Die Gegenwart nur ein wenig weiter gedreht: Nana Kwame Adjei-Brenyahs wütendes Buch gegen den Rassismus zwischen den Zeilen

Der US-Autor Nana Kwame Adjei-Brenyah hat die amerikanische Gegenwart weitergedacht – und beschreibt sie in furiosen Erzählungen. Warum der Ausruf «Alles übertrieben!» in diesem Erzählband nicht gilt.

Valeria Heintges
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Düstere Vision: Protest am 7. Juli 2016, in St.Paul, Minnesota, gegen den gewaltsamen Tod eines Schwarzen durch die Polizei.

Düstere Vision: Protest am 7. Juli 2016, in St.Paul, Minnesota, gegen den gewaltsamen Tod eines Schwarzen durch die Polizei.

Bild: Keystone/Richard Tsong-Taatarii

2012 erschiesst der 28-jährige Nachbarschaftswachtmann und Latino George Zimmerman den 17-jährigen afroamerikanischen Highschool-Schüler Trayvon Martin, der vor seinem Haus entlangging. Zimmerman wird freigesprochen. Begründung: Es war Notwehr.

Der 30-jährige Amerikaner Nana Kwame Adjei-Brenyah dreht die Gegenwart nur ein wenig weiter und beschreibt in seiner Erzählung «Die Finkelstein Five» einen Prozess, in dem der Angeklagte mit der Begründung freigesprochen wird, er habe nur seine eigenen Kinder retten wollen. Deshalb köpfte er fünf schwarze Kinder, das jüngste sieben Jahre alt. Mit der Kettensäge.

Gegen die minutiöse Berichterstattung der Geschehnisse vor Gericht setzt Adjei-Brenyah, dessen Eltern aus Ghana in die USA immigrierten, Emmanuels Perspektive. Der bekommt am Telefon erst einen Termin für ein Vorstellungsgespräch und kurz danach die Nachricht, dass die Stelle vergeben sei. «Also, die Sache ist die», sagt der Anrufer, «wir haben hier schon diesen Jamaal, und dann ist da auch noch Ty, der ist Halbägypter. Ich finde, das wäre des Guten zu viel.» Am Ende wird Emmanuel mit Freunden die Finkelstein Five rächen wollen. Im letzten Moment zögert er, Unschuldige sterben zu lassen. Die Polizei wird ihn trotzdem töten.

Hilflos möchte man rufen: «Alles übertrieben»

Kwame Adjei-Brenyah dreht in seinen Erzählungen die Gegenwart immer nur ein kleines bisschen weiter – und schon wird sie zu einer grauenhaften, monströsen Zukunft. Zwischen den Zeilen ist jederzeit die Wut zu ­spüren, die den 30-Jährigen ­antreibt. Selbst der beissende Humor, der immer wieder hervorblitzt, wird von ihr genährt.

Deutlich versperrt Adjei-Brenyah Lesern den Ausgang, die sich mit einem «Alles übertrieben» der Wucht entziehen wollen. Dafür ist die Verzweiflung, auch die Lakonie, die sich weigert, zur Gleichgültigkeit zu werden, zu gross, zu schreiend, zu laut.

Adjei-Brenyah belässt es nicht beim Thema Rassismus; spiesst auch Oberflächlichkeit auf und Gier nach Geld, Konsum und Ruhm. Etwa in der Titelstory «Friday Black». Hier wird der Rabatt-Tag «Black Friday» zur heissen Schlacht im Kleidergeschäft. Mit unzähligen Verletzten und Dutzenden Toten. Die Devise der Chefs: In 30 Tagen muss der Laden eine Million Dollar Umsatz machen.

Den Weg zum Erfolg pflastern Leichen und Habsucht. Eine Habsucht, die den Tod in Kauf nimmt, die Erwachsene über Kinder hinwegtrampeln lässt und zum Kampf Jeder-gegen-Jeden wird. Eine Habsucht, die den Verkäufer die Prämie gewinnen lässt, der das wilde, geifernde Gestotter der Kunden überhaupt entziffern kann.

Die Kinder erben die Selbstsucht der Eltern

Auch unschuldige Menschen bevölkern Adjei-Brenyahs Universum, aber nur wenige. Denn die Kinder erben die Selbstsucht der Eltern: In «Lark Street» stehen die beiden Föten Jackie Gunner und Jamie Lou neben dem Bett ihres Daddys und fordern Rechenschaft – am Tag nach ihrer Abtreibung.

Sie sind mitnichten nette, kleine Babys. Vielmehr herrscht Jackie Gunner nicht nur seinen Vater, sondern auch seine Schwester an, tritt sie, schlägt und schreit. Als Jamie Lou vom Vater den Rat bekommt, sie solle «sich selbst behaupten» und «nicht so rumschubsen» lassen, wie es in der herrlich-ruppigen Übersetzung von Thomas Gunkel heisst, interpretiert Jamie Lou das als Freifahrtschein. «Er hat mich gepiesackt», sagt sie über ihren Bruder, «deshalb habe ich ihn umgebracht.» Dass Töten eine Option ist, das wenigstens hat der Vater ihnen beigebracht.

Nana Kwame Adjei-Brenyah: Friday Black, Storys, Penguin Verlag, 240 S.