BUCH: Das Comeback eines berühmten Rigi-Abenteuers

Der grosse Autor Mark Twain schilderte einst begeistert und eloquent eine Rigi-Besteigung. Der Text ist nun in einer neuen Ausgabe erschienen. Mitsamt Twains bekanntem Humor und einer sehr speziellen Schriftsetzung.

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Schriftsteller Mark Twain etwa zum Zeitpunkt seiner Rigi-Besteigung von 1878. (Bild: PD)

Schriftsteller Mark Twain etwa zum Zeitpunkt seiner Rigi-Besteigung von 1878. (Bild: PD)

Ich bin ein Vielleser. Nicht nur allerlei Sachbücher landen auf meinem Nachttisch, sondern auch Schweden-Krimis und Belletristik aus allen literarischen Himmelsrichtungen. Besonders angetan haben es mir Abenteuer aller Art. Zu meinen Jugendhelden gehören neben Sherlock Holmes, Winnetou und Kara Ben Nemsi auch Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Letztere sind Kinder eines gewissen Samuel Lang­horne Clemens (1835–1910) – besser bekannt als Mark Twain.

Im Frühling 1897, auf seiner dritten Europareise, reist der US-Schriftsteller nach Weggis, verliebt sich in die unvergleichliche Landschaft und bleibt gleich den ganzen Sommer hier wohnen. Er ist so begeistert von diesem Ort, dass er der englischen Sprache eine hübsche Wortschöpfung schenkt: «This is the charmiest place I have ever lived in!» (er schreibt tatsächlich «charmiest», nicht korrekt «the most charming»). Ein Gedenkstein unter einer kleinen Eiche beim Bühlegg erinnert an ihn, 2016 wurde zur 900-Jahr-Feier der Rigiweg übers Felsentor nach ihm benannt, mit Informationstafeln.

In «Bummel durch Europa» (Original: «A Tramp Abroad», erschienen 1880) schildert er diese Europareise, mit der berühmten Geschichte «Eine Rigi-Besteigung» (A Summit Sunrise), in welcher der Autor den Sonnenaufgang auf Rigi Kulm verschläft.

Der Band beginnt mit den Worten: «Eines Tages fiel mir ein, dass der Welt schon seit Jahren nicht mehr der Anblick eines Mannes geboten worden war, der Verwegenheit genug besass, zu Fuss eine Reise durch Europa zu unternehmen. Gründliches Nachdenken überzeugte mich, dass ich geeignet war, der Welt zu diesem Anblick zu verhelfen. Also entschloss ich mich dazu. Das war im März 1878.» Twain war damals 43 Jahre alt ... Aus diesen Sätzen blitzt uns der Schalk dieses listigen Geistes entgegen.

Er bezahlte die Jodler fürs Nichtsingen

Die legendäre Schilderung seines Rigi-Abenteuers «Climbing the Rigi» war längere Zeit vergriffen. Darin begibt er sich sozusagen auf den Bärenzingelpfad, bezahlt zuerst die einheimischen Jodler fürs Vorsingen (und kurze Zeit später, als dies völlig überhand nimmt, fürs Nicht-Singen!) und verpasst schlussendlich ... Aber bitte lesen Sie selber weiter.

Denn das ist nun wieder möglich, weil dank einer bibliophilen Neuausgabe, die im Luzerner Verlag Edition Bücherlese erschienen ist. Der Band ist edel gestaltet, ergänzt mit vielen Abbildungen aus der reichen Postkarten-Sammlung der Familie Käppeli, Gastgeber des Hotels Rigi Kulm.

Beim Schriftsatz hat sich Grafikerin Teresa Iten etwas Besonderes einfallen lassen, das dem humorvollen Bergsteigen gerecht wird. Statt des gewohnten rechteckigen Blocksatzes wurde der Satzspiegel als Dreieck gestaltet. Dadurch entstand eine Art Wort-Berg-Panorama, dessen Gipfel und Zwischen-Gipfel sich durch den fortlaufenden Text zufällig formen, ein kurzweiliges und -welliges Auf und Ab des Leseflusses. Der Text übrigens ist zweisprachig wiedergegeben, englisch und deutsch, was den Lesegenuss quasi verdoppelt.

Auch bekannt für freche Lebensweisheiten

Mark Twain wanderte und fuhr also durch halb Europa, wohnte in Berlin und in Wien, und eben auch in Weggis. Er war ein wichtiger Vertreter des amerikanischen Realismus, besonders wegen seiner humoristischen, von Lokalkolorit und genauen Beobachtungen sozialen Verhaltens geprägten Erzählungen sowie aufgrund seiner scharfzüngigen Kritik an der amerikanischen Gesellschaft. In seinen Werken beschreibt er den alltäglichen Rassismus; seine Protagonisten durchschauen die Heuchelei und Verlogenheit der herrschenden Verhältnisse.

Sein Publikum begeisterte Twain auch mit Humor und pointierten Aphorismen, die zuweilen sein Misstrauen gegenüber dem Menschen ausdrückten. Etwa: «Als Gott den Menschen schuf, war er bereits müde; das erklärt manches.» Wer mehr davon lesen will, dem sei das Restaurant Riva in Weggis empfohlen. Dort ist Mark Twain eine ganze Wand voller Sprüche gewidmet.

John Wolf Brennan*

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis
Mark Twain: Climbing the Rigi. Hrsg.: Hotel Rigi Kulm, Edition Bücherlese 106 S., Fr. 26.–.

* Gastautor John Wolf Brennan ist Klassik- und Jazzmusiker sowie Komponist, Dirigent und Kolumnist. Er lebt in Weggis.