Basel
Bianca Pedrinas Wolkenatlas auf der Kunsthauswand

Bianca Pedrina versteht Kunst als Kommunikation, abe rauch um die Wirklichkeit zu hinterfragen. «Cloud Atlas» heisst ihr aktuelles Werk. Zurzeit kann es an der Kunsthauswand betrachtet werden.

Simon Baur
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Die Ausstellung thematisierte «Entstuckung» und Architektur, doch Bianca Pedrina ist clever genug, immer nur anzudeuten und keine eigene Interpretation in die Werke einzuschreiben.

Die Ausstellung thematisierte «Entstuckung» und Architektur, doch Bianca Pedrina ist clever genug, immer nur anzudeuten und keine eigene Interpretation in die Werke einzuschreiben.

Seit einigen Monaten ist die grosse Wolke an der Aussenfassade des Kunsthauses Baselland zu sehen. «Cloud Atlas», so der Titel der Arbeit von Bianca Pedrina, ist Teil einer Fotostrecke, welche die Künstlerin für das Projekt «100 Jahre Meret Oppenheim. Das Geheimnis der Vegetation» letzten Sommer entwickelt hat. Bianca Pedrina setzt sich dabei mit der Frage auseinander, inwieweit Fotografien Verlässlichkeit und Echtheit vermitteln, in einer Welt, wie es die Künstlerin formuliert, in der ein jeder von einer permanenten Bilderflut begleitet wird.

Was ist Fotografie

«Cloud Atlas» beschäftigt sich mit der Frage, wie ein Werk das Spezifische des Mediums Fotografie und somit den Zusammenhang zwischen Abbildung und Realität thematisiert. «Cloud Atlas» zeigt keinen Himmel, sondern die Abbildung eines Stücks Himmel. Darin ist eine einsame Wolke zu sehen, umgeben von zarten, sich auflösenden Kondensstreifen sowie zwei bunten Hexagon-Reflexionen von der Kameralinse der Künstlerin. Diese «lens flares» werden als malerisches Moment in die Fotografie eingebracht, als eine Art additives Werkzeug innerhalb der Abbildung der Realität. Bianca Pedrina befasst sich in ihrer Kunst generell mit Wahrnehmungsfragen. Was sehen wir, wie konstruieren wir unsere Welt, ist Fotografie ein Abbild der Realität, funktioniert sie als Instanz oder sogar als Macht? All dies sind Fragen, die sie umtreiben. Dass sie sich seit langem mit Fotografie und Architektur befasst, hat nicht nur biografische Gründe. Auch im architektonischen Kontext sind Wahrnehmungsfragen zentral. So hat sie eine ihrer letzten Ausstellungen Adolf Loos und seinem Kultbuch «Ornament und Verbrechen» gewidmet. Nicht explizit, im Verborgenen selbstverständlich, denn bei Bianca Pedrina liegt nichts auf der Hand, man kommt ihrer Kunst erst durch zahlreiche Umwege auf die Schliche. «Intime Architekturfotografie» ist eine Serie von Fotos, die unterschiedliche Spuren und Risse auf einer Gipswand zeigen. Der Titel verweist auf eine Privatsache und damit auf die Möglichkeit, dass ein Gebäude ähnlich lebt und fühlt wie ein Lebewesen. Zu sehen waren auch zwei Reliefs aus Acrylgips, Ausschnitte von Bodenplatten und einer Balkonsituation und kleine Objekte, die wie Handschmeichler wirken, in denen sie Fotocollagen über gefalteten Blechen anbrachte, die auch als Modelle für grosse Skulpturen dienen.

Adolf Loos als Dilemma

Die Ausstellung thematisierte «Entstuckung» und Architektur, doch Bianca Pedrina ist clever genug, immer nur anzudeuten und keine eigene Interpretation in die Werke einzuschreiben. Diese überlässt sie den Betrachtern, sie sollen herausfinden, inwieweit es sich bei den gezeigten Arbeiten um Ornamente oder um ihre Negation, eine Art Architektur-Ikonoklasmus handelt. Ihre Arbeiten folgen einem sibyllinischen Konzept, das variierend die ähnlichen Fragen stellt: Ist Fotografie tatsächlich ein Abbild der Realität? Dazu gehört auch die Arbeit, die das Foto eines Hauseingangs zeigt, vor dem sich eine Pflanzenkiste aus Beton befindet. In der Kiste selbst wachsen weder Kaktus noch Araukarie, sondern ein einzelner Bruchstein. Was hat diese Ehrlichkeit zu bedeuten, und taugt die Szenerie als Motiv?

Das Beispiel bringt es auf den Punkt: Bianca Pedrina zeigt subjektlose Architekturen, die durch ihre spezifische Sicht auf die Dinge zu animistischen Objekten werden. Das gilt auch für die Wolke an der Kunsthauswand. Nicht die Wolke ist auf die Erde gefallen, die «lens flares» machen es deutlich: es ist ein Abbild der Wolke. Das Bild thematisiert weniger ein Naturereignis als ein Nachdenken über Fotografie. Wir kennen solche erkenntnistheoretische Kunst von René Magritte und Marcel Broodthaers und es ist uns klar, dass wir die Pfeife auf dem Bild nicht rauchen können, weil es eine gemalte Pfeife ist. Doch wir lassen uns davon verführen, weil diese Art von Denken unserer eigenen Fantasie Auftrieb verschafft.

«Cloud Atlas» an der Kunsthauswand ist noch bis 31. Dezember zu sehen. Am 13. Mai um 18 Uhr findet vor der Installation ein Werkgespräch mit Bianca Pedrina und Ines Goldbach statt.

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