Vernissage

Eine Schweizer Variante von Twin Peaks

Die Vernissage von Hannes Nüsselers Graphic Novel lockte viele Interessierte in die Galerie des Comix Shop Basel.

Iris Meier
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Auszug aus Hannes Nüsselers erster Graphic Novel «Das Haus am Wald».

Auszug aus Hannes Nüsselers erster Graphic Novel «Das Haus am Wald».

zvg

Wer Nüsselers zweite Graphic Novel «Das Haus am Wald» in die Hand nimmt, gerät sehr bald in ein Dilemma. Einerseits möchte man so schnell wie möglich die Seiten wenden, weil die Geschichte von Anfang an so packend ist; andererseits sind die einzelnen Bilder von einer so dunklen Schönheit und klugen Komposition, dass man am liebsten so lange wie möglich auf einer Seite verweilen will. Die Spannung siegt, das Blatt wird gewendet.

Bald steht fest: Die Stimmung während der Autofahrt zwischen der Tochter Diana und ihrer Mutter ist angespannt. Was kann die Mutter dagegen haben, dass ihre Tochter in ihre alte abgelegene Villa am Ende der Welt einziehen will? Das Haus selbst ist unheimlich, gar der Swimmingpool wirkt irgendwie bedrohlich. Und die Masken und Geweihe, die der verstorbene Vater gesammelt hatte, machen das Ganze nicht lockerer. Was verbirgt dieses Haus?

Hier erzählt ein Cineast

Hannes Nüsseler spinnt die Geschichte einer schwangeren jungen Frau, die versucht, in einem kleinen Dorf auf dem Land anzukommen und dabei einem Familiengeheimnis auf die Spur kommt. Er tut dies mit verknappten Dialogen, geschickten Perspektivenwechseln und einer hervorragenden Regie von Hell und Dunkel. Wenn es blitzt in dieser Graphic Novel zuckt man zusammen, als sässe man im Kinosaal. Es ist augenfällig: Hier erzählt ein Cineast. Das Comicbuch des Basler Journalisten und Filmkritikers ist spannend wie ein Film von Alfred Hitchcock und unheimlich wie einer von Ursula Meier, eine Art Schweizer Variante von Twin Peaks.

Das Dorf ist archetypisch und historisch zugleich. Der Pfarrer, der Nachbar, der Wald. Christoph Blocher, die EWR-Abstimmung, die Autobahnraststätte Pratteln. Mit raffiniert beiläufigen Bildern führt uns Nüsseler ins Jahr 1992. Aus dem 4:3 Röhrenfernseher grinst Fred Feuerstein, eine witzige Anspielung auf den Sturm Wilma, der gerade im Anzug ist. Es macht Spass, Nüsseler zu folgen in eine Zeit, in der wir noch hofften, Christoph Blocher sei eine Erscheinung, die vielleicht bald wieder verschwinden wird. Die Integration des Fremden wird verhandelt, Diana bemüht sich um Anschluss, nimmt dazu gar am Basar der Kirche teil.

Die Ausgestaltung der Figuren zeigt, was für ein präziser Beobachter Nüsseler ist. Die Darstellung des selbstsicheren Ganges eines Hundes neben dem gekrümmten Rücken seines Herrchens mit Hut transportiert eine eigene Geschichte, der man gerne gedanklich nachhängt. Der eigentliche Showdown wird dann in der Retrospektive erzählt.

Ausstellung im Comic-Shop Basel

Die Ausgangslage für Nüsselers Inspiration bot eine Villa in Arlesheim, die in seiner Kindheit seine Fantasie angeregt hatte. Das Haus war schlecht proportioniert und viel zu gross, um heimelig zu sein; eben unheimlich. Viel später verfasste er dazu eine Kurzgeschichte. «Aber sie war einfach nicht gut genug. Es hat nicht funktioniert. Es war zu blumig geschrieben, da musste vieles weg», sagte Hannes Nüsseler an der Vernissage im Comix Shop Basel, und seine Bescheidenheit ist echt.

Das Blumige hat Nüsseler dann weggestrichen und an seine Stelle sprechende Bilder gesetzt. Die Graphic Novel, ein etwas längerer, narrativer Comic, war die ideale Form dafür. Er zeichnet mit Bleistift, danach mit Tusche und fügt zum Schluss verschiedene Graustufen durch Raster am Computer hinzu.

Rund dreissig der originalen Seiten sind bis zum bis 20. Mai in der Galerie des Comix Shops zu sehen. Wer sich die in der Edition Moderne erschienene Graphic Novel kaufen möchte, für den lohnt es sich, bei dieser Gelegenheit ebenfalls die Ausstellung zu besuchen. Die fast doppelt so grossen Originale berühren nochmals auf eine andere, direktere Art, die Tuschzeichnungen wirken fragiler und intimer als das Endprodukt. Die sorgfältige Bearbeitung durch den Computer verleiht den Bildern eine gewisse Kühle, die das Gefühl des Unbehaglichen hervorragend unterstützt.

«Das Haus am Wald» ist als Lektüre ab zwölf Jahren zu empfehlen, besonders Leserinnen und Lesern, die wenig Zeit haben, oder solchen, die besonders viel Zeit haben. Speziell freuen darüber werden sich Leute mit einem Auge fürs Detail, einer Vorliebe für Hitchcock, historische Bezüge und Fred Feuerstein. Klassische Comic-Fans kommen ebenso auf ihre Kosten wie Novizinnen und Novizen auf dem Feld der Graphic Novel.