Martin Suters «Geri»

Dieser Martin Suter ist ein Flop

Die «Geri»-Uraufführung von Martin Suter und Stephan Eicher in Zürich enttäuscht schwer. Das erste Mundartsingspiel am Schauspielhaus seit der «Kleinen Niederdorfoper» vor 59 Jahren ist der Schauspielhaus-Flop des Jahres.

Christian Berzins
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Dabei hatte es die Abonnenten-Mama nur gut gemeint. Anstatt Papa sollte endlich mal die 13-jährige Tochter mit ins Theater. Dürrenmatt, Shakespeare & Co, gewiss, das ist Stoff von gestern: Aber da nun Rockchansonnier Stephan Eicher für die Musik und Bestsellerautor Martin Suter für den Text eines Musicals sorgen würden, war der Moment für die Schauspielhaus-Initiation gekommen.

Der Schuss ging hinten raus. Das Töchterchen langweilte sich offensichtlich zu Tode, ja, nahm den Schauspielern in der zweiten Hälfte die Szenen-Pointen jeweils mit zwei Sekunden Vorsprung schonungslos rundum hörbar aus dem Mund und begleitete Stefan Bachmanns «Regieeinfälle» auch mal stöhnend. Ob sie zum Schluss staunte, dass alle berühmten Protagonisten euphorisch beklatscht wurden? Nun fragt sich Mama wohl, ob das Töchterchen etwas doof finden dürfe, das die «SonntagsZeitung» im Vorfeld als «Das Ereignis des Theaterjahres» angekündigt hatte. Sie darf. Denn «Geri», das erste Mundartsingspiel am Schauspielhaus seit der «Kleinen Niederdorfoper» vor 59 Jahren, ist der Schauspielhaus-Flop des Jahres.

Von der Kolumne zum Singspiel

Die Rechnung «Erfolgsautor plus Erfolgsmusiker plus Erfolgsregisseur gleich Triumph» ging nicht auf. Kein Wunder, war es doch nüchtern überlegt ein ungeheuerliches Risiko, aus zeitgeistigen Kolumnen über einen Szenengänger - fünf Tramhaltestellen dauernde Köstlichkeiten - einen Theaterabend zu machen.

Als Martin Suters Kolumnen «Richtig leben mit Geri Weibel» zwischen 1997 und 2002 im «NZZ Folio» erschienen, liebten alle diesen Geri, der tollpatschiger als jeder andere den Trends der grossen Welt und der kleinen Stadt hinterherzulaufen schien. Von den vermeintlich entscheidenden Fragen, welches Getränk in einer Bar angesagt ist oder welche Brille man gerade trägt, hatte er keine Ahnung.

Doch wenn der Theatervorhang aufgeht, hilft es nichts mehr, dass jede einzelne Kolumne eine prächtige Episode war. Denn es galt nun, die auf feinsinnige Pointen zielenden Begebenheiten nicht nur zu einem dramatischen Text zusammenzufügen, sondern Martin Suter musste gar ein Singspiel erfinden: Es musste Texte schreiben, die Stephan Eicher in Musik setzen konnte. Der Handlungsteil spielt sich nun wie bei einem klassischen Singspiel - etwa Mozarts «Die Entführung aus dem Serail» von 1784 oder der «Kleinen Niederdorfoper» - auf einer gesprochenen Ebene ab, die Gesangsszenen sollen den reflektierenden Teil bilden. Doch diese Umwandlungen waren zwei Hürden zu viel für Suters Kolumnen, die Überforderung ist jedem Dialog anzumerken. Die gesprochenen Szenen entpuppen sich als eine Aneinanderreihung von Sketches, deren Inhalte harmlos und deren Pointen erahnbar sind. Die Liedtexte musste Suter naturgemäss einfach halten, doch ging dabei die Raffinesse und Schärfe seiner Kolumnensprache verloren, Klischees müssen aushelfen.

Die Musik von Stephan Eicher ist dennoch vielfältig, abwechslungsreich und in sich geschlossen, doch bleibt sie eine Untermalung des blassen Textes. Immerhin: Die Musiker rund um Pianist Jean-Paul Brodbeck verstehen es, mal mit leiser Melancholie die Stimmungen zu umrahmen, mal mit draufgängerischem Drive die Lieder zu verstärken.

Präsenz einer Wartezimmerpflanze

Die Schauspieler singen und sprechen mikrofonverstärkt sehr verständlich. Doch gerade die geheimnisvolle Aura, die dem Stück neben einer einzigen ehedramatischen Nebenepisode etwas Furor bringen könnte, ist mit Sarah Hostettler fehlbesetzt. Ihre Bühnenpräsenz ist so bescheiden wie jene einer Wartezimmerpflanze. Und Michael Neuenschwander stellt zwar den depperten Geri prächtig dar, nicht aber jenen, der (vorübergehend) an Selbstbewusstsein gewonnen hat. Carol Schuler, Martin Rapold, Jan Bluthardt, Nicolas Rosat, Susanne-Marie Wrage, Mike Müller und Roberto Guerra geben ein nettes Bild der Szenengänger ab.

Regisseur Stefan Bachmann macht beim süss-harmlosen Spielchen brav mit, setzt die Protagonisten mal an die Bar, mal in ein Sesselrund, feiert Plattitüden und überdreht sie mit viel Klamauk. Mit Erfolg. Es gibt schon Szenenapplaus, als sich erstmal eine Zwischenwand hochschiebt und Einblick in einen Nebenschauplatz bietet. Hier liegt Mike Müller alias Peter schnarchend vor Geris Wohnungstür. Sind unsere Ansprüche zu hoch, wenn wir da schon nicht mitklatschten?

Geri Schauspielhaus Zürich, Pfauen, 13./ 17./ 20./ 21./ 28., 31. Dezember.