Oper
Musealer Liebesschmerz

Intendant Andreas Homoki inszeniert am Zürcher Opernhaus Bellinis «I Puritani» als Standbild mit Variationen.

Jenny Berg
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Wie in einem überdimensionierten Waschzuber: Elvira (Pretty Yende) und Arturo (Lawrence Brownlee) besingen ihre Liebe. Judith Schlosser

Wie in einem überdimensionierten Waschzuber: Elvira (Pretty Yende) und Arturo (Lawrence Brownlee) besingen ihre Liebe. Judith Schlosser

Judith Schlosser

Elvira liebt Arturo. Und Arturo liebt Elvira. Das tönt nach einem verlässlichen Happy End – wenn wir nicht in der Oper des 19. Jahrhunderts wären. Hier kann es gut und gerne einmal drei Stunden dauern, bis sich das Liebespaar endlich in die Arme fallen kann. Bis dahin absolvieren die Protagonisten Liebesschwüre in den allerhöchsten Tönen. Hochleistungssport für die Sängerinnen und Sänger ist das. Die Disziplin heisst: Belcanto.

So funktioniert auch «I Puritani», die letzte Oper des jung verstorbenen Vincenzo Bellini. Sie spielt während der grausamen englischen Glaubenskriege der Renaissance, und Elvira und Arturo gehören verfeindeten Lagern an. Doch sie dürfen dennoch heiraten – wenn Arturo nicht kurz vor dem Traualtar verschwinden würde. Elvira verfällt dem Wahnsinn. Was sie nicht weiss: Ihr Verlobter flieht nicht etwa vor der Ehe. Sondern er rettet seine todgeweihte Stuart-Königin. Ihr Schicksal ist ihm mehr Wert als sein eigenes und das seiner Geliebten. Ein Steilpass für die Regie, könnte man meinen: Ehre, Volkszugehörigkeit, persönlicher Verzicht – Themen, die auch heute noch aktuell sind.

Knacknuss für den Regisseur

Doch das müsste man herausarbeiten, das Libretto ist nicht stringent genug. Carlo Pepoli hat es 1834 mit viel Mühen erstellt – und soll Bellini zu dem berühmten Spruch geführt haben, dass ein gutes Libretto eines sei, das keinen rechten Sinn habe.

Eine Geschichte zu inszenieren, die keinen rechten Sinn hat, kann für den Regisseur eine echte Knacknuss sein. Andreas Homoki, Intendant des Opernhauses Zürich und nun in Personalunion auch Regisseur, hat sich daran die Zähne ausgebissen. Denn viel ist ihm nicht eingefallen zu Elvira und Arturo und den ewigen Liebesschwüren.

Seine Figuren singen auffallend oft an der Rampe – was auch der Bühnengestaltung geschuldet ist. Henrik Ahr hat sie fast komplett mit einem grossen, tiefschwarzen ovalen Etwas gefüllt – in Form und Machart einem überdimensionierten Waschzuber nicht unähnlich. Dieser zieht auf der Drehbühne seine Kreise und gibt hin und wieder Einblick in seinen weissen Innenraum, der wahlweise mit dem Chorvolk, einigen Stühlen, Kerzen für die Hochzeitszeremonie oder Leichen als Verbildlichung von Elviras Wahnsinn bestückt ist.

Ausserhalb dieses Waschzubers wird es auf der Bühne schnell eng, sodass die vielen Chorszenen in dieser Oper rasch eine bedrückende Enge erzeugen. Eine Verfolgungsjagd um das Ding herum hingegen wirkt schnell lächerlich, und den Solisten bietet die kahle Fläche wenig Anhaltspunkte zur Darstellung ihrer Rollen.

Musik überzeugt

Die historisierenden Kostüme von Barbara Drosihn tragen das Ihrige zu der eigenartig musealen Inszenierung bei. Rein optisch hat man im ersten Akt schon fast alles gesehen – und kann in den Akten zwei und drei getrost die Augen schliessen, um sich ganz der Musik hinzugeben. Deren Interpretation ist nämlich, wie oft am Zürcher Opernhaus, von erster Güte.

Generalmusikdirektor Fabio Luisi führt das Orchester vom ersten Ton an zu drängenden Tempi, zu lebendiger Agogik, zu einem klangvollen Mitfühlen und Mitgestalten all der Emotionen, die Bellini in die Musik hineinkomponiert hat. Er vermag es meisterhaft, mit dem Orchesterklang die Sängerinnen und Sänger zu tragen, zu stützen und schweben zu lassen.

Darauf kann sich besonders Pretty Yende einlassen. Die Südafrikanerin, über deren schwarze Hautfarbe im Vorfeld viel berichtet wurde, ist das eigentliche Ereignis dieser Produktion. Sie spielt die Elvira nicht nur, sie lebt sie. Ihr junger, strahlender Sopran hat ein natürliches Volumen, das nie angestrengt oder forciert wirkt. Die Koloraturen perlen nur so aus ihr heraus, als gäbe es nichts Naheliegenderes, auf diese Weise Gefühle auszudrücken. Ihrem Bühnenpartner Arturo hingegen, dem Afroamerikaner Lawrence Brownlee, sieht man die physische Anstrengung dieser Partie durchaus an – was seine lupenrein getroffenen hohen Töne nicht minder sensationell machen.

Auch Ensemble und Chor bekommen viel Jubel beim Premierenapplaus. Das Regieteam hingegen erntet Buhs – verständlich für eine angesichts dieser ungewöhnlich mutlosen Inszenierung. Lediglich den Schluss einer solchen Oper abzuändern, reicht nicht aus, um sich ins Gedächtnis des Publikums einzubrennen. Gerade das hochsubventionierte Musiktheater sollte zumindest versuchen, stärker Position zu beziehen und die alten Werke in einen heutigen Kontext zu integrieren.

I Puritani Vincenzo Vellini. Opernhaus Zürich. Weitere Vorstellungen bis 10. Juli. www.opernhaus.ch