Weihnachtsgeschichte

Die Flucht nach Ägypten – Kapitel 5

Eine Weihnachtsgeschichte von Pedro Lenz.

Pedro Lenz
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In der touristischen Welt von Sharm-el-Sheikh treffen die zwei befreundeten Paare auf westliche Weihnachtsstimmung. Illustration: Philip Bürli

In der touristischen Welt von Sharm-el-Sheikh treffen die zwei befreundeten Paare auf westliche Weihnachtsstimmung. Illustration: Philip Bürli

Der Rest der Woche am Roten Meer verging rasch. Erstaunlich schnell hatte sich die Gruppe einer Routine hingegeben. Nach Weihnachten und dem Ausflug auf den Berg Sinai begann ein Tag dem andern zu gleichen. Die beiden Paare frühstückten gemeinsam. Danach gingen Ines und Robert früh zum Strand, während Lilian und Joe im Fitnessraum trainierten. Gegen Mittag trafen sie sich zu einem Imbiss, und die Nachmittage verbrachten sie meist lesend auf der Hotelterrasse. Am Abend assen sie immer in der gleichen Trattoria, die sie, wie Joe fand, leider zu spät entdeckt hatten.

Alle vier hatten bald den Eindruck, die richtige Mischung aus Nähe und Distanz gefunden zu haben. Und abgesehen vom milden Streit beim Weihnachtsessen kam es im Verlauf der Ferien zu keinen erwähnenswerten Differenzen mehr, weder zwischen den Paaren noch innerhalb der Paare. Lilian fand, das müsse betont sein, denn es sei alles andere als selbstverständlich, und sie habe diesbezüglich schon ganz andere Erfahrungen gemacht.

Im Bus, der sie zurück zum Flughafen brachte, bedankte sich Heini, der Mann vom Reiseanbieter, für ihren Besuch und wünschte einen angenehmen Rückflug. Er hoffe, sie bald wieder in Sharm el-Sheikh begrüssen zu dürfen. Ein letztes Mal schauten sie auf die Palmen, an denen noch immer die Weihnachtsdekorationen hingen. Nur fünf Tage waren sie an diesem seltsamen Ort gewesen, aber Lilian kam es viel länger vor: «Jetzt freue ich mich auf mein eigenes Bett», hörten die Freunde sie sagen. «Schade, ich wäre gerne noch länger geblieben. Kommen wir nächste Weihnachten wieder?», fragte Joe. Niemand antwortete, und er wusste nicht, ob er das allgemeine Schweigen schon als Antwort deuten sollte.

Es war Robert, der endlich das Schweigen brach: «Ich weiss nicht, die Ferien selbst fand ich gut, aber Weihnachten hatte ich mir ein bisschen anders vorgestellt.» Und als Ines sie daran erinnerte, dass er selbst die Idee gehabt habe, den Familienfeiern zu entfliehen, musste er zugeben, dass er doch fast lieber wie sonst immer gefeiert hätte. «Weihnachten und Daheimsein, das gehört halt trotz allem irgendwie zusammen.» «Aber das Heilige Paar war ja an Weihnachten gerade nicht daheim!», sagte Ines. «Sind wir das Heilige Paar?», fragte er. Die anderen lachten, und damit war das Thema abgeschlossen.

Der Flug verlief ruhig. Nach der Landung in Zürich stellten sie fest, dass es weniger kalt war, als sie befürchtet hatten. Im Zug nach Hause trafen sie zufällig eine Familie aus der Nachbarschaft, die auf dem Rückweg vom Skifahren im Graubünden war. «Und was habt ihr über Weihnachten gemacht?», fragten die Nachbarn. «Wir waren am Roten Meer», sagte Robert und wurde gleich aufgefordert, zu berichten. Erst da merkten er und die andern drei, dass es ihnen schwerfiel, etwas Besonderes zu erzählen. Schön sei es gewesen. Ein bisschen zu kalt zum Baden, aber sonst sehr angenehm. Und nein, viele Leute habe es nicht gehabt. Und ja, die Hotels seien wunderbar. Und nein, gefährlich sei es ihnen nicht vorgekommen. Und ja, die Restaurants seien ausgezeichnet. Und nein, teuer sei es ganz und gar nicht.

Zuhause angekommen, verabredeten sich die beiden Paare für den nächsten Abend. Sie hatten sich darauf geeinigt, an Silvester in den Jura zu fahren, wo Roberts Mutter ein altes Bauernhaus besass. So könne man die Ferien gemütlich ausklingen lassen, hatte Ines vorgeschlagen. Und es sei doch viel schöner, das Jahresende in der Abgeschiedenheit der Berge zu feiern als im grossen Party-Rummel.