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BUCH: Atheist setzt sich für Religion ein

Der bekannte Schweizer Publizist Alain de Botton ist Atheist. Doch anders als viele, die diese Überzeugung teilen, will er die Religion nicht abschaffen. Ganz im Gegenteil.
Interview Arno Renggli
Alain de Botton, ein «sanfter Atheist», nennt zehn religiös inspirierte Tugenden.

Alain de Botton, ein «sanfter Atheist», nennt zehn religiös inspirierte Tugenden.

Alain de Botton, Sie treten viel versöhnlicher auf als andere Atheisten. Sind Sie überhaupt einer? Sagen Sie nicht vielmehr als Agnostiker «Ich weiss nicht, ob es einen Gott gibt»?

Alain de Botton: Doch, doch, ich bin ein echter Atheist. Aber ein sanfter. Ich respektiere Religion und bin gegen Atheisten, die sie als dummes Märchen abtun. Aber ich kann unmöglich an Gott und übernatürliche Aspekte der Religion glauben.

Was ist denn für Sie das wichtigste Argument dafür, dass es keinen Gott gibt, der unabhängig von menschlichem Wunschdenken existiert?

De Botton: Die Entscheidung, ob und was jemand glaubt, fällt nie aufgrund rationaler Argumente. Sondern aufgrund von Gefühlen. Ich selber fühle nicht, dass Gott existiert. Aber ich würde niemanden überzeugen wollen, der dieses Gefühl hat.

Atheisten argumentieren nebst der Unbeweisbarkeit Gottes oft, Religion sei schädlich. Sie sehen das anders.

De Botton: Ich liebe viele Aspekte von Religion. Darauf verzichten zu müssen, nur weil man Atheist ist, fände ich brutal. Man kann Lehren wie die christliche Dreifaltigkeit ablehnen und sich trotzdem für Religion interessieren. Sie bietet viel Nützliches. Dieses sollten wir übernehmen in die säkulare Welt, die grosse Mängel hat.

Welche Mängel im Besonderen?

De Botton: Etwa der steigende Individualismus und das sinkende Gemeinschaftsgefühl. Oder die Überzeugung, dass Technik und Wissenschaft alle Probleme lösen können. Oder dass wir die Bedeutung unserer doch eigentlich nur kurzen Zeit und unserer Errungenschaften massiv überschätzen. Hierzu kann uns Religion vieles lehren.

Ein Kapitel Ihres Buches widmen Sie der Gemeinschaft. Was kann Religion bewirken? Und was ist das «Agape-Restaurant», das Sie vorschlagen?

De Botton: Religionen waren immer gut in der Gemeinschaftsbildung. Etwa indem sie Leute an einem Ort versammeln, der geschützt ist von der anonymen Welt. Und indem sie gemeinsame Werte vermitteln. Das weckt Begeisterung für die Gruppe. Fast alle Religionen ermutigen zum gemeinsamen Essen. «Agape» ist das altgriechische Wort für bedingungslose Liebe. Ein «Agape-Restaurant» wäre immer offen, es gäbe keine Sitzordnung, wo man als Paar, Familie oder Freunde für sich ist. Man setzt sich frei zu anderen, fremden Menschen, quer durch Ethnien und soziale Schichten. Wie in einer Kirche tut man nur schon durch seine Präsenz kund, die Gemeinschaft zu schätzen.

Wir lassen uns heutzutage ungern vorschreiben, was wir zu tun und zu lassen haben. Sie jedoch möchten religiös anmutende Vorschriften. Und öffentliche Werbeplakate für Moral.

De Botton: Heute wird die Absicht, ein guter Mensch zu sein, mit negativen Assoziationen verbunden: Frömmelei, Schwachheit, Verzicht. Während wir in Fitnesszentren unsere Körper stählen, kommt kaum jemand auf die Idee, als Mensch besser werden zu wollen. Ich finde Religionen darum inspirierend. Diese erstellen sogar Listen, was gut ist.

Sie schlagen in Ihrem Buch ja selber zehn anzustrebende Tugenden vor.

De Botton: Ja. Innere Stabilität, Empathie, Geduld, Fähigkeit zum Verzicht, Höflichkeit, Humor, Selbsterkenntnis, Bereitschaft zu verzeihen, Hoffnung und Zuversicht. Diese Liste ist geprägt von Religionen.

Sie kritisieren die einseitige Bildung. Auch dagegen könne Religion helfen.

De Botton: Ich würde eher sagen, dass man unsere säkulare Kultur auch auf religiöse Weise anwenden sollte.

Das verstehe ich nicht.

De Botton: Wir haben eine reiche Kultur an Philosophie, Literatur, Kunst und Musik, die punkto Gehalt und ethischer Kompetenz durchaus mit Religionen mithalten kann. In unseren Schulen und Unis lehrt man sie zwar, aber ohne sie als moralische Leitlinien für das konkrete Leben zu nutzen. Die Bildung stellt vermeintlich objektive Fakten ins Zentrum und lässt uns allein mit den Zweifeln und Ängsten, die unsere Existenz mit sich bringt. Der Zweck liegt leider nur darin, effizienter zu werden und Fehler zu vermeiden. Aber Bildung sollte auch Weisheit und Trost vermitteln. Wie Religionen es tun.

Sie sind offensichtlich auch ein Fan von religiöser Kunst.

De Botton: Religion hat etwa in Kunst, Architektur, Musik zu überragenden Werken motiviert. Auch als Atheist berühren mich diese Werke aufs Innigste, etwa wie die christlich geprägte Kunst das Leiden zeigt, was ja auch mit dem Mitgefühl verbunden ist. Aber auch in der Vermittlung der Kunst können wir von den Religionen lernen. Museen sind oft kühl geordnet, wollen Tendenziöses vermeiden. Christliche Kunst indes, wie etwa in Kirchen zu sehen, lässt keinen Zweifel an ihrer Absicht. Nämlich uns zu vermitteln, wie wir leben sollen. Religion lehrt uns, dass Kunst nicht nur Selbstzweck ist. Sondern, dass sie etwas bedeuten kann.

Religion ist also schön und nützlich.

De Botton: Ja, wobei sicher auch Nostalgie mitschwingt. Wer wird schon nicht nostalgisch angesichts von grossartigen Gemälden, Kirchenbauten, religiösen Ritualen oder Bibelstellen. Ich finde, wir sollten das kreativ nutzen. Als Atheist glaube ich, dass wir Menschen Religion aus zwei guten Gründen erschaffen haben.

Nämlich?

De Botton: Um trotz unserer egoistischen und gewalttätigen Impulse gemeinschaftlich zu leben. Und als Trost angesichts unserer Verletzlichkeit in jedem Aspekt des Lebens bis hin zum unvermeidlichen Tod. Ich sage nicht, dass die Säkularisierung unserer Gesellschaft prinzipiell falsch ist. Aber wir sollten das Wertvolle der Religion nicht einfach hergeben.

Hinweis

Alain den Botton, 1969 in der Schweiz geboren, lebt als Alltagsphilosoph und erfolgreicher Buchautor (etwa «Trost der Philosophie») in London. Dort gründete er die School of Live.

Alain de Botton: Religion für Atheisten. S. Fischer, 320 Seiten, Fr. 34.90.

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