Dante-Lesung
Basler lesen für Basler die Hölle

Zu 750 Jahren Dante Alighieri lesen Prominente morgen den ersten Teil der «Commedia»: «L’Inferno».

Christian Fluri
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Gustave Doré: Darstellung des Ungeheuers Gerïon im Canto XVII des «Inferno» Die Gravur dient als Plakat für die Lesung.

Gustave Doré: Darstellung des Ungeheuers Gerïon im Canto XVII des «Inferno» Die Gravur dient als Plakat für die Lesung.

Gustave Doré

Wie ehrt man Dante Alighieri, den Schriftsteller, Philosophen, Moraltheoretiker und Politiker, am besten in Basel? Diesen grossen, noch ganz im Mittelalter verankerten Humanisten, der in der «Commedia» auch die Frau als Retterin der Menschheit verehrte. Diesen Vordenker der italienischen Sprache und des italienischen Staates, der dieses Jahr den 750. Geburtstag feiert. Tonino Castiglione, der Präsident der Società Dante Alighieri di Basilea, Cantautore und Lehrer, dachte lange nach und gelangte zur Überzeugung: Menschen, die man hier kennt, sollen Dante der Bevölkerung näher bringen. Bekannte Persönlichkeiten aus Basel und der Region sollen die 34 Gesänge des «Inferno» öffentlich vorlesen, den ersten Teil seines grandiosen Epos «La Commedia», die fulminanten Dichtung über die Hölle. Die eine Hälfte sollte italienischer, die andere deutscher Muttersprache sein. Am Samstag ist es soweit. Gelesen wird im Hof des Basler Rathauses. Von 10 bis 17 Uhr dauert der Lese-Marathon. Ziel der Lesung ist es dabei auch, die italienische Sprache und Kultur in Basel neu zu beleben – eine enorm reiche Kunst, die bis heute Europa beeinflusst.

Ein immenses Unternehmen

Es ist ein äusserst aufwendiges Unternehmen, in das sich Castiglione mit ganzer Leidenschaft stürzte und für das er keinen Aufwand scheute. Zuerst suchte er für seine Società Dante Alighieri die Basilea das Institut für Italianistik der Universität Basel als Partnerin. Die Institutsleiterin Maria Antonietta Terzoli, Professorin für italienische Literatur, sagte mit Freuden zu und liest gar selber einen Gesang – den fünften. Dann galt es weitere 33 Vorleserinnen und Vorleser zu gewinnen. Alle – von Politikern wie Claude Janiak, Anita Fetz oder Conradin Cramer, über den im Juni verabschiedeten Universitäts-Direktor Antonio Loprieno, den Schriftseller Alain-Claude Sulzer, die Sängerin Maya Boog, die Cembalistin Daniela Dolci, bis zum Schauspieler Andrea Bettini – mussten begeister werden. Die Italienisch-Sprechenden lesen das Original, die Deutsch-Sprechenden die neueste und modernste Prosa-Übertragung von Kurt Flasch, die beim S. Fischer Verlag 2011 erschienen ist.

Der Ort der Lesung sollte ein öffentlicher sein und zugleich ein Ort der politischen Macht und Debatte. «Dante war auch Politiker, er übte mehrere Ämter in Florenz aus, war Prior der Stadt. Die Politik aber ruinierte letztlich sein Leben.» Als Gegner des Papstes half er mit, die Stadt Florenz vor den Fängen des Kirchenstaates zu schützen. Als 1302 die Papsttreuen die Macht übernahmen, wurde Dante verbannt, er selbst und die ganze Familie enteignet. Er zog nach Verona, liess sich dann in Ravenna nieder, wo er 1321 starb.

Das Rathaus symbolisiert Macht, Politik und Öffentlichkeit zugleich. Und der Hof ist allen zugänglich, lockt auch Passanten auf ihrer Einkaufstour an. «Die Menschen sollen kommen, hinhören, bleiben, gespannt zuhören, aber auch weitergehen können», erklärt Tonino Castiglione. Das Zuhören ist gratis. Alle sind eingeladen, Dantes grandiosen Text live zu hören.

Öffentliche Lesungen der Commedia haben eine lange Tradition. Der erste Vorleser war der Renaissance-Dichter Giovanni Boccaccio, der Schöpfer des «Decamerone». Er fügte Dantes Titel «La Commedia secondo l’antica vulgata» das Adjektiv «Divina» bei. Seit ihm hat sich der Name «Göttliche Komödie» in der Welt der Literatur durchgesetzt. «Dank der Lesungen in der Renaissance kannten auch einfache Bürger Verse gerade des Inferno.»

Neu ist an der Basler Lesung, dass simultan Dantes Dichtung im Original wie in der Flasch-Übersetzung gross an die Wand projiziert werden.

Das Inferno – eine Abrechnung

Warum lässt Castiglione gerade den ersten Teil, die Hölle, lesen und nicht «Il Purgatorio» oder «Il Paradiso»? Sicher ist die Höllen-Dichtung die schillerndste, bekannteste. Hier zeigt sich neben dem grossen Sprachkünstler, der im Mittelalter verankerte Denker, der Moraltheoretiker, Ethiker und Politiker Dante. Für ihn war menschliches Leben nur in einer festen Ordnung möglich. Selbst das Inferno mit der Vorhölle und den neuen Kreisen untersteht einer solchen Ordnung. Und Dante verbannt hier die machtgierigen Päpste und Politiker in die Hölle, rechnet mit ihnen ab. Dantes literarische Attacken gegen Spekulanten, Intriganten und Machtsüchtige hat an Aktualität nichts eingebüsst. Der Text ist heute noch von gleicher Lebendigkeit wie zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Das zeigt als Beispiel der dritte Gesang: Dante und sein Meister Vergil, der ihn in die Hölle führt, begegnen in der Vorhölle den verbannten Unentschiedenen, den feigen Opportunisten, die stets abseits von einer Haltung stehen. Sie rennen ewig im Kreise auf einem mit Würmern bedeckten, schlammigen Boden, verfolgt und geplagt von Mücken und Wespen: «Und ich ( . . . ) fragte: ‹Meister, was ist das, was ich höre? Und was sind das für Leute, die der Schmerz so überwältigt?› Darauf er zu mir: ‹So elend geht es den schlechten Seelen derer, die ohne Schande lebten und ohne Lob. ( . . . )› Und ich: ‹Was ist so hart für sie, dass sie so laut jammern?› Er antwortete: ‹( . . . ) Sie können nicht einmal auf den Tod hoffen, und ihr blindes Leben ist so niedrig, dass sie jedes andre Los beneiden. Die Welt gönnt ihnen keinen Nachruhm, von Mitleid und Gerechtigkeit sind sie verschmäht. Reden wir nicht von ihnen. Schau nur und geh weiter.›» Dies als ein Appetithappen auf Dantes grosse literarische Kunst.

Dante erleben – Vivere Dante Lesung von Dantes «Inferno» im Hof des Basler Rathauses, 12. September, 10 bis 17 Uhr.

Dante wird auch vom Literaturhaus Basel geehrt. Vom 14. bis 17. September finden 12.15 Uhr Lesungen von je einem Gesang aus dem «Inferno» statt.

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