Kunst
Traumwelten mit guten Feen und bösen Geistern

Das war Fantasy vor 100 Jahren: Die Künstler des Symbolismus malten Alpträume und Visionen, das Paradies und die Abgründe. Das Kunstmuseum Bern hat eine grosse Schau angerichtet mit dem verlockenden Titel «Mythos und Geheimnis».

Sabine Altorfer
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Ferdinand Hodler. Die Nacht, 1889-1890
7 Bilder
Augusto Giacometti: Adam und Eva, 1907
Arnold Böcklin: Meeresstille (1886/1887)
Carlos Schwabe. La vague, 1907
Giovanni Segantini. La vanità (la fonte del male), 1897
Albert Welti. Nebelreiter, 1896
Bildergalerie 1

Ferdinand Hodler. Die Nacht, 1889-1890

Kunstmuseum Bern

Geisterhafte, hysterisch schreiende Frauen in einer Welle unter einem brandroten Himmel. Darüber der Schriftzug «Mythos und Geheimnis». Ein Werbeplakat für den neusten Fantasy-Film? Weit gefehlt. Es ist die Affiche für die Ausstellung über «Symbolismus und die Schweizer Künstler» im Kunstmuseum Bern. Doch die Falsch-Interpretation ist gar nicht so falsch. Die Welt der Geister, Erscheinungen, Träume und Jenseitsvorstellungen wie sie in Literatur, Film und Computerspielen boomen ist, nicht weit weg von den Vorstellungen der Künstler zwischen 1880 und 1910.

Da tanzen Geister, Wolken werden zu märchenhaften Feen, Blut trieft, seltsame Doppelwesen erschrecken uns, Bäume verwandeln sich in Ungeheuer, und über allem scheint fahl der Mond am stürmischen Himmel.

Doch weshalb schwappten Ende des 19. Jahrhunderts solche Ideen in die Kunst, und warum sind sie heute dermassen populär? Sind es die Umbruchzeiten, die Literaten, Filmer und Maler in die Geisterwelten, in die Fantasie flüchten liessen oder sie gar auf den Monte Verità oder ins Goetheanum von Rudolf Steiner trieben? Ende des 19. Jahrhunderts stülpte die Industrialisierung die Gesellschaft um. Und heute? Wir leben dank Internet auch in Parallelwelten, und die rasante technische Entwicklung, düstere Klimaprophezeiungen, und die Verschiebung der Machtverhältnisse machen uns auch Angst. Kein Wunder also, ist Fantasy in – und im Schlepptau daran – das Interesse am Symbolismus wieder erstarkt.

Direktor Mathias Frehner und Kuratorin Valentina Anker streiten die Nähe und Verwandtschaft nicht ab. Gut ist aber, dass sie die historische Schau nicht mit Vergleichen aus dem Heute ergänzt haben. Denn es geht in dieser Ausstellung nicht um die Illustration einer Bewegung, sondern um Kunstwerke, die aus dieser Weltsicht entstanden sind. «Der Symbolismus ist einen Haltung des Geistes, der alles umarmt», erklärt Valentina Anker, die Kennerin des Symbolismus in der Schweiz. «Die Bilder zeigen den Zustand der Seele.»

Stark ist die Schau dort, wo sie auf hervorragende Werke setzt – schwach, wo sie mit dokumentierenden Fotografien arbeitet. Und stark fängt sie an.

Am Anfang hängt Ferdinand Hodlers «Die Nacht», mit dem der Schweizer in Genf abgelehnt wurde in Paris aber zur internationalen Karriere ansetzte. Der Titel ist allerdings beschönigend, «Alptraum» wäre wohl richtiger. Friedlich schlafen die Figuren bis auf einen Mann, der mit schreckgeweiteten Augen auf die schwarz verhüllte Figur starrt, die ihm schwer auf der Brust hockt. Dagegen ist die weiss gewandete Frau auf einer Bank im Mondlicht auf dem Gemälde von Gaetano Previati nebenan eine lichte engelhafte Erscheinung.

Zwischen diesen beiden Polen oszilliert die Ausstellung – ergänzt durch viele Nebenfacetten wie Natur, Mythologie, Horror, Erotik und Wahnsinn. Eine dunkel Frauengestalt wird bei Clara von Rappard zur «Seele, Brahmane»; Carlos Schwabe, der Maler des Plakates, lässt Homer mit Engel-Begleitung spazieren; einen «Kentaurenkampf» malt Arnold Böcklin; Augusto Giacomettis «Adam und Eva» leben gefährlich mit der Schlange; Cuno Amiet führt uns ins perfekte «Paradies» und malt fast zeitgleich seine Frau flankiert vom doppelten Tod; bei Giovanni Segantini wird das Spiegelbild einer Frau im Wasser zum Ungeheuer, aber zugleich findet er den «Engel des Lebens» auch auf einem Baum.

17 Themen hat Valentina Anker gesetzt, wirklich systematisch sind sie nicht und auch die Bemalung der Wände vom tiefsten Blau über brandrot bis zu violett und grün hilft nur bedingt zur Orientierung.

Trotz dieser Schwächen, was hier ausgebreitet wird, ist eine Entdeckung. So kompakt und doch breit aufgefächert, liess sich diese Strömung in der Kunst noch nie sehen. Und erstaunlich ist auch, dass die Schweizer Maler – Hodler, Valloton, Böcklin, Segantini – international tonangebend waren. «Die Schweiz hat eine grosse Tradition des Mystischen», erklärte Anker. In der Lyrik waren es mit Baudelaire oder Mallarmé die Franzosen.

Viel hervorragende Malerei zeigt, wie Künstler nicht nur die Balance zwischen Realismus und Traum gefunden haben, sondern Bilder schufen, die eindringlich Träume, Hoffnungen und Todesangst darstellen. Einzig Frömmelei und Esoterik haben die Kunst nahe an den Kitsch gerückt. Die Ausstellung ergänzt zudem unser Bild der Kunst um 1900, die uns in letzter Zeit intensiv landauf landab präsentiert wurde, um ein Kapitel, das man bei der Feier der Meister der Moderne gerne im nächtlichen Nebel der Fantasie vor sich hin dämmern liess.

Mythos und Geheimnis Kunstmuseum Bern, 26. April bis 18. August. Danach im Museo cantonale d’arte in Lugano. www.kunstmuseumbern.ch

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