Theater Basel
Der Ballettklassiker als ironischer Comic

Am Theater Basel stellt der Belgier Stijn Celis seine erweiterte, kurzweilige Version von «Schwanensee» vor

Elisabeth Feller
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Mit dieser Brautschau will es nicht richtig klappen: Prinz Siegfried (Frank Fannar Pedersen, links) und die Königinmutter (Ayako Nakano) haben es mit vier heiratswilligen Prinzessinnen zu tun. Werner Tschan/zVg

Mit dieser Brautschau will es nicht richtig klappen: Prinz Siegfried (Frank Fannar Pedersen, links) und die Königinmutter (Ayako Nakano) haben es mit vier heiratswilligen Prinzessinnen zu tun. Werner Tschan/zVg

Werner Tschan/zVg

Welches Ballett ist das berühmteste? «Schwanensee». An ihm kommt kein Choreograf vorbei; auch der Belgier Stijn Celis nicht, der in Basel eine erweiterte Version seiner 2006 in Bern uraufgeführten Choreografie zeigt. Damit glückt Basels Ballettdirektor Richard Wherlock wiederum ein Schachzug. Er selbst hatte 2008 den Klassiker inszeniert und umgekrempelt, was sich auch im Titel niederschlug: In «A Swan Lake» tanzten nicht Frauen, sondern Männer die verzauberten Schwäne.

An der klassischen Rollenverteilung rüttelt Celis nicht, ansonsten aber unterzieht er alles Vertraute einer neuen Lesart, zu der auch die radikale Straffung von Tschaikowskys Ohrwurm-Musik zählt. Das Sinfonieorchester Basel spielt diese unter Thomas Herzogs Leitung nicht gefühlig, sondern gefühlvoll; mit fein ausgesponnenen Soli und zügigen, rhythmisch klar konturierten Tempi. Dadurch bekommt Celis ironisierte, comicartig überzeichnete Erzählung packenden Drive. Die hat es auch in sich, da Celis sie auf den Konflikt zwischen einer dominanten Königinmutter (Ayako Nakano) und einem schwachen Sohn, Prinz Siegfried (Frank Fannar Pedersen), zuspitzt.

Wie ein Artist unter Zirkuskuppel

Die erste Begegnung zwischen den beiden spricht Bände. Da will Siegfried einen Bückling machen, aber dieser fällt so peinigend aus, dass gleich klar wird: Hier ist einer nicht bloss von seiner Mutter gefangen, sondern auch von seiner Psyche, die ihm Albträume beschert – bis zum Tag einer Helligkeit versprechenden Begegnung: Eine verzauberte Prinzessin in Schwanengestalt (Annabelle Peintre) fliegt vom Bühnenhimmel zur Erde. Von unsichtbaren Seilen gehalten, macht der Schwan in der Luft Überschläge – wie ein Artist unter der Zirkuskuppel. Verfolgt wird er von Rotbart (Jorge García Pérez), der sich als dämonischer Drahtzieher des Geschehens zeigt und dabei immer neue Gestalt annimmt: als Batman im Cape und mit Händen, deren spinnenartige Finger auf Nosferatu verweisen; als Psychiater, der Siegfried «therapiert» und am Ende, wenn nichts mehr so ist, wie es einmal war, als ein Häufchen Elend, das zitternd der Mutter zustrebt: Sie hat ihren Sohn verloren, denn Siegfried ist zum Schwan geworden.

Spitzentanz? Nein.

Für diese radikale Anverwandlung aus Liebe findet Celis ein ebenso verstörendes wie berührendes Bild. Da steckt der grossgewachsene, wunderbar ausdrucksstarke Tänzer Frank Fannar Pedersen im weissen Federkleid und will – verängstigt und liebestrunken in einem – den Gestus seiner Geliebten nachahmen: Fehlanzeige. «Und so sehn wir betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen» (Brecht) und lassen nochmals die Inszenierung in Jann Messerlis abstraktem Bühnenraum Revue passieren. Etwa den Auftritt der Minister mit ihren gezwirbelten Schnurrbärten; das Überspannt-Hintergründige des Hofnarren (Debora Maiques Marin); die rote Rutschbahn, auf der vier Prinzessinnen auf die Bühne rutschen und «Siegfried anbaggern wie in einer Bachelor-Show» (Dramaturgin Bettina Fischer). Spitzentanz? Nein. Tänzerinnen und Tänzer sind barfuss; sie stehen oft breitbeinig da; ihre Hände und Körper werden von Tremoli geschüttelt – wie in einem Fiebertraum. Könnte es sein, dass alles, was wir gesehen haben, einem von Siegfrieds Träumen entspringt? Eigenwillig und kurzweilig war dieser von einem starken Ensemble getragene «Schwanensee»-Traum auf jeden Fall.

Nächste Vorstellungen: 24. November, 4., 9., 16., 20., 26. Dezember, Dernière am 26. März 2018, Theater Basel. Weitere Infos unter www.theater-basel.ch