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BUCH: Der Weltverlag im Klosterdorf

Vor gut 20 Jahren ist der Benziger Verlag Einsiedeln von der Bildfläche verschwunden. Zuvor war er über 200 Jahre lang ein wirtschaftlicher und kultureller Faktor in der katholischen Schweiz. Heinz Nauer zeichnet seine Geschichte nach.
Niklaus Oberholzer
Die Andachtsbilder des Verlags sollten die Menschen zur Pflege der Frömmigkeit anregen. (Bild: PD)

Die Andachtsbilder des Verlags sollten die Menschen zur Pflege der Frömmigkeit anregen. (Bild: PD)

Niklaus Oberholzer

kultur@luzernerzeitung.ch

«M. Paul von Deschwanden – Ein Leben im Dienste der Kunst und Religion», geschrieben vom Einsiedler Benediktiner Pater Albert Kuhn, erschien 1882, «Das Volksmessbuch» von Pater Urbanus Bomm O.S.B. (1947), «Philipp Anton von Segesser, Demokrat zwischen den Fronten» von Victor Conzemius (1977), «Schweizer Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts» (1977), herausgegeben von Bernd Jentzsch, Lyriker, Lektor in der DDR, in die Schweiz geflüchtet: Diese Bücher stehen in meinen Büchergestellen. Sie sind grundverschieden – bis auf eines: Alle erschienen im Benziger-Verlag. Hier erschienen auch Hans Küngs «Unfehlbar? Eine Anfrage» (1970) und in den 1970er- und 1980er-Jahren in der ch-Reihe viele Übersetzungen von Romanen zeitgenös­sischer Westschweizer und ­Tessiner Autoren, und überdies Romane von Dürrenmatt, Diggelmann oder Honegger.

Global tätig mit breitem Spektrum

Die Buchtitel zeigen: Das Spektrum des von bewusst nicht nur im Programm, sondern auch in der Unternehmensführung dem Katholischen verpflichteten Persönlichkeiten geleiteten Verlages war breit. Es reichte von frommen Erbauungsbüchern bis zur Aufarbeitung der Geschichte des Schweizer Katholizismus, bis zu moderner und damals «mutiger» Theologie und bis zu bedeutender neuer Literatur. Es gab qualitative Höhepunkte in Theologie und Literatur, aber auch Tiefpunkte wie die «Trotzli»-Jugendbücher von Kaplan J. K. Scheuber.

Das Unternehmen gab auch Zeitschriften mit grosser Auflage heraus, versorgte die Pilger Einsiedelns mit Devotionalien wie kleinen Einsiedler Madonnen aus Gips und verschickte die heute meist mitleidig belächelten Bildchen von Heiligen in die ganze katholische Welt.

Benziger, Mitte des 18. Jahrhunderts aus der Einsiedler Klosterdruckerei hervorgegangen, war ein weltweit operierendes Familienunternehmen mit zeitweise bis zu 1000 Angestellten allein in der Schweiz, mit Niederlassungen in Köln und Strassburg, aktiv auf breiter Basis auch in den USA (da gibt es heute noch ein breit aufgestelltes Verlagsunternehmen Benziger). Seit 2003 gibt es, nach einem erst schleichenden und dann abrupten Niedergang, keine Benziger-Programme und auch keine Benziger-Druckerei mehr. In Einsiedeln informiert gegenwärtig eine Ausstellung im Museum Fram über die Geschichte dieses Hauses. Und eben erschien unter dem Titel «Fromme Industrie – Der Benziger-Verlag Einsiedeln 1750–1970» eine rund 400-seitige Geschichte des Verlags. Autor ist der Historiker Heinz Nauer (*1984 in Einsiedeln), der mit seiner Arbeit über Benziger an der Universität Luzern doktorierte. Heinz Nauer schreibt nicht eine übliche Unternehmensgeschichte. Im Zentrum seiner Aufmerksamkeit stehen nicht primär Umsatz, Rendite, Investitionen. Er richtet den Blick aufs Ganze – und das heisst in diesem Fall: Er zeigt das Medien-Grossunternehmen mit seinen komplexen Verästelungen hinein in die soziale, religiöse, auch politische Wirklichkeit, in der es tätig war. Er reflektiert auch die regionalen Gegebenheiten im geografisch isolierten Klosterdorf Einsiedeln, aber ebenso Technisches wie ­Reproduktionstechnologie oder Probleme der Buchbinderei.

