Literatur
Der Schweizer liebt das «Rössli», das «Bahnhöfli» und den «Löwen»

Ein neues Buch porträtiert die Schweiz und ihre Bürger – schön geordnet in Form von Listen. Der Autor Hanspeter Bertschi hat ein damit ein Werk geschaffen, das man fast nicht aus der Hand legen kann.

Michael Hugentobler
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Silvan Wegmann

Der Schweizer geht am liebsten ins Nachbarland in die Ferien, nach Frankreich. Wenn er zu Hause in die Beiz geht, dann ins «Rössli», ins «Bahnhöfli» oder in den «Löwen». Seine Katze heisst Simba. Am schönsten findet er die Stadt Luzern. Er fährt einen VW, vertraut dem Feuerwehrmann eher als dem Arzt (und dem Arzt eher als dem Richter) und ist bei der Groupe Mutuel versichert. Frau Schweizer würde gerne in der Verwaltung arbeiten. Herrn Schweizers Traumjob ist Ingenieur, zur Not tut es aber auch die Verwaltung.

Dieses Bild unserer Landsleute skizziert das Buch «Die Schweiz in Listen». Auf 207 schön geordneten Listen kann der Schweizer sich im Spiegel betrachten. Eigentlich ist es ein Buch der Superlativen: Die populärsten Fleischspezialitäten sind aufgelistet, die längsten Strassentunnels, die ältesten Kantonswappen. Noch viel mehr sagt das Buch aber aus über den Charakter der Bevölkerung.

«Gopf!»

Des Schweizers liebste Freizeitbeschäftigung ist Fernsehen, und dort schaut er lieber Fussball und Skifahren als die «Tagesschau». Manchmal treibt er Sport, und wenn er sich dabei verletzt, dann ist es meistens beim Fussballspielen. Flucht er, so sagt er gopferdeckel, gopferdelli oder einfach nur gopf.

Die gefährlichsten Beschäftigungen des Schweizers, wo er sich am häufigsten verletzt: Platz 1: Umhergehen in Haus und Garten, Platz 2: Ausgehen, Platz 3: Neckereien. Erschreckend ist Platz 5: eigene Körperpflege. Und Platz 11: der Arztbesuch.

Wenn sich der Schweizer entscheidet, auszuwandern, geht er nicht allzu weit weg. Auf Platz 1 der Auswanderungsländer steht Frankreich, auf Platz 2 Deutschland.

Der Schweizer kann auch brillieren

Das hört sich bieder an. Der Schweizer kann aber auch brillieren, und seine Erfolge sind beachtlich. Als François Lefort avancierte der Schweizer zum persönlichen Freund des russischen Zaren Peter der Grosse. Als Abraham Alfonse Albert Gallatin erklomm der Schweizer die amerikanische Karriereleiter und wurde Finanzminister unter dem US-Präsidenten Thomas Jefferson. Als Bauernsohn Cesar Ritz begründete er eine weltweite Hotelkette und als Buchhalter Hans Gamper schuf er den FC Barcelona. Auf das Konto des Schweizers geht die Autofirma Chevrolet, die George-Washington-Brücke in New York, das Cellophan, die Aluminiumfolie, der Reissverschluss und die WC-Ente.

Zusammengetragen hat diese Daten der Journalist und Autor Hannes Bertschi. Bertschi wohnt auf einer 14 Quadratkilometer grossen Insel auf den Philippinen. Seine Fakten sammelt er über das Internet. «Aus der Ferne betrachtet, sehe ich unser Land jeweils viel klarer», sagt Bertschi, der viele Jahre auf Reisen verbrachte und nun seit 10 Jahren auf den Philippinen lebt. Nach dem Wesen des Schweizers befragt antwortet Bertschi mit einer Liste: 1. nett, 2. sorgfältig, 3. vergleichsweise weltoffen, 4. ängstlich, 5. naiv, 6. eigenwillig. Bertschis Ziel sei gewesen, mit seinem Buch Witz, Tragik, Unterhalten, Wissen und scheinbar Nebensächliches zu vereinen.

Das ist ihm gelungen. Bertschi schuf ein Buch, das man fast nicht aus der Hand legen kann. Man erfährt, dass der Schweizer pro Jahr 20 Kilo Käse isst, 15 Kilo Äpfel, 11 Kilo Schokolade, 8 Kilo Tomaten, und 4 Kilo Eisbergsalat. Im Bett sind sich Mann und Frau einig: An erster Stelle kommt Doggy Style und dann Cowgirl. Die Kinder der Schweizer heissen Lena und Noah. Sind die Kinder unter 25, ist ihre grösste Sorge der Leistungsdruck. Der Hund der Familie ist ein Deutscher Schäferhund mit dem Namen Rocky.

Hannes Bertschi: Die Schweiz in Listen. Faro im Fona Verlag 2012, 308 S., ca. Fr. 30.–.