Olten
Von Maden und «Verseckleten»

Alex Capus las erstmals aus seinem Roman, der 2011 erscheinen soll, Peter Bichsel erzählte, wie Olten ihn als Bub «versecklet» hatte, und Franz Hohler erntete Sympathien mit Kindergeschichten. Der Solothurner Abend bot viel Überraschendes.

Drucken
Buch

Buch

Schweiz am Sonntag

Adriana Gubler

«Wo sind eigentlich die Solothurner Schriftstellerinnen?», fragte Moderatorin Britta Spichiger, DRS1-Redaktorin, Solothurnerin wohlverstanden, am Solothurner Abend. Peter Bichsel wusste die Antwort: «Die leben halt in Zürich.» Wo auch immer sie weilen - Hauptsache, die männlichen Solothurner Schriftsteller trafen sich am Freitagabend zum Gipfeltreffen an der Buchmesse Olten. Sie boten im Stadttheater Überraschendes und Anregendes. Erstmals waren die fünf Solothurner Schriftsteller-Grössen auf einer Bühne vereint: Peter Bichsel, Alex Capus, Franz Hohler, Ulrich Knellwolf und Franco Supino.

Zwar ein Solothurner, aber trotzdem ein wenig ein «fremder Fötzel» machte den Anfang: Der Grenchner Franco Supino. Fremd nicht wegen seiner italienischen Herkunft, sondern weil er als Einziger in der Runde nicht in Olten die Schulbank drückte. Das Publikum im rappelvollen Stadttheater verziehs ihm. Supino las eine Geschichte aus seinem neu erschienenen Buch «Solothurn liegt am Meer». Die Geschichte ist ein Aufsatz, den er 1983 als 17-jähriger Bursche schrieb. «Der neapolitanische Dialekt gehört für mich zu Solothurn, nicht zu Neapel.» Weil er zu Hause in Grenchen mit seinen Eltern immer nur neapolitanisch gesprochen habe. Doch, doch, der fremde Fötzel ist am Solothurner Abend ganz richtig situiert.

Ulrich Knellwolf schrieb letzte Woche einen Text für den Solothurner Abend, mit Namen «Oltner Tagblatt, eine Erinnerung». Besonders viele davon blieben ihm an den ehemaligen Chefredaktor Alfred Wyser. «Mit einem durch und durch liberal denkenden Schädel auf die Welt gekommen, gab er diesen nie an irgend einer Garderobe ab», beschrieb ihn Knellwolf. Eine besondere Anekdote war sein Vorstellungsgespräch, das er bei Wyser hatte. Knellwolf, so las er, hatte zuvor noch nie für eine Zeitung geschrieben, konnte weder Maschineschreiben noch Steno. «Sie können ja überhaupt nichts. Sie können am nächsten Montag bei uns anfangen», war das Fazit Wysers.

Diesen bisher unveröffentlichten Worten Knellwolfs folgten jene von Alex Capus. Er las aus einem Buch, das 2011 erscheinen soll. «Ich kann ja nicht 30 Jahre lang aus dem ‹König von Olten› vorlesen.» So kam das Publikum in den Genuss, mehr über Capus' Grossvater zu erfahren. In jungen Jahren ein blonder, kräftiger Bursche, Gymnasiast, allerdings nicht allzu oft am Gymnasium anzutreffen, da er lieber mit Kumpels in einem geklauten Bötchen auf hohe See fuhr. Auch in dieser Geschichte Capus' vermischen sich Dichtung und Wahrheit. «Ein Schriftsteller braucht einen Anstoss, der die Dampfmaschine in Gang bringt, und später die grösstmögliche Freiheit.» Denn eigentlich sei es ihm egal, was wirklich passiert sei. Der Teil, den Capus zum Solothurner Abend beitrug, war ungewohnt persönlich gefärbt.

Auf Capus' persönlichen Beitrag folgten Hohlers leicht bekömmliche Kindergeschichten. «Härzig» etwa seine Erklärung, warum auf Spielsachen «Made in Hongkong» steht. Schuld daran ist eine winzige Made. Von den anderen Maden nicht wirklich ernst genommen, nahm sie sich vor, nach Hongkong zu reisen. In einer Kiste gelangte sie an ihr Ziel. Wie sie es schaffte, dass es die freudige Botschaft «Made in Hongkong» auf alle Spielzeuge schaffte, bleibt an dieser Stelle unverraten. Hohlers Kindergeschichten mit Herz schafften eine ideale Abwechslung zu dem Gelesenen der anderen vier Solothurner im Bunde. «Für Bücher gibt es keine Altersbegrenzung», hielt Hohler fest. Tatsächlich, denn nach der Lesung war Hohlers «Das grosse Buch» mit seinen gesammelten Kindergeschichten vergriffen - Kinder hatte es übrigens nicht im Publikum.

Peter Bichsel entschied sich ebenfalls für eine Geschichte, die nichts mit Olten zu tun hat. «Es ist aber immerhin eine Eisenbahngeschichte», bemerkte er. Eine Reise in der Transsibirischen Eisenbahn und eine Begegnung mit einem afrikanischen Graupapagei waren Gegenstand seiner Geschichte. Der
Älteste in der Runde besann sich seiner ersten Erinnerungen an Olten. «Als ich mit meinen Eltern nach Olten umzog, redete ich mir ein: In Olten fluchen die Leute nicht und lügen nicht.» Als er in Olten ankam, habe niemand geflucht und niemand gelogen - «einen halben Tag lang». Dann habe er einen Buben fluchen gehört, und Bichsel war sich sicher: «Olten hat mich versecklet». Die Gedanken eines 6-Jährigen.

Die literarischen Delikatessen konnten die Besucher etwa mit «Oltner Öpfubrot» oder mit «Hägendörfer Schinkenpastete» abschmecken. Mit der Musik von Saxofonistin Fabienne Hörni und der Klavierspielerin Rahel Thierstein liess sich der unterhaltsame Solothurner Abend hervorragend verdauen.