BRIT-POP: Bruderstreit als ewiger Antreiber

Schon als Kinder waren sich Liam und Noel Gallagher selten grün. Ihre Band Oasis überlebte die ewigen Auseinandersetzungen nicht. Jetzt beweist Liam Gallagher, dass er momentan die kreative Oberhand hat.

Michael Gasser
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Liam Gallagher trat am 9. September in Madrid auf. (Bild: Victor Lerena/EPA)

Liam Gallagher trat am 9. September in Madrid auf. (Bild: Victor Lerena/EPA)

Als sich Oasis, die erfolgreichsten Vertreter des Britpops, vor acht Jahren trennten, war niemand überrascht. Die Band, 1991 gegründet, war schon immer berüchtigt für ihre tumultartigen, oftmals alkoholgetränkten und mitunter handgreiflichen Zwistigkeiten zwischen Sänger Liam Gallagher und seinem fünf Jahre älteren Bruder Noel. Heute kommunizieren die beiden nur noch via Medien. Anlässlich der bevorstehenden Veröffentlichung seiner ersten Soloplatte liess Liam Gallagher gegenüber der britischen Zeitschrift «The Big Issue» denn auch verlauten, er bereue das Ende von Oasis bloss aus einem Grund: «Noel ist seither zum Schwachkopf mutiert.» Ihn selbst treffe keinerlei Schuld an der Bandauflösung, behauptet er. «Das war alles mein Bruder.» Geschwisterliebe klingt anders.

Der eine kann singen, der andere kann Songs schreiben

Während Oasis bis dato insgesamt über 80 Millionen Tonträger abgesetzt haben, verläuft die weitere Karriere der aus Manchester stammenden Brüder nicht mehr so berauschend: Mit seiner neuen Band, Noel Gallagher’s High Flying Birds, zeigt der Gitarrist zwar stets aufs Neue, wie sehr er als Musiker und Songschreiber gereift ist, doch ihm mangelt es an der Sangeskraft. Die markante Stimme, die Hits von Oasis wie «Supersonic», «The Hindu Times» oder «Wonderwall» prägte, gehört eben Liam Gallagher. Dieser formierte 2009 Beady Eye und nahm mit der Gruppe zwei Alben auf, die zwar gekonnt dem Sixties-Pop huldigen, aber ausserhalb von England nur auf geringe Resonanz stiessen. Wohl auch deshalb versetzte er dem Projekt vor drei Jahren den Todesstoss.

Seither beschäftigte sich Liam Gallagher weniger mit neuen Songs als mit seinem Privatleben. Der 45-Jährige hatte eine Affäre mit einer US-amerikanischen Musikjournalistin, worauf sich seine Frau 2014 von ihm scheiden liess. In der Folge schlug er sich vor allen mit Anwälten herum. Und das derart häufig, dass er mit dem Gedanken spielte, fortan die Finger von der Musik zu lassen und nach Spanien auszuwandern. «Ich war schon immer meschugge, aber für ein Weilchen fühlte ich mich noch verrückter», gestand er der britischen Tageszeitung «The Guardian». Als sich seine Lebensumstände wieder beruhigten, machte sich Liam Gallagher ans Verfassen neuer Lieder, darunter auch die im August erschienene Balladen-Single «For What It’s Worth». Diese kündete er auf Facebook wie folgt an: «Ich wollte eine Entschuldigung schreiben. Nicht bei einer einzelnen Person, sondern bei allen.»

Liam orientiert sich an den Beatles

Weil Liam Gallagher sich darüber im Klaren war und ist, dass es bessere Songwriter als ihn gibt, griff er für sein Solodébut «As You Were» auf die Hilfe anderer Komponisten zurück. Ein guter Entscheid, wie das Album nahelegt: Die zwölf Stücke präsentieren einen Künstler, der sich nicht neu zu erfinden versucht, sondern gekonnt auf seine Stärken setzt. Einmal mehr orientiert sich Gallagher an seinen Idolen, den Beatles: Im wirbligen «Chinatown» huldigt er John Lennon und zitiert dessen «Happiness Is A Warm Gun» fast wortwörtlich. Doch dieses Mal beruft sich der Musiker auch auf andere Sixities-Ikonen wie die Kinks oder The Who. Dennoch muten die Tracks nie antiquiert an. Dafür sorgt der ebenso klare wie druckvolle Sound, der jeden Anflug von Nostalgie im Keim erstickt. Im Fokus von «As You Were» steht Liam Gallaghers grossspuriger und leicht quengelnder Gesang, der nuancenreicher denn je wirkt und die Lieder unentwegt vorwärtstreibt. Obschon einige Songs auch dem Repertoire von Oasis stammen könnten, schmälert das die imposante Dynamik nicht. Wenn auch die Hymne «Bold» wie eine etwas gar gefällige Adaption von «Wonderwall» anmutet. «Paper Crown» hingegen präsentiert sich im Folk-Kleid und weiss mit einem melodiösen Stelldichein von akustischer Gitarre, verschlepptem Piano zu bezirzen.

Das Beste der beiden Brüder seit Oasis’ Untergang

Selbst etwas schwächere Tracks wie «I Get By», dessen zunehmende Ideenarmut durch brachiales Musizieren übertüncht wird, sind nicht frei von Charme. Dies, weil es Liam Gallagher versteht, kraft seiner Stimme alle Bedenken wegzuwischen – zumindest vorübergehend.

«As You Were» ist kein Meisterwerk, aber mit Abstand das Beste, das einer der beiden Gebrüder Gallagher seit dem Ableben von Oasis kreiert hat. Weil die Rivalität zwischen den zweien anhält, darf man gespannt sein, wie die musikalische Antwort von Noel Gallagher ausfällt. Das dritte Album seiner High Flying Birds nennt sich «Who Built The Moon?» und kommt Ende November auf den Markt.

Michael Gasser

Liam Gallagher: «As You Were», Warner Brothers. Das Album erscheint am Freitag, 6.10.