Kunstmuseen

Hässlich ist schön – Fondation Beyeler zelebriert Jean Dubuffet

Die Fondation Beyeler in Riehen BS zelebriert Jean Dubuffet. Anarchie in ihrer schönsten Form.

Sabine Altorfer
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Die Fondation Beyeler in Riehen BS zelebriert Jean Dubuffet
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Die Fondation Beyeler in Riehen BS zelebriert Jean Dubuffet

Keystone

Zum Auftakt bekommen die Besucher alles geboten, was ein Museumserlebnis ausmacht: Da mäandriert eine weiss-schwarze, höckrige Bank vor dem Shop der Fondation Beyeler, da drehen sich lustige Puzzleteile in der Luft. So gut und so typisch Jean Dubuffet. Und, schau an, da steht in der Ecke ein Soldat: Weiss-blau-rot, lebensgross, wie ein vorsintflutlicher Roboter. Das ist ein Selfie-Point der Superklasse. Hier muss man sich und seine Freunde fotografieren: Mensch trifft Kunst-Mensch-Maschine.

Doch dann ... harter Schnitt. Nun ists aus mit der populären Gefälligkeit. Nun gehts in die Anfänge des Anarchisten Jean Dubuffet (1901–1985). Eines Anarchisten allerdings, der Radikalität und Dekonstruktion mit einer Art gmögiger Kindlichkeit und einer grossen Experimentierfreude paarte – und so ein einzigartiges Werk schuf.

Eine heftige Revolte

Das erste Bild zeigt knallbunte nackte Männer. Die Köpfe sind rosarote Scheiben, die Körper etwas ungelenk – und doch wirken sie wie Wächter am Eingang zu dieser anderen Welt. Ein Virtuose im Zeichnen oder Malen war dieser Dubuffet nicht. Seine weisse Kuh auf einer schematischen, dafür umso grüneren Landschaft oder der nackte Mann dessen Körper flach wie ein Papier und mit roten Linien wie eine Landkarte vermessen ist, sie sind grob und ungestüm auf die Leinwände geworfen.

Es sind heftige Bilder und sie waren vor allem bei ihrer Entstehung 1943–45 ziemlich fremd in einer Zeit, in der zwar viele Maler experimentierfreudig waren, aber doch gerne mit ihrem Können auftrumpften.

Jean Dubuffet, 1901 in Le Havre in Frankreich geboren, wollte Maler werden, wurde aber Weinhändler wie sein Vater. Erst als 41-Jähriger und nach mehreren Versuchen schaffte er es, die Weinhandlung – nun in Paris – zu verpachten und sich als Künstler selbstständig zu machen. In diesen späten Pariser Kriegsjahren entstehen seine heftigsten Bilder, viele sind düster, doch sie erzählen nur indirekt von Krieg und Entbehrung. Denn Dubuffet konzentrierte sich auf Landschaften und Menschenbilder, wobei das eine auch das andere sein konnte. «Alles ist Landschaft» soll sein Credo gewesen sein, das die Fondation Beyeler dankbar aufgenommen und in den Ausstellungstitel «Metamorphosen der Landschaft» umgemünzt hat.

Er türmte schwarze Fassaden zu labyrinthischen Hauslandschaften, lässt da-
rin krude Figuren in den Fenstern wie
in einem Adventskalender auftreten. Er malt die algerische Wüste als riesige, rissige Fläche, als geologische Erscheinung, in der Lebewesen sich verstecken.

Geboren aus dem Brei

Doch bald reichen dem wilden Maler die Ölfarben alleine nicht mehr. Er mischt sie mit Kohle, Sand und Steinen zu einem Brei, aus dem er Landschaften mehr modelliert denn malt.

Schroff und schrundig, die Farben schmutzig, sind es apokalyptische Darstellungen.

Doch der Mensch ist nicht vergessen: Dubuffet kratzt ihre Umrisse in seine Farbaufträge oder lässt sie wie dumpfe Knetfiguren erscheinen.

Und er wagt gar, Frauenakte – den Inbegriff klassischer Schönmalerei – oder Porträts von Freunden hässlicher zu malen, als man es sich vorstellen konnte.

Anregung aus der Psychiatrie

Seine Werke bekommen dadurch eine urtümliche Kraft. Sind sie nun hässlich oder schön? Die Frage wird obsolet. Man schaut sie – so paradox das klingt – mit Genuss und Freude an.

Denn hier bohrt und forscht einer nach dem Urgrund. Man muss dabei nicht gerade an die Schöpfungsgeschichte denken, aber doch dem Maler zugestehen, dass er seine eigene Welt, seine eigenen Wesen aus dem Farbbrei knetete.

Angeregt zu seiner kruden Handschrift, zu seiner Malerei ausserhalb der gängigen Konventionen, wurde Dubuffet durch Bilder von Psychiatrie-Patienten. Diese lernte er 1945 auf seiner Schweizer Reise kennen. Als «art brut» bezeichnete er ihre Kunst, sammelte sie mit Leidenschaft – und vermachte seine Kollektion dem Lausanner Museum de l’art brut.

Seine Werke waren mal malerischer, mal materialhaltiger. Zur Skulptur war es also nur ein kleiner Schritt.

Aus Pappmaché, aus Kies und Farbe, aus Fundstücken entstehen so drollige wie hässliche, so abstossende wie sympathische Kerlchen. Dubuffet vertraute aber auch der Schönheit der Natur: aus Laubblättern, Rindenstücken und farbig schimmernden Schmetterlingsflügeln baute er berückend schöne mosaikartige Landschaften.

Selbstzitate

In den 1960er-Jahren kehrte der Künstler zur Buntheit seiner ersten Bilder zurück. Aber viel kleinteiliger. Und braver. Er puzzelte bunte Bildteilchen – oft Zitate aus seinen früheren Werken – zu Stadtbildern oder bunten Bildteppichen. Da wirds humor- und effektvoll, aber nicht unbedingt besser.

Und dann, ja dann entdeckte in den 1970er-Jahren auch Jean Dubuffet den Reiz seiner Telefonzeichnungen. Und so kamen schwarz-rot-blaue Strichzeichnungen auf seine Bilder, wurden zu lustigen Kostümen oder verliessen gar die Bilderrahmen. So entstanden geometrische Landschaften, Bänke und die Figuren, die wie bunte Roboter
wirken. Sie liess Dubuffet als «Coucou Bazar» auch auf der Bühne agieren. 60 dieser Figuren sind das Prunkstück der Schau und immerhin zwei davon dürfen noch bewegt werden. Sie sollen das Publikum viermal pro Woche zusätzlich unterhalten.

Jean Dubuffet – Metamorphosen der Landschaft Fondation Beyeler, Riehen. 31. Jan. bis 8. Mai. Katalog: 232 S., Fr. 62.50.Dubuffet-Rallye für Smartphones und Tablets (via App Actionbound) ab 5. Februar.