Masseneinwanderungs-Initiative

Von den Kulturleuten hörte im Abstimmungskampf nur, wer hören wollte

Analyse zum vermeintlichen Schweigen der Kulturszene und der Intellektuellen vor der Abstimmung zur Masseneinwanderungs-Initiative. sie schwiegen nicht, sondern liessen ihre Werke sprechen – leider hören da viele nicht zu, sehen viele nicht hin.

Sabine Altorfer
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Solothurner Filmtage Eröffnung

Solothurner Filmtage Eröffnung

Hanspeter Baertschi

Wo waren eigentlich die Kulturleute, die Intellektuellen vor der Abstimmung? Wo waren die Stimmen, die uns Morales und rechtes Tun lehren? Diese Fragen – oder ist es schon ein Vorwurf – hört man am Tag nach der Abstimmung.

Mit politischen Statements haben sich die Kulturschaffenden und Intellektuellen tatsächlich seltener als auch schon gemeldet. Laura de Wecks mutiger Videoclip war eher die Ausnahme als die Regel. Bei ausländischen Museumsdirektoren, Theaterleitern oder Orchesterintendanten war das Schweigen verständlich. Aber die anderen? Sie setzten auf ihre Werke.

Im Film das Thema Nummer 1

Die Solothurner Filmtage sind noch in bester Erinnerung. Das beherrschende Thema: Wir und die Fremden. Wir sahen Pflegerinnen aus Osteuropa, ohne die alte Menschen in der Schweiz nicht leben könnten. Den Schweizer Döner-König, der beinahe ausgewiesen worden wäre. Im Ungewissen wartende, abgewiesene Asylbewerber in einem Bergdorf. Schlepper und ihre Opfer in Athen. Eine bulgarische Prostituierte in Zürich. Ausländische Schüler in Basel, die sich zu integrieren versuchen ...

Alles Geschichten aus dem Leben, alles Menschen, denen wir dank der Arbeit von (Schweizer) Filmerinnen und Filmern begegnen konnten. Wir lachten auch über die Idee, was wäre, wenn wir Deutschland zum grossen Kanton machen würden. Film um Film zum Thema Zusammenleben, Migration, Einwanderung – ernsthaft, herzerweichend oder komisch, heutig oder historisch. Und übrigens: Da war nichts von einem Röstigraben zu sehen.

Songs, Bücher und Theater

In der Literatur: Drei der sechs je verliehenen Schweizer Buchpreise haben Autorinnen mit Migrationshintergrund gewonnen: Ilma Rakusa, Melinda Nadj Abonji und Catalin Dorian Florescu. Nicht nur in ihren Büchern finden sich Schicksale, politische Diskussionen, gesellschaftlich Brennendes zum Thema Einwanderung, Zerrissenheit zwischen einem Land, wo man entwurzelt wurde und einem Hier, wo man Boden finden will, über Identitäten, Ausgrenzung, Anderssein. Auch an den Theatern ist das Thema hochaktuell. Am Samstag war in Bern Premiere zu «Wir sind keine Barbaren!». Und wir haben Lieder von Rapper Greis und von Steff la Chef gehört, Endo Anaconda hat sich geäussert. Bei Ausstellungen mit aktueller Kunst made in Switzerland ist das wichtigste Thema – neben dem Rückbezug auf die Kunst – der Zustand der Gesellschaft.

Das Réduit ist nicht ergiebig

Weil Künstlerinnen und Künstler aller Sparten heute auch Nomaden sind, mal da, mal dort leben, nicht nur im schweizerischen Gärtli hocken und selbstverständlich mit ausländischen Kolleginnen arbeiten, haben sie keine Berührungsängste. Für die allermeisten ist Weltoffenheit, und also eine offene Schweiz, eine Selbstverständlichkeit. Sie alle haben erfahren, dass sich abgrenzen, einigeln, sich ins wirtschaftliche Réduit verkriechen, noch selten ergiebig war. Und wer an der Welt teilhaben will, muss auch die Welt zulassen.

Das «falsche» Publikum

Doch warum haben ihre vielen beherzten Plädoyers in ihren Werken nicht gewirkt? Schauen Sie sich das Publikum im Theater, an den Solothurner Filmtagen, in Konzerten, bei Lesungen oder in Ausstellungen an! Das sind nicht jene 28 Prozent aller Stimmberechtigten – nur jeder zweite stimmte ja ab –, die ausländerfeindlich gestimmt haben. Oder anders gesagt: Wenn die Intellektuellen und Kulturschaffenden in der ganzen Bevölkerung gehört werden wollen, reicht ihr Werk alleine – leider – nicht.