Franziska zu Reventlow

Skandalgräfin: Vor hundert Jahren starb die Urgrossmutter der sexuellen Revolution

Zum 100. Todestag der in Locarno beigesetzten Autorin und «Skandalgräfin» Franziska zu Reventlow.

Astrid Diepes aus Locarno
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Sie rebellierte gegen sexuelle Konventionen: Fanny zu Reventlow im Jahr 1900 als junge Frau am Strand von Samos.

Sie rebellierte gegen sexuelle Konventionen: Fanny zu Reventlow im Jahr 1900 als junge Frau am Strand von Samos.

DLA-Marbach

Wer 100 Jahre nach dem Tod der Gräfin Franziska zu Reventlow, einst Königin der Münchner Bohème, ihre Grabstätte sucht, wird mit grossen Augen angesehen. «Fanny zu Reventlow – die kennen wir nicht», ist die einstimmige Antwort der Locarnesen. Am 26. Juli 1918 verstarb sie in der ehemaligen Clinica Balli in Muralto (Kreis Locarno) an den Folgen eines Fahrradunfalls, in Locarno ist sie begraben. Ihr Freund Rainer Maria Rilke würdigte sie: «Ich finde, dass ihr Leben eins von denen ist, die erzählt werden müssen.» Nur 47 Jahre alt wurde die schöne Fanny. 47 Jahre, in denen sie mehr erlebte als manch Hundertjähriger.

Im autobiografischen Roman «Ellen Olestjerne» sagt ihr Alter Ego Ellen: «Ich möchte mehrere Leben nebeneinander haben – eines dürfte dann meinetwegen tragisch sein und entsagend und mit einer grossen stillen Liebe – ‹gut und glücklich› sein – verstehst du, aber das andere – nur hineinstürzen und alles über sich zusammenschlagen lassen.» Zu Lebzeiten war sie als «Skandalgräfin» bekannt, weil sie ihre Liebhaber häufig wechselte. Zeitweise bestritt sie, die eigentlich Malerin sein wollte, ihren Lebensunterhalt als Prostituierte. Ihre Biografin Kerstin Decker beschreibt sie als «Virtuosin der freien Liebe» und als «erste Frau von heute». Wie zu Reventlow gegen die damaligen sexuellen Konventionen rebellierte, bezeugen freizügige Ferienfotos, die im Sommer 1900 am Strand von Samos entstanden sind und für die die Gräfin später als Urgrossmutter der sexuellen Revolution angepriesen wurde.

Grabstätte bis 2079 bezahlt

Nach einstündiger Suche auf dem ausgedehnten Friedhof von Locarno an der Kirche Santa Maria in Selva kommt der Friedhofswärter zu Hilfe, der den Namen ebenfalls noch nie gehört hat. Lange blättert er dicke Ordner mit besonders alten Grabstätten durch, bis er auf einer der letzten Seiten fündig wird: «Contessa Francesca Reventlow?», fragt er mit einem Lächeln. Und: «Rodolfo Reventlow?» Die Grabstätte, an der die Schriftstellerin und ihr Sohn Rolf die letzte Ruhe gefunden haben, ist bis 2079 bezahlt.

In München kennt man sie besser als heute in Locarno. Ihre Anfangszeit als Malschülerin in München beschrieb zu Reventlow: «Und das Arbeiten in unserm grossen kühlen Atelier, und dann wieder in die Sonne hinaus, den ganzen Tag sein eigner Herr sein, keinen Moment des Tages sich nach anderen richten zu müssen. So habe ich mir’s geträumt, das ist endlich die Luft, in der ich leben kann.» Zu Lebzeiten war sie auch in Locarno und in Ascona bekannt wie ein bunter Hund. Hier schrieb sie – oft im Vogelfängerturm «Roccolo», in dem vor ihr die Puppenmacherin Käthe Kruse lebte – ihre Schwabinger Romane.

Auf ihren Münchner Jahren mit Künstlerfreunden im Stadtteil Schwabing beruht ihr berühmtestes Buch: Der Schlüsselroman «Herrn Dames Aufzeichnungen» erschien 1913, als sie bereits in der Schweiz lebte. Ab 1910 war die an der Nordsee geborene Gräfin in Ascona am Lago Maggiore zu Hause. Die geschiedene Frau und Mutter eines unehelichen Sohnes war im Oktober des Jahres nach Ascona gekommen, um sich hier auf eine Scheinehe mit einem kurländischen Baron einzulassen. Am Tag der Ankunft suchten sie und ihr Sohn eine Unterkunft. Das angebotene Zimmer im «Ristorante al Lago» erschien ihr unzumutbar. Schliesslich kamen sie im «Albergo Quattrini», dem besten Hotel vor Ort, unter. Beim Aufwachen notierte Fanny: «Ascona heut morgen bei Tageslicht war eine freudige Überraschung.»

Ihr Scheinehemann war trunksüchtig und liebte eine arme italienische Waschfrau. Braut und Bräutigam wollten durch die Hochzeit an das Erbe seines Vaters kommen. Für diesen war eine standesgemässe Ehe des Sohnes Voraussetzung. Wahrscheinlich war sie selbst überrascht, als sie ihren Bald-Schwiegervater beim Kennenlernen ins Herz schloss: «Der Schwiegervater freut mich eigentlich an der ganzen Sache am meisten.» Bereits früh hatte sie sich mit ihren strengen, aristokratischen Eltern überworfen. Selbst sagte sie, sie habe von ihrer Mutter nie Mutterliebe gespürt. Der Schwiegervater war für sie Vaterersatz. 1911 wurde geheiratet – die protestantische Kirche in Locarno fanden sie am Tag der Trauung erst in letzter Minute.

Opfer der Bankenkrise

Im Frühjahr 1914 war der durch die Scheinehe gewonnene Reichtum von einem Moment auf den anderen dahin. Ohnehin hatte sie statt der erwarteten 100 000 Schweizer Franken nur 40 000 erhalten. Als Folge des Grossen Tessiner Bankenkrachs waren nun drei Banken aus Ascona und Locarno bankrott: darunter auch das Kreditinstitut ihres Vertrauens, die «Credito Ticinese». In diesem Moment soll sie laut ihrem Sohn: «Es filmt mal wieder!» ausgerufen haben. Ab 1916 lebte Fanny in Muralto. Sie schrieb weiter Romane. Im Casino von Locarno arbeitete sie als Lockvogel: Wenn die schöne Gräfin hohe Summen setzte, konnten auch andere nicht widerstehen. Da sie nicht aus eigener Tasche setzte, durfte sie auch Gewinne nicht behalten.

Der Schriftsteller, Publizist, Anarchist und Antimilitarist Erich Mühsam war als eine der Zentralfiguren der Schwabinger Bohème mit Fanny zu Reventlow befreundet. Er hatte für seine Freundin den Kontakt für die Scheinehe mit dem baltischen Baron hergestellt. Nach ihrem tödlichen Unfall erinnerte er sich an sie: «Ich grüsse diese Tote mit inniger Verehrung. Sie trug, ausser ihrem Namen, nichts an sich, was vom Moder der Vergangenheit benagt war. In die Zukunft gerichtet war ihr Leben, ihr Blick, ihr Denken; sie war ein Mensch, der wusste, was Freiheit bedeutet. (...) Wenn sie lachte, dann lachte der Mund und das ganze Gesicht, dass es eine Freude war hineinzusehen. Aber die Augen, die grossen, tiefblauen Augen, standen ernst und unbewegt zwischen den lachenden Zügen.»

Kerstin Decker Franziska zu Reventlow – Eine Biografie. Berlin-Verlag.