis dauert es also noch.

Hinweis
Long Tall Jefferson: Cloud Folk (Red Brick Chapel).