Das Virus und wir

Unsere Kinder werden sich erinnern

Trottoirs werden bei dem schönen Wetter zur Freiluftgalerie. Ein wiederkehrendes Motiv sticht dabei besonders ins Auge.

Hannes Nüsseler
Drucken
Teilen
Trotz Strahlenkranz keine Sonne: ein Coronavirus auf dem Asphalt.

Trotz Strahlenkranz keine Sonne: ein Coronavirus auf dem Asphalt.

zvg / Max Basler

Die Sonne scheint dieser Tage, als sei nichts passiert: Schliesslich ist es nicht ihre Korona, die den Menschen den Alltag verschattet – das kommt erst wieder im überhitzten Hochsommer (Pardon, Greta!). Jetzt drücken in den Rabatten die Blumen und in den Häusern die Sorgen. Woher kommt das Geld, aber auch: Wohin mit den Kindern?

Die Trottoirs in den Wohnquartieren haben sich deshalb vielerorts zu temporären Freiluftgalerien gewandelt. Allenthalben kauern die Kleinen mit ihren Strassenkreiden am Boden und begrüssen den verfrühten Frühling mit kühnem Strich: expressive Schraffuren zielen ins Abstrakte, unförmige Hasen zitieren die Art brut, Himmel-und-Hölle-Spiele feiern die Konkrete Kunst. Und dazwischen immer wieder kreisrunde Gebilde mit seltsam verkümmerten Strahlen. In einem Fall gibt ein Dohlendeckel die runde Form vor, an den die knubbeligen Strahlen ansetzen. Die Sonne? Nein, ganz offensichtlich das Coronavirus – in aller Unschuld gemalt.

Erinnerungen an die eigene Kindheit werden wach. Damals, als Ende der Siebzigerjahre das Atomkraftwerk Kaiseraugst verhindert wurde und ich im Chinderwägeli den zivilen Widerstand aus der Froschperspektive erlebte. Ob die Demonstranten wirklich vor dem inneren Auge vorbeiziehen oder ob sie nicht eher aus den Erzählungen meiner Eltern marschiert sind, weiss ich nicht. Sehr wohl aber, dass ich ein, zwei Jahre später mit Ölkreiden bewehrt Plakate gegen Atomstrom an Gartenzäune klebte. Die Gefahr, die von atomarer Strahlung ausgeht, war mir nicht einmal ansatzweise bewusst, viel stärker war die Faszination am Grafischen: der massige Kühlturm, rot durchgestrichen. Und vor allem der Totenkopf mit gekreuzten Knochen.

Kinder sehen die Welt anders. Harmloser, vielleicht. Ganz bestimmt aber mit einem feinen Gespür für die Ängste der Erwachsenen, die in verhuschten Gesprächen und leise gestellten Nachrichten umgehen. Diese Sorgen werden gebannt und in eine ansprechende Form gebracht – einfache Kreise und Strahlen, die uns in dieser unwirklichen Zeit auf Schritt und Tritt begleiten. Unsere Kinder werden sich daran erinnern.