Zürich

Kunsthaus Zürich gewährt Einblick in Edvard Munchs Labor

Das Zürcher Kunsthaus zeigt rund 150 Werke des Norwegischen Expressionisten Edvard Munch. Die Sammlung wird erstmals öffentlich gezeigt und erlaubt einen Tiefen Blick in das Schaffen des Künstlers.

Urs Bugmann
Drucken
Teilen
Das Kunsthaus Zürich zeigt Meisterwerke von Edvard Munch
7 Bilder
Das Kunsthaus Zürich zeigt Meisterwerke von Edvard Munch
Das Kunsthaus Zürich zeigt Meisterwerke von Edvard Munch
Das Kunsthaus Zürich zeigt Meisterwerke von Edvard Munch
Das Kunsthaus Zürich zeigt Meisterwerke von Edvard Munch
Das Kunsthaus Zürich zeigt Meisterwerke von Edvard Munch
Das Kunsthaus Zürich zeigt Meisterwerke von Edvard Munch

Das Kunsthaus Zürich zeigt Meisterwerke von Edvard Munch

Keystone

Eine grosse und lange Liebesgeschichte – so bezeichnet Kunsthaus-Direktor Christoph Beckert die Beziehung zwischen Edvard Munch und Zürich: 1922 eine erste Ausstellung mit 74 Gemälden und um die 400 grafischen Blättern. Es war die erste Munch-Ausstellung in der Schweiz und sie legte den Grundstock zur heute grössten Sammlung seiner Gemälde.

Die gestern im Kunsthaus Zürich eröffnete Ausstellung «Munch. 150 Grafische Meisterwerke» gibt im Eigangssaal den Blick frei auf diese hochkarätige Sammlung von Gemälden Edvard Munchs (1863–1944), die durch Ankäufe, Leihgaben und Schenkungen zustande kam.

In dieser Reihe der Gemälde hängt neben dem Porträt des damaligen Direktors Wilhelm Wartmann (1882–1970) an einer der dunkel olivgrün bemalten Wände auch der «Vampir» von 1917, ein Motiv voller dunkler Schwere, dem man dann auch unter den grafischen Werken wieder begegnet. Die 150 grafischen Meisterwerke entstammen einer Privatsammlung, die mit den Worten von Christoph Becker einen «kompletten Überblick in exzellenter Qualität» über das grafische Schaffen Munchs erlaubt: «Zahlreiche Blätter sind tatsächlich Unikate, viele Serien singulär, und als Ganzes zählt diese Sammlung zu den weltweit besten.»

Ikonen für das Bildgedächtnis

Erstmals wird diese Sammlung jetzt zum 150. Geburtstag des 1944 verstorbenen Edvard Munch öffentlich gezeigt. Sie erlaubt einen hinreissenden Blick auf die grossen Themen im Werk dieses Künstlers: Liebe und Sexualität, Einsamkeit, Eifersucht und Verzweiflung, die Angst und das Ausgesetztsein des Menschen. Edvard Munch schuf am Anfang des 20. Jahrhunderts Ikonen für seine existenziellen Erfahrungen, die sich dem Bildgedächtnis unauslöschlich einprägen und bis heute nichts an Intensität verloren haben.

Noch immer berührt und erschüttert die laszive Pose der «Madonna», die in dieser Ausstellung in sechs Lithografien in unterschiedlichen, 1895 und 1902 entstandenen Versionen zu sehen ist: Einmal tiefer in der Farbe, einmal ohne das umrandende Ornament aus Spermien; in Schwarzweiss einmal auf weisses, einmal auf graues Papier gedruckt. Eine der ersten Kaltnadelradierungen Munchs von 1894 zeigt das Motiv noch mit realistisch gezeichnetem Gesicht und offenen Augen, zwei embryoartige grossköpfige Figuren stehend und kauernd am linken Rand – aus denen das eine Mischwesen wird, das mit einem Totenantlitz vom Geborenwerden spricht.

Das Besondere an dieser Ausstellung, die nach Themen geordnet an dunkel getönten, blau, grün und rot nuancierten Wänden präsentiert wird, ist der Einblick in die Schaffensprozesse dieses experimentierfreudigen Künstlers, der die Druckgrafik zur Ergründung der Bildwirkung genutzt hat. Er kombiniert Lithografien mit Holzschnitten, löst Formen in Lineaturen auf, betont Stimmungen durch Farbverschiebungen, nutzt Schablonen, koloriert von Hand nach und wagt sich immer wieder an die Auflösung von Figur und Form.

Wiederholung und Differenz

Zu seinen wichtigsten Motiven zählte Edvard Munch «Das kranke Kind», das er in sechs Gemälden aufgegriffen hat. In der Zürcher Ausstellung hängen neben zwei Kaltnadel-Radierungen von 1894 und 1896 drei Lithografien von 1896, die den Kopf des Mädchens in hellem und dunklem Rot und in einem erdigen Grün zeigen – in dieser Fassung ist das Haar blutrot überfärbt: In Wiederholung und Differenz öffnet dieses Bild beklemmende seelische Tiefen. «In meiner Kunst habe ich versucht, mir das Leben und dessen Sinn zu erklären», notierte Edvard Munch einmal. «Ich wollte auch anderen helfen, das Leben zu ergründen.»

Kunsthaus Zürich Bis 12. Januar 2014. Sa/So/Di 10-18 Uhr, Mi/Do/Fr 10-20 Uhr.

Katalog: Edvard Munch Die grafischen Meisterwerke. 208 Seiten, Fr. 55.–. www.kunsthaus.ch