Von Wechselwirkungen gekennzeichnet

Zentral ist für Nauer die Stellung des Verlags im Umfeld einer katholisch geprägten Gesellschaft. Diese Stellung ist von Wechselwirkungen gekennzeichnet. Einerseits beeinflusste der Verlag mit seinen bewusst auf die Bedürfnisse des katholischen «Volkes» ausgerichteten Programmen dieses Umfeld; seine Geschichte ist denn auch ein Spiegel der Entwicklung der Kirche vor allem in der Zeit vom Ersten (1869/70) zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965). Andererseits prägten Kirche und Hierarchie den Verlag erheblich und mochten ihn in seinem Aktionsradius auch einengen – zum Beispiel über die Institution des «Imprimatur», das bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil Geltung hatte: Neuerscheinungen mit theologischen Inhalten oder zu Frömmigkeit und Erbauung waren katholischen Verlegern – und natürlich auch katholischen Autoren – nur gestattet mit ausdrücklicher Genehmigung durch das bischöfliche Ordinariat.

Ein weiteres von Nauer angeführtes Beispiel kirchlicher Bindung des Unternehmens: 1965 überreichte Verlagsdirektor Oskar Betschart Papst Paul VI. in einer Privataudienz die bei Benziger in fünf Bänden erschienene Dogmatik «Mysterium Salutis» – ebenso ein Devotionsakt des Verlegers wie auch ein wirksam von Fotos begleiteter Werbeauftritt.

Heinz Nauers Werk, versehen mit Illustrationen, Tabellen und Kurzbiografien wichtiger Persönlichkeiten in und um den Verlag, ist voller interessanter Informationen zur Mentalitäts-, Wirtschafts- und Kirchengeschichte. Voller Details auch zur Frömmigkeitsgeschichte sind zum Beispiel die Ausführungen Nauers über die Andachtsbilder, die Benziger um die Wende zum 20. Jahrhundert weltweit vertrieb, und die zur Pflege zeitgenössischer Frömmigkeit anregen sollten.

Auch da zeigt sich übrigens eine Verbindung zur kirchlichen Hierarchie: 1864 sprach Pius IX. Margareta Maria Alacoque, die «Erfinderin» der Herz-Jesu-Verehrung, selig. In den Folgejahren hatten Herz-Jesu-Andachtsbildchen Hochkonjunktur.

Spannendes mitunter nur angetippt

Die übers Ganze angestrebte Fülle bringt mit sich, dass auch Spannendes mitunter nur angetippt werden kann. Beispiel dafür ist die für die Schweizer Literatur doch sehr bedeutende Endphase des Verlags nur mehr skizziert wird. Damit erfährt die Tätigkeit des Verlegers Peter Keckeis, der 1975 zum Verlag Huber in Frauenfeld wechselte, keine vertiefte Würdigung. Das gilt auch von Renate Nagel, Cheflektorin ab 1968, die bei Benziger ein qualitativ hochstehendes Programm realisierte, 1983 aber mit Judith Kimche den Verlag Nagel & Kimche gründete und hier vielen Benziger-Autorinnen und -Autoren eine neue Verlagsheimat gab.

Hinweis

Heinz Nauer: Fromme Industrie. Der Benziger-Verlag Einsiedeln 1750–1970. 396 Seiten, Verlag hier + jetzt. Baden. Fr. 49.–

Die Ausstellung im Museum Fram, Eisenbahnstrasse 19, Einsiedeln, dauert bis 17. Dezember.

www.fram-einsiedeln.ch

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