«Und Liebe bis hin zur Vernichtung»

Trotz seiner Stimmgewalt ist er ein Mann der leisen Töne. – Wahrhaftige Persönlichkeiten müssen nicht wie Gockel auftreten.

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Aargauer Zeitung

Peter Belart

Immer wieder überrascht Valentin Vassilev die Chormitglieder anlässlich der Proben mit seinem stupenden musikalischen Können. Er hat eine ganz besonders schöne, geschulte Stimme, und auch das Klavier beherrscht er mit spielerischer Leichtigkeit. Seine ganz grosse Qualität ist aber in der Emotionalität zu sehen, die er der Musik und den Figuren der Oper entgegenbringt.

Diese Eigenschaften machen ihn zur Idealbesetzung für die Aufgabe des Chorleiters. Es ist keine einfache Aufgabe: Die Chorsänger sind fast durchwegs Laien mit einer eher bescheidenen Gesangsausbildung, und die Oper umfasst nebst eingängigen Melodien auch einige sehr schwer zu treffende Tonfolgen. All das lässt sich jedoch in der 11⁄2-jährigen Vorbereitungszeit bewältigen, ist Vassilev überzeugt.

Liebe, Lust und Leidenschaft

Doch mit den richtigen Tönen allein ist es nicht getan, schon gar nicht in der Oper «Carmen» von Georges Bizet. Sie verlangt ein weit überdurchschnittliches Mass an Emotionalität, an Leidenschaft. «‹Carmen› ist für mich die Oper aller Opern», sagt Vassilev. «Das ganze Leben ist da drin zu finden: Freundschaft, Hass und Liebe bis hin zur Vernichtung, einfach alles.» Aus Erfahrung weiss Vassilev: «Diese Oper lässt niemanden kalt. Man wird gepackt von dem Stoff, von der ungeheuer kompakten Dramaturgie. Oft habe ich Menschen in ‹Carmen›-Aufführungen weinen sehen.» Es sind diese extremen Gefühle, die auch der Chor vermitteln muss, und darin erkennt Vassilev die grösste Herausforderung. «Es genügt nicht, lau und im Bemühen um Korrektheit an die Musik zu treten. Verlangt wird auch vom Chor ansteckende Leidenschaft.»

Die Figuren laden zur Identifikation ein, denn die Helden und Heldinnen dieser Oper sind nicht etwa Könige, nicht Feldherrn oder Götter. Carmen ist eine Fabrikarbeiterin und Zigeunerin, Don José ein subalterner Offizier, ein Mensch mit Schwächen und Abgründen, der von seinen Leidenschaften überflutet wird und ihnen nicht gewachsen ist. «Über allem steht die Liebe, dieser unbegreifliche Motor, der die Menschen erhöhen, beglücken - und vernichten kann.»

Hinweise

Expo Die «Oper Schenkenberg» wird vom 22. bis 25.10. an der Expo Brugg-Windisch an einem Stand vertreten sein.
Aufführungen «Carmen» wird vom 11. bis 22. August in Schinz-nach-Dorf aufgeführt. Details:
www.operschenkenberg.ch

Erstes «Konzert» mit vier Jahren

Valentin Vassilev ist in einer bulgarischen Kleinstadt aufgewachsen. Als Spross einer Familie, in der dem Gesang und der Musik schlechthin ein hoher Stellenwert zukam, erlernte er ab dem sechsten Lebensjahr das Klavierspiel. Doch schon zwei Jahre früher hat der Junge anlässlich eines Familienfestes sein erstes «Konzert» gegeben. Von den Eltern ermuntert, hatte er zum Mikrofon gegriffen und einige Liedchen vorgetragen. Nach der Grundschule absolvierte er die Mittelschule mit Schwerpunkt Musik, danach studierte er zwei Jahre lang Musikpädagogik und weitere fünf Jahre Chorleitung. In der ganzen Zeit vervollkommnete er seine Gesangs- und Klavierausbildung. 1988 schloss er seine Studien ab.

«Bulgarien hat eine sehr gute Chor-Tradition. Das Niveau des Chorgesangs ist weit überdurchschnittlich.» Schon als junger Hochschulabsolvent sang Vassilev in einem ambitionierten Chor mit, der sich hauptsächlich der traditionellen orthodoxen Musik widmete. Immer wieder wurde dieser Chor an die Bregenzer Musikfestspiele eingeladen, und hier war es auch, wo Vassilev Kontakte mit Schweizer Musikexponenten knüpfte.

1993 erhielt er einen Ruf an das Bieler Musiktheater. Hier leitet er einen grossen Laienchor, mit dem er alljährlich vier Produktionen einstudiert. «Die Menschen kommen nicht zum Broterwerb, sondern weil sie Freude an der Musik haben. Damit entsteht ein ganz anderer Zugang als bei einem Berufschor. Das gefällt mir.» Man nimmt es Vassilev ohne weiteres ab, wenn er sagt: «In einem Laienchor sind wir Freunde. Die Leute kommen in die Proben, weil sie das gerne tun, nicht weil sie müssen; sie suchen und finden die regenerierende Kraft der Musik.»

Die Ketten sprengen

In Biel hat Vassilev nicht nur die Liebe seines Lebens gefunden; er ist auch dem in Schinznach-Dorf wohnhaften Operntenor Peter Bernhard begegnet. Dieser hat in einigen Bieler Produktionen mitgewirkt und sich dabei von den Qualitäten Vassilevs beeindrucken lassen. Da ist es naheliegend, dass der Name Vassilev schnell einmal auftauchte, als man sich im Schenkenbergertal mit der Realisierung des Operprojekts «Carmen» zu befassen begann.

Bereits zweimal hat Vassilev bei «Carmen»-Inszenierungen mitgewirkt; viele Male hat er sie im Publikum genossen.

Und jetzt hat er sich die Aufgabe gestellt, einen Chor zu formen, der den musikalischen und vor allem den emotionalen Ansprüchen der Oper «Carmen» gerecht wird. «Wir müssen uns in den Text, in die Personen und in die Handlung einfühlen, mit aller Energie. Wir müssen die uns hemmenden Ketten sprengen!»

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