Architektur

Tate Modern: Muesums-Erweiterung aus Schweizer Hand

Herzog & de Meuron haben mit dem «Switch House»am südlichen Themse-Ufer ein neues Zeichen gesetzt.

Stefan Schuppli, London
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Switch House von Herzog & de Meuron
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Switch House von Herzog & de Meuron

Iwan Baan

Monumental steht er da, der neue Tower der modernen Kunst an der Themse. Eine Pyramide ohne Spitze, mit leicht geknickten Fassaden: als hätte jemand mit einem Messer ein Stück weggeschnitten und ein anderes drangeklebt. Eine Form, die sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick erschliesst. Auf der Zinne der Burg sind winzige Menschen zu erkennen – 60 Meter über dem Boden haben sie Blick über die gesammelten Architekturwerke Londons, die versuchen, sich gegenseitig in den Schatten zu stellen.

Wie schon bei der Umnutzung des ehemaligen Kraftwerks war auch beim Neubau das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron («HdM») am Werk. Und wie 2000, als das Kraftwerk (heute Boiler House genannt) als Museumsgalerie mit Wechselausstellungen eröffnet wurde, sorgt auch der vor einem halben Jahr eröffnete Anbau («Switch House») für Furore. Er steht auf den enormen ehemaligen Öltanks des Kraftwerks. Wer eine gute Nase hat, kann’s noch immer riechen. Dort, im Untergeschoss, werden heute Videoproduktionen gezeigt.

Beeindruckende Dimensionen

Innen überrascht der 65 Meter hohe Bau mit eindrücklichen Tragholmen aus Beton. Wir blicken in Schluchten, die sich zwischen Innen- und Aussenfassade auftun, freuen uns über elegante riesige Treppen und gelangen Stockwerk um Stockwerk nach oben. Es gibt grosse Räume und kleine Nischen zum Verweilen. Zwischendurch fallen Ähnlichkeiten zu den beiden Neubauten des Kunstmuseums Basel und des Landesmuseums in Zürich von Christ & Gantenbein auf, ebenfalls ein Basler Architekturgespann. Auch in Basel und Zürich überwältigt aussen die Wucht der Fassaden. Innen jedoch bekommen Treppen, Rampen und Fenster ein befreiendes Eigenleben.

Geht man durch das «Switch House», ändern alle paar Meter Lichteinfall und Raumempfindung. Bis zum vierten Stockwerk sind Ausstellungen verschiedener Künstler oder Gattungen, so etwa die Fotosammlung von Elton John sowie die Schau von Louise Bourgeois mit ihren irritierenden Werken zu sehen. Im vierten Stock verbindet in der Turbinenhalle eine Brücke den alten mit dem neuen Trakt.

Zuoberst bietet, wie eingangs erwähnt, die Aussichtsterrasse einen atemberaubenden 360-Grad-Blick über London, den man sich nicht entgehen lassen darf. Man kann auch einen Blick auf die Wohnungen in den gegenüberliegenden Glastürmen erheischen. Einige Nachbarn reklamierten, sie seien selbst zu Ausstellungsstücken geworden. Eine Wohnung kostet an dieser Stelle bis zu sechs Millionen Pfund. Freilich: Wer in die benachbarten Wohntürme einzieht, weiss, was ihn erwartet: ein bis unters Dach belebtes Monument, das jährlich fünf Millionen Besucher empfängt.

Dass einige den 260-Millionen-Pfund-Bau als «schroff» oder gar abweisend empfinden, kann Architekt Jacques Herzog nicht nachvollziehen. Das widerlegen alleine schon die enormen Besucherzahlen. Es habe nie Kritik gegeben in diese Richtung. «Aber das Gebäude soll neugierig machen, das stimmt, das ist eine bewusste Strategie. Und es ist damit zu einem riesigen Erfolg geworden, es ist das mit Abstand am meisten besuchte Museum für moderne und zeitgenössische Kunst weltweit. Es ist offen für alle. Offenheit, Durchlässigkeit und Kundenfreundlichkeit sind uns sehr wichtige Anliegen.»

Bauen in Zusammenarbeit

Die ehemalige Power Station war ja vorgegeben und wurde vom damaligen Architekten Sir Giles Gilbert Scott wie eine Burg oder Kathedrale entworfen. «Uns war es wichtig, dass der Anbau sich mit dieser vorgegebenen ästhetischen Welt auseinandersetzt und nicht als demonstratives Gegenbild von heute, etwa als gläserner Baukörper, auftrumpft. Unser Bau ist ja wegen der perforierten Backsteinwände dennoch sehr lichthaltig, keinesfalls schwer, wie man es vermuten könnte», so Herzog. «Der Innenraum ist vielfältig, mit seinen verschiedenen Proportionen und Dimensionen eröffnet sich eine Museumswelt, die es nirgends sonst zu sehen gibt.»

Das Projekt hatten Herzog & de Meuron in enger Zusammenarbeit mit dem Direktor der Tate, Nick Serota, gemacht. «Er hat grosses Interesse und auch ein Gespür für Architektur. Er war zeitweise fast ein Teil unseres Teams. Das Museum ist etwas für die Kunstwelt und die Bevölkerung geworden. Das war das Ziel, und ich denke, es ist uns auch gelungen.»

Statistik des Erfolgs

Tatsächlich ist die Tate Modern ein riesiger Publikumsmagnet, seit dem Neubau erst recht. Halbjahreszahlen sind keine bekannt, aber nur so viel: Am Eröffnungswochenende im Juni strömten 143 000 Besucher herbei. Einen Monat später belief sich die Zahl auf eine Million. Zum Vergleich: Das erfolgreichste Museum der Schweiz, die Fondation Beyeler in Riehen, erreicht eine solche Zahl in zwei Jahren.

Der Publikumsaufmarsch blieb für das Quartier am südlichen Themseufer nicht ohne Wirkung. Seit der Eröffnung der Tate Modern im Jahr 2000 hat sich der heruntergekommene Bezirk Southbank/Southwark stark verändert. Es wurde viel gebaut. Es ist im Sinne der Architekten wie der Museumsleitung, dass sich Anwohner die Tate als Aufenthaltsraum aneignen: Spielende Kinder sind eher die Regel als die Ausnahme. So werden Kunst und Museum bisweilen zu einer fröhlichen Veranstaltung, und wie immer ist die Kulinarik ein Magnet. Die Bars im obersten Stock des alten wie auch des neuen Trakts sind nicht zu verachten: Beispielsweise gegen Abend, wenn die St. Paul’s Cathedral langsam in der Dämmerung versinkt, nach und nach die Lichter angehen und sich über dem Fluss dieses einzigartige Londoner Licht breitmacht. Lights of London. Magisch, der Ort. Und monumental.