Schaulager Basel
Eine konspirative Zelle - kühl getarnt

Drei unterkühlte Räumchen, sieben Werke: Das Schaulager Basel macht mit den Werken von Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow gekonnt auf Understatement.

Sabine Altorfer
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Krass, wie sich das Schaulager in Basel so anders gebärdet, als es sich für ein Museum gehört. Da baute man riesige Räume – trumpfte jeden Sommer mit Materialansammlungen auf, die jedes herkömmliche Ausstellungshaus nicht zu fassen vermag. Und jetzt, wenn Materialschlachten allerorten en vogue sind, macht das Schaulager das Gegenteil. In seine monumentale Halle stellen Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow gerade mal drei Räumchen. Wie das Modell eines Museumskabinettes wirkt das. Darin sieben Werke. Fertig.

«Das Schaulager soll als Testgelände für Vorhaben dienen, die andernorts nicht möglich sind», schreibt Mäzenin Maja Oeri im Vorwort des Katalogs. Dafür wird ein enormer Aufwand betrieben: jahrelange Vorarbeit, ein Katalog, Werbung, Pressekonferenz, Künstlergespräche. Zwei Kuratorinnen sind angestellt, die aber nichts zu kuratieren haben, weil das die Künstlerin, der Künstler machen.

Nein, das ist nicht polemisch gemeint. Denn wenn der erste Eindruck – «ist das alles?» – verdaut ist, man also Zeit hat, sich den vielen Fragen, den widersprüchlichen Gefühlen zu widmen, die dieses scheinbar so leicht Überblickbare auslösen, dann wirds interessant.

Osteuropäische Quellen

Was sieht man also? Drei weibliche Figuren von Katharina Fritsch, knapp menschengross, giftig gelb, die Form von osteuropäischen Puppen aus Maisblättern abgeleitet, stehen als dienendes Personal zu Beginn. Ihnen hat Alexej Koschkarow ein weiss glänzendes Keramik-Gebilde gegenübergestellt. Handgranate, Explosionswolke und «kalter Ofen» (so der Titel) in einem. Bevor wir uns zu sehr im osteuropäischen Formenvokabular einnisten können, katapultiert uns ein blauer Sarg auf orangen Stelzen in Zonen, die weniger geografisch als mental-psychologisch zu verorten sind.

Als Pendant zu Fritschs Sarg führt uns Koschkarow in seinem Raum in die Welt aus Macht und Symbolen: Ein Doppeladler und ein «Höllentor» hängen schummrig gezeichnet an der Wand, ein windschiefes Holz-Schtetl grüsst aus ostjüdischer Vergangenheit und ein faschistoides Denkmal behauptet sich pathetisch als Augenfänger. Zuoberst auf dieser Festungs-Treppenhaus-Architektur stehen betont kampflustig drei Soldaten. Doch halt! Die Protz-Männer sind nackte Frauen – und wie ein wärmendes Gelächter taucht Ironie in diesem unterkühlten Ambiente auf.

Ironie und Zeitgeist

«Ja, es geht um Geschichte, es geht um Krieg, Gewalt und Macht – aber es wäre langweilig, wenn die Werke nur bitterernst wären» sagt uns Koschkarow danach beim Gespräch. Und er verrät auch, dass die Abrieb-Vorlage für den habsburgischen Doppelader nicht etwa in Wien steht, sondern im Kinderzoo des New Yorker Centralpark.

Die Habsburger wie die Russen grüssen im Ausstellungstitel «Zita – Schtschara Zita, die letzte Habsburger-Kaiserin steht für die Deutsche Fritsch als Symbol für die Vergangenheit, für den Untergang eines Reichs und die gewaltigen Veränderungen in Europa. Der gebürtige Weissrusse Koschkarow hat dem Schtschara gegenübergestellt, den Fluss seiner Heimat, wo sein Urgrossvater im Ersten Weltkrieg verletzt wurde und wo sein Grossvater ein Häuschen gebaut hat. Er selber lebt heute in New York.

Doch warum dieser Rückgriff auf die Zeit des Ersten Weltkrieges? Nur weil er genau vor 100 Jahren tobte, kann diesen Künstlern nicht reichen. «Damals wie heute ist eine grosse Verunsicherung zu spüren», sagt Fritsch. Und sie werde stets stärker.

Tatsächlich wirkt «Zita – Schtschara» mit dem Mix aus beängstigender Symbolik, eiskaltem Licht und Geschichtsklitterung befremdend und verstörend. «Kunst darf verunsichern – auf eine positive Art – sonst hakt man das Gesehene zu schnell ab», kommentiert Fritsch in ihrer klaren Art. So verlässt man die Modell-Welt von Fritsch und Koschkarow mit dem Gefühl, aus einer konspirativen Zelle zu treten, in der Vergangenheit und Gegenwart gefährlich brodeln. Hinaus in die weite leere Halle, hinaus in die Schweizer Gegenwart. Wie aber stehts hier, ausserhalb des Testgeländes, mit dem Gefühl von Unsicherheit?

Zita – Schtschara Kammerstück von Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow. Schaulager Basel, 12. Juni bis 2. Oktober.

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