Schweizermacher

Die Schweizermacher machen jetzt auf Musik

Der Erfolgsfilm von 1978 findet im Musical eine Fortsetzung. In über 20 kurzen Szenen bekommt das Publikum einen Spiegel helvetischen Alltags vorgesetzt.

Rosmarie Mehlin
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Schweizermacher - Die Premiere
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Schweizermacher - Die Premiere

Bittersüss muss sie sein, zart schmelzend, aber nicht ohne Biss. Die Entwicklung einer neuen Schoggi braucht Fantasie, Kreativität und Zeit. «Die Schweizermacher»-Musical-Macher haben sich das zu Herzen genommen, denn sie wollten ein typisches CH-Produkt auf die Beine stellen.

Eines, das «choge guet isch» und «cheibemässig amächelig» – halt eben eines so köstlich wie Schoggi. 1978 hatte Regisseur Rolf Lyssy mit «Die Schweizermacher» den bis dato erfolgreichsten einheimischen Film geschaffen.

Idee vor fünf Jahren

Vor fünf Jahren tauchte die Idee auf, den Stoff, aus dem helvetische Einbürgerungen gemacht sind, als Musical auf die Bühne zu bringen. Jetzt stehen sie da, in der Maag-Halle, die Wände voller Aktenschubladen, die Hermes Baby in den muffeligen Beamtenbüros; jetzt hängt das Bild von General Guisan im Wohnzimmer von Dr. Helmut und Gertrud Starke, trägt Frau Galli eine geblümte Kittelschürze und ein Netz über den Bigoudies. Die späten 70er-Jahre sind vom Film direkt ins Musical transferiert worden, genauso wie die Figuren und der Plot.

Dazu gekommen ist die Musik von Markus Schönholzer: Rhythmisch variiert mit Anklängen an Jazz und Disco, wechselt sie ab mit eingängigen und auch anrührenden nostalgischen Melodien. Ein Potpourri, das mit jeder Nummer aufs Neue überrascht. Auch Schönholzers Songtexte, mal aufrührerisch, mal romantisch, gefallen gut. Das fünfköpfige Live-Orchester, die meiste Zeit unsichtbar, setzt sich genau im richtigen Masse durch, um den Stimmen den nötigen Freiraum zu lassen. Dazu wird Simon Eichenbergers mitreissend variantenreiche Choregografie vom Ensemble lustvoll umgesetzt.

Dialoge zentral

«Die Schweizermacher» ist ein Musical, in dem besonders die Dialoge von zentraler Bedeutung sind. Bei aller Situationskomik ist das Thema zu ernst, um allein mit unbeschwerter Fröhlichkeit abgehandelt zu werden.

Es ist Paul Steinmann als Autor gelungen, die einzelnen Figuren durch ihre Formulierungen und Aussagen zu charakterisieren: In seinen griffigen Dialogen bringt er nebst Witz, Ironie und Satire mal charmant, mal sehr direkt Gefühle und immer subtil Ängste, Boshaftigkeiten, Frustrationen auf den Punkt.

So schimmert bei Max Bodmer, dem Bünzli-Büffel-Beamten par excellence, schon mal ein leiser Hauch von Schwäche durch. Wie alle Figuren – die Akteure wurden in nicht weniger als acht Auditions sorgfältigst ausgesucht – ist Bodmer (im Film Walo Lüönd) mit Andrea Zogg grossartig besetzt.

Star des Abends

Rolf Sommer als Bodmers Assistent Moritz Fischer (1978 von Emil gespielt) singt und spielt sich in der Maag- Halle mit berührendem Feingefühl, bar jeglichen Kitsches, in die Herzen des Publikums. Er ist, neben all den blitzenden, hellen Glanzlichtern, der Star des Abends. An seiner Seite überzeugt Irena Flury als Milena Vakulic durch strahlende Direktheit und Sentiment ohne Sentimentalität.

Ob zentralere Rollen – wie das einbürgerungswillige deutsche Ehepaar Starke, der Italiener Grimolli oder die Russin Smirnow – oder Nebenfiguren: Jeder für sich und alle zusammen begeistern und bilden ein faszinierendes, homogenes Ganzes. Daraus sei Maja Stolle allerdings speziell erwähnt: Ihre Gift und Galle speiende Frau Galli – die am Türspion und im Treppenhaus omnipräsente helvetische Hausfrau – ist sowohl von der Figur als auch von der Darstellung her ein Kabinettstückchen.

Im brillant durchdachten und ebenso umgesetzten Bühnenbild sowie in einer tempo- und einfallsreichen, packenden Inszenierung von Stefan Huber kommt das Publikum in über 20 kurzen Szenen einen Spiegel helvetischen Alltags vorgesetzt. Das ist bittersüss und köstlich wie Schoggi – aber nicht nur. Denn während dort Kalorien Sorgen bereiten können, ist es hier die Erkenntnis, dass sich am Prinzip «Die Schweizermacher» in 32 Jahren kaum etwas geändert hat.