Lyrikfestival

Das Politische der Pflanzen

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller spricht über die Schönheit und das Schreckliche der Natur.

Iris Meier
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Eigentlich schreibe sie nicht gern, sagt Herta Müller. Es sei mit Schmerzen verbunden und mache ihr Angst.INGO WAGNER/Keystone

Eigentlich schreibe sie nicht gern, sagt Herta Müller. Es sei mit Schmerzen verbunden und mache ihr Angst.INGO WAGNER/Keystone

KEYSTONE

Es ist Freitagabend, 18.50 Uhr, und Basel wartet auf eine Nobelpreisträgerin. «Am Anfang verstand ich kein Wort in ihren Texten. Aber langsam geht’s», sagt ein Besucher zum andern. Die gerahmten Porträts der Männer im schwarzen Gewand und weissem Kragen, die zu Hunderten in der Aula des Naturhistorischen Museums hängen, haben wohl selten einen solch tobenden Anfangsapplaus gehört wie diesen.

Herta Müller, ebenfalls elegant in Schwarz und Weiss, eröffnet das internationale Lyrikfestival in Basel mit Prosa. Allerdings einer Prosa, die so poetisch ist, dass sich wohl manches Gedicht in eine Gattungskrise stürzen möchte. Poetisch macht sie erstens die Kraft der Bilder, die Herta Müller benutzt, Bilder, die stark sind, verstörend und schön. Poetisch ist zweitens Herta Müllers Umgang mit den Dingen. Im Naturhistorischen Museum, einem Ort, der in der Tradition steht, die Natur als Objekt zu betrachten, tut Herta Müller genau das Umgekehrte: Sie spricht von den Dingen als Subjekte, als Subjekte, denen der Mensch hoffnungslos ausgeliefert ist. So etwa der Erde oder den Pflanzen ihrer Kindheit, die sie in der grässlichen Natur das Schönste fand und später schrecklich darin, dass sie schön waren. Wie konnten diese schönen Nelken sich für Staatsbegräbnisse hergeben? Warum sind die jetzt zum Staat übergelaufen? Wie konnten diese Tannen bereit sein, vor dem Haus des Diktatoren zu wachsen? Und nicht einmal die Sonne kam gut weg: «Es gab dieses Sommerhaus von Ceaușescu am Strand. Und immer, wenn ich am Meer war, habe ich gedacht: Warum geht die Sonne so schön unter? Warum tut sie das für den? Das gefällt doch dem!» Sei man mal beim Politischen angelangt, dann sei eben alles politisch.

Schreiben heisst Schmerzen

Eigentlich schreibe sie nicht gern, gesteht Herta Müller. Schreiben mache ihr Angst und sei immer mit Schmerzen verbunden, wenn man übers Erinnern schreibe. Dagegen klebt Müller sehr gern Schnipselgedichte. Das Ganze begann damit, dass sie eigene Postkarten an ihre Freunde bastelte. Später perfektionierte sie ihr System der Postkartenlyrik: Wörter aus bunten Prospekten werden zu originellen, elaborierten Kurztexten zusammengeklebt. Als sie aufsteht, um die auf Leinwand projizierten Gedichte vorzulesen, fällt auf, wie zierlich sie ist, wenn sie den Kopf in den Nacken legt und mit ihrer charakteristischen Stimme vorliest. Nicht jeder Nobelpreisträger wäre bereit, das zu tun, man könnte nämlich auch seitlich von der Bühne stürzen. Das befürchtet Herta Müller dann auch, und sagt es gleich. Faszinierend ist, wie unprätentiös sie passagenweise erzählt («Vater und Mutter: jeder hat sowas»/ «dann geh ich hops») um im nächsten Moment ebenso beiläufig auf den Erhabenheitsbegriff Immanuel Kants anzuspielen wie auf Ludwig Wittgenstein Spiel-Passage. Die Eloquenz Herta Müllers ist derart mitreissend, dass man keine ihrer Ausschweifungen missen möchte. Dass sie dadurch eher kurz bei der Frage nach ihrer Zeit in Basel als writer-in-residence verweilt, mag den Lokalpatrioten frustrieren, für den Einstieg ins Lyrikfestival ist der Aprikosenbaum dann doch irgendwie passender.

Der Klang der Aprikosen nämlich, führt sie aus, erinnert an Liebkosen. Das Wort Koffer hingegen sei für sie negativ konnotiert. Unter dem sozialistischen Regime sei es ein verbotenes Wort gewesen, weil es Flucht bedeutete. Heute, unter den Bedingungen von Flüchtenden, die gar nichts, nicht einmal einen Koffer mitnehmen könnten, sei das Wort Koffer, so schlimm es sei, noch eines der harmloseren.

Nicht nur ist der Museumssaal bis auf den letzten Platz besetzt, auch die folgenden Festivalveranstaltungen im Literaturhaus sind sehr gut besucht. Am dritten Tag nimmt die kroatische Lyrikerin Dragica Rajčić den Bezug zu Herta Müllers Pflanzendiskurs wieder auf. «Die Blumen verstanden eben kein Griechisch», kommentiert sie eine Zeile in ihrem Gedicht. Bezug nehmend auf Leserbriefe, die ihr empfahlen, ein Lektorat für die absichtlich fehlerhaften deutschen Wörter zu nehmen, sagt Rajčić pointiert «Die Welt, in die wir kommen, ist eben auch nicht lektoriert.» Der Gemeinplatz, Dichtende wüssten über ihre Gedichte nichts zu sagen, wird in ihrem Gespräch mit Oya Erdoğan und Farhad Showghi ebenso widerlegt wie im «gläsernern Seminar» mit Tom Schulz und Julia Trompeter. Was sich hingegen bestätigt, ist, dass nicht immer alle alles gleich (im doppelten Wortsinn) verstehen. Für einen schönen Abschluss sorgt Tom Schulz am Sonntagnachmittag, der zur Frage nach der Verständlichkeit von Lyrik sagt: «Ich will auch nicht so schreiben wie Erich Fried. Ich will nicht, dass man jedes Wort sofort versteht. Das ist gar nicht mein Ziel.»