Alte Meister
Das Schweigen der Bilder

Die Bilder von Hans Holbein, die derzeit im Museum der Kulturen ausgestellt sind, gehören zu den bekanntesten des Kunstmuseums Basel. Nun ist in der Universitätsbibliothek ein alter Konzeptentwurf aufgetaucht

Simon Baur
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Entwürfe zum Epigramm auf Hans Holbeins Amerbach-Bildnis von Bonifacius Amerbach.

Entwürfe zum Epigramm auf Hans Holbeins Amerbach-Bildnis von Bonifacius Amerbach.

Universitätsbibliothek Basel

Hans Holbein der Jüngere ist der Star unter den Künstlern im Basler Kunstmuseum. Seine Werke hängen seit Jahrhunderten permanent in der öffentlichen Kunstsammlung und der Katalog zur Ausstellung seiner Basler Jahre, die 2006 gezeigt wurde, umfasst mehr als 500 Seiten. Wem solche Ehre rund 470 Jahre nach seinem Tod widerfährt, der ist definitiv im Olymp der Kunst angekommen. Nicht nur der «tote Christus im Grabe», das «Familienbildnis», das Doppelbildnis des Bürgermeisters «Jacob Meyer zum Hasen mit seiner Frau Dorothea Kannengiesser» enthalten verschlüsselte Bildaussagen, auch im «Bildnis des Bonifacius Amerbach», 1519 entstanden, gibt es einige Knacknüsse, die eine eingehende Befassung bedingen.

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Bonifacius Amerbach, 1519, Gefirnisste Tempera auf Tannenholz.

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Bonifacius Amerbach, 1519, Gefirnisste Tempera auf Tannenholz.

Martin P. Bühler/Kunstmuseum Basel

Bonifacius Amerbach ist der Vater des Kunstsammlers Basilius Amerbach, dem die Stadt Basel den Grundstock für das Kunstmuseum, das Historische Museum und die Sammlung der Universitätsbibliothek zu verdanken hat. Er war der Sohn des Buchdruckers Johannes Amerbach, der aus dem fränkischen Amorbach einwanderte, wovon sich der Name ableitet, wie im unteren Abschnitt der hier gezeigten Bildtafel noch einfach zu erkennen ist. Nach Johannes Amerbach ist übrigens auch die Strasse im Kleinbasel benannt.

Ein gemaltes Gesicht

Bonifacius studierte Jurisprudenz und klassische Sprachen an der Universität Freiburg im Breisgau, ab 1520 in Avignon, wo er 1525 promovierte, um im selben Jahr als Professor für römisches Recht an die Universität Basel berufen zu werden. Die Gefahr der Reise nach Avignon, wo er studieren wollte, wurde durch die in Südfrankreich wütende Pest erhöht. Dies war vielleicht ein Grund, das eigene Aussehen in einem Bild festhalten zu lassen. Wie der Leiter der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel, Ueli Dill, herausfand, hat sich in der Universitätsbibliothek Basel ein Blatt mit Amerbachs Schrift erhalten, auf der sich rund zwanzig Schriftfragmente befinden, bei denen es sich unzweifelhaft um Entwürfe für die Inschrift auf der Tafel am Baum handelt.

Textliche Veränderung

Eine Infrarot-Reflektografie zeigt, dass Holbein noch nachdem er den Text auf das Gemälde übertragen hatte, eine Formulierung ändern musste. Der zweite Vers endete mit der lateinischen Formulierung «Scripta Coloribus» anstelle des heutigen «Nobile Lineolis». Anfänglich wurde also die Farbe betont und nicht die Linie. Ob hier die bei Erasmus von Rotterdam und späteren Humanisten formulierte Idee eine Rolle spielte, die Linie als Form sei der bloss sinnlichen Farbe überlegen, bleibe dahingestellt. Ueli Dill verwies auf ein zweites Epigramm Amerbachs, das von zwei Bildnissen Amerbachs aus dem Jahre 1519 spricht: Sie zeigen ihn mit und ohne Bart und konkurrenzieren sich. Offensichtlich beabsichtigte Amerbach, noch ein zweites Bild herstellen zu lassen. Und auch hier könnte Erasmus beeinflussend gewirkt haben. Bei diesem lässt sich das Diktum nachweisen, wonach es nicht der Bart sei, der einen Philosophen ausmache, sondern vielmehr dessen geistiges Vermögen. Auch die Absicht des Datums ist ungesichert. Beim 14. Oktober 1519 handelt es sich nämlich um den Geburtstag Amerbachs, und an diesem Tag hat Holbein bestimmt nicht das Bild fertig gestellt.

Holbeins sozialer Aufstieg

Nur drei Wochen zuvor, am 25. September 1519 wurde Holbein in die Basler Malerzunft aufgenommen und durfte seine Bilder nun selbst signieren. Als er das Doppelbildnis des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen und seiner Frau Dorothea Kannengiesser 1516 anfertigte, arbeitete er noch in der Werkstatt des Hans Herbst. Unbekannt ist, ob es sich bei den Initialen «H.H.» im ornamentalen Flechtwerk im Bild um diejenigen von Holbein oder Herbst handelt. Hätte Ueli Dill recht, und Amerbach, beziehungsweise Holbein planten tatsächlich ein zweites Bildnis, so könnten wir uns folgende Situation vorstellen, die an das Doppelbildnis des vorgenannten Bürgermeisters erinnert: Links vom Baum auf dem linken Bild der rasierte Amerbach, der nach rechts blickt. Am Baustamm hinge eine Tafel mit dem Bart-Epigramm, gegenüber das heutige Porträt. Der fehlende linke Rand auf der Inschriftentafel des erhaltenen Gemäldes wäre damit auch geklärt. Ob es dazu tatsächlich Pläne gegeben hat, wissen wir nicht, wir bewegen uns hier im Feld der Spekulation. Doch reizvoll ist auch dieses, und vieles deutet darauf hin, dass es sich so oder ähnlich zugetragen haben könnte.

«Holbein. Cranach. Grünewald. Meisterwerke aus dem Kunstmuseum Basel» im Museum der Kulturen, dauert noch bis zum 28. Februar 2016.

